Noch nie so ruhig

So ruhig hatten wir es noch nie. Über 40 Jahre lang haben wir um diese Zeit herum den Osterhasen gespielt. Doch heuer ist alles anders. Alle unsere Kinder und Enkelkinder sind über Ostern ausgeflogen. Selbst der haarige Vierbeiner, auf den wir hin und wieder aufpassen, hat sich verkrümelt. Nicht einmal irgendwelche Blumen, die wir gießen müssten, gibt es. Da können Oma und ich uns mal voll und ganz auf uns konzentrieren – abgesehen einmal davon, dass der Garten anfängt, sich bemerkbar zu machen, und beispielsweise der Rasen unüberhörbar ruft: Mäh’ mich! Aber auch mein Schreibtisch schreit nach Aufmerksamkeit, die er auf die diversen Haufen lenkt, die es abzuarbeiten gilt. Was soll ich sagen? Irgendwie finde ich es seltsam, dass es Menschen gibt, die sich langweilen. Ich glaube, Oma und ich könnten noch so alt, aber das würde uns nie passieren. Schade eigentlich. Denn Langeweile ist, so heißt es, das schönste Geschenk, das wir uns selbst machen können. Denn erst wenn die Alltagsgedanken verschwinden, kann unser Gehirn in den Kreativ-Modus schalten. Aber wie schaffen wir es, in der sozialen Medienwelt von Twitter, Facebook, Instagram, WhatsApp und Netflix zur Ruhe zu kommen? Da gibt es nur ein Antwort: Aus- und Abschalten – die Geräte und den Kopf. In diesem Sinne allen Lesern ein frohes, geruhsames und kreatives Osterwochenende.

Beten für Notre Dame

Oma und ich sind traurig: Notre Dame hat gebrannt. Auch wenn es so scheint, als dass der Super Gau nicht eingetreten ist, so haben die Bilder doch eine tiefe Erschütterung in jedem hinterlassen, der diese Kirche als eines der Wahrzeichen unserer abendländischen Kultur ansieht. Notre Dame – unsere Frau, unsere Mutter Gottes, verletzt und geschunden. Eigentlich ist so etwas, wie das, was da gestern in Paris geschehen ist, undenkbar. Und doch ist es passiert. Unglaublich! Dabei haben Kirchen, ja ganze Städte schon gebrannt: Rom im Jahre 64 unter Kaiser Nero – mit nicht bekannten Toten, Magdeburg im Jahr 1631 im Dreißigjährigen Krieg – mit insgesamt 20.000 Toten, New York im Jahr 1776 – mit 500 Toten, Wien im Jahr 1881 – mit vermutlich bis zu 500 Toten, Tokio und Yokohama im Jahre 1923 – mit über 100.000 Toten oder Dhaka im Jahre 2012 – mit weit über 100 Toten. Die Katastrophen aufgrund von Terrorangriffen nicht mitgerechnet. Woher dann die Betroffenheit, obwohl doch so gut wie niemand zu Schaden gekommen ist – von den bewundernswerten Feuerwehrleuten einmal abgesehen. Das Gebäude, die Kirche an sich? Gewiss, Notre Dame ist ein Wahrzeichen, für Frankreich allemal, aber auch für die Welt. Aber da ist noch etwas Anderes: Wir Menschen in diesen Tagen haben uns daran gewöhnt, dass alles seinen Gang geht und das in geordneten Bahnen. Wir glauben: Uns kann nichts passieren. Doch weit gefehlt. Das Leben ist voller, auch unangenehmer Überraschungen. Was soll ich sagen? Ein, wenn nicht der wesentliche Grund an der großen Betroffenheit über die Brandkatastrophe von Paris ist vermutlich unsere Technikgläubigkeit. Wir fühlen uns aufgrund der vielen technischen Sicherungssysteme mittlerweile so sicher, dass wir alles, was uns schaden könnte, für nicht real halten. Dass dem nicht so ist, hat uns Notre Dame einmal mehr gezeigt. Dass heilige Reliquien, und das nur nebenbei, das Inferno überlebt haben, ist noch eine andere Geschichte, auf die ich demnächst an dieser Stelle eingehen werde. Bis dahin: Wir beten für Notre Dame – an wen auch immer.

Das Thema Schule

Eine der Lieblingskolumnistinnen von Oma und mir hat wieder zugeschlagen. Birgitt Kelle hat in der Welt mal ihre Meinung zum Thema Schule zum Besten gegeben und damit uns beiden aus dem Herzen gesprochen. Ich will dazu nichts weiter sagen, sondern meinen Lesern empfehlen, den Text selbst zu lesen. Einfach großartig. Wer kein Welt-Abo besitzt, den kann ich nur auf einen Text verweisen, den ich vor knapp sechs Jahren schon mal wiedergeben habe:

Volksschule 1950:

Ein Bauer verkauft einen Sack Kartoffeln für 20 Mark. Die Erzeugerkosten betragen vier Fünftel des Erlöses. Wie hoch ist der Gewinn?

Realschule 1960:

Ein Bauer verkauft einen Sack Kartoffeln für 20 Mark. Die Erzeugerkosten betragen 16 Mark. Berechne den Gewinn.

Gymnasium 1970:

Ein Bauer verkauft eine Menge Kartoffeln (K) für eine Menge Geld (G). G hat die Mächtigkeit 20. Für die Element g aus G gilt: g ist 1 Mark.

In Strichmengen müßtest du für die Menge G zwanzig Strichlein (////////////////////) machen, für jedes Element g eines. Die Menge der Erzeugerkosten (E) ist um vier Strichlein (////) weniger mächtig als die Menge G. Zeichne das Bild der Menge E als Teilmenge der Menge G und gib die Lösungsmenge (L) an für die Frage: Wie mächtig ist die Gewinnmenge?

Waldorfschule 1978:

Ein Sack Kartoffeln kostet 20 DM. Ein Käufer bezahlt für einen Sack biodynamischer Kartoffeln 30 DM.

Gestalte die Seite mit harmonischen, dreigegliederten, fünfeckigen Formen, die den Text behutsam umschleiern. Benutze dazu lila „Stockmar-Wachsfarbe“.

Wer lebt länger?

Integrierte Gesamtschule 1982:

Ein Bauer verkauft einen Sack Kartoffeln für 20 DM. Die Erzeugerkosten betragen 16 DM. Der Gewinn beträgt 4 DM.

Aufgabe: Unterstreiche das Wort Kartoffeln und diskutiere mit deinem Nachbarn darüber!

Weiterreformierte Schule 1988:

Ein kapitalistisch-privilegierter bauer bereichert sich one rechtfertigung an einen sak kartoffeln um 4 marck. untersuche den tekst auf inhaltlische gramatische ortogravische und zeichensätsungsfeler. korigire die aufgabengestaltunk und demonstrire gegen die lösunk!

Was soll ich sagen? Wir zählen gerade das Jahr 2019. Wer eine Idee hat, wie die Aufgabenstellung heute aussieht, kann sie mir gerne mitteilen. Ich bin gespannt.

The time is out of joint

Wenn ich in diesen Tagen die Zeitung aufschlage, wird mir, wenn ich an meine Enkel denke, ganz anders. Manchmal glaube ich, die Welt tickt nicht mehr sauber. Nur ein paar Beispiele aus dieser Woche: Die Berliner SPD will die Bundeswehr aus den Schulen verbannen, eben die Bundeswehr, die demokratisch legitimiert und vom Grundgesetz gedeckt ist. Der Kiez in Kreuzberg kämpft für, ja Sie haben richtig gelesen, für Aldi, also den Inbegriff für Discounter und ihre Geschäftspraktiken. Die Umweltaktivistin Greta Thunberg findet Atomenergie als Übergangslösung doch nicht so schlimm, die Atomenergie, bei der es ansonsten immer heißt: Nein, danke. Und in London begehen die Briten gerade Selbstmord aus Angst vor dem Tod und steuern ungebremst auf einen harten Brexit zu – mit dem Nebeneffekt, dass sich die Mutter aller Demokratien gerade bis auf die Knochen blamiert. Wer mir das alles vor ein paar Jahren angekündigt hätte, der wäre von mir stante pede ins politische Irrenhaus eingewiesen worden. Doch heute scheint das alles ganz normal, wobei mir völlig klar ist, dass diese Einschätzung ganz wesentlich vom Standpunkt abhängt – Point of View eben. Was soll ich sagen? The time is out of joint, um mit Shakespeares Hamlet zu sprechen, was gewiss nicht heißt, dass früher alles besser war. Ganz im Gegenteil. Da war nämlich alles noch aus Holz, sogar die Gummistiefel, die in Holland „klompen“ heißen.

Bequem laufen fühlt sich sicher anders an: Unser ältester Enkel in “klompen” von Oma.

Wie im siebten Himmel

Oma und ich feiern heute unseren 43. Hochzeitstag. Laut Hochzeitstag-Liste heißt dieser Tag Bleihochzeit, weil, so steht es dort geschrieben, Blei ein nahezu oxidationsfreies und damit sehr haltbares Metall ist – wie eine Ehe nach 43 Jahren. Also, nichts mit bleierner Füßen oder Gedanken. Wir beide genießen derzeit unser Leben in vollen Zügen und können nach wie vor voll und ganz unterschreiben, was ich im letzten Jahr zu unserem 42. Hochzeitstag geschrieben habe: Es geht uns wirklich gut. Was soll ich sagen? Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, bis auf, dass wir ausgesprochen wohlgemut unserem 44. Hochzeitstag entgegensehen. Und das empfinden wir nun wirklich nicht als Griff nach den Sternen, auch wenn der Hochzeitstag in einem Jahr, warum auch immer, Sternenhochzeit heißt. Sicher ist aber, dass wir uns heute einmal mehr wie im siebten Himmel fühlen.

Brabants genieten

Obwohl die Niederlande mittlerweile mit 110 Sterne-Restaurants in der Gourmet-Königsklasse mitspielt – zum Vergleich: Das fünf Mal so viel Einwohner zählende Deutschland hat „nur“ 309 Sterne-Restaurants -, kann man im Alltag nicht gerade von einer anspruchsvollen Esskultur unseres Nachbarn sprechen. “Eten uit de muur”, Frittenbuden wie Sand am Meer oder indonesisch angehauchte Chinarestaurants en masse sind nur ein paar Stichworte, die die Situation beschreiben. Dennoch: Still und leise hat sich ein gastronomischer Mittelstand herausgebildet, der dem in Deutschland in Nichts nachsteht. Das sind kleine, aber feine Lokale, in der eine beachtliche Küche zu einem fairen Preis zu haben ist. Ein solches Beispiel ist das ’t Wevershuisje, das in Gemert in Nord-Brabant unweit der deutschen Grenze liegt. Die Speisekartenjedenfalls machen schon Appetit und Lust auf mehr. Und das Essen selbst hält, was die Webseite verspricht. Was soll ich sagen? Der Besuch hat sich nicht nur kulinarisch gelohnt. Auch der Service war gut und zuvorkommend. Selbst Sonderwünsche wurden anstandslos erfüllt. So zum Beispiel fand ich den kleinen Salzstreuer, der den großen in den „Friettenten“ nachempfunden ist und in dem Lokal die Esstische dekorierte, so toll, dass ich ihn kaufen wollte. Das brauchte ich nicht einmal und durfte ihn kostenlos mitnehmen. Dort ist der Kunde wahrlich König – „Brabants genieten“ eben.

Überflüssig wie ein Kropf

Heute ist in Berlin Feiertag: Frauentag. Was ich davon halte, habe ich hier ja schon geschrieben. Nun soll Oma zu Wort kommen: Sie hält vom Frauen-Feiertag ebensowenig wie ich und ihn so überflüssig wie einen Kropf. Recht hat sie. Bei uns zu Hause ist ohnehin das ganze Jahr Frauentag. Schon unsere Enkel wissen: Oma ist die Allerbeste. Auch unsere Kinder sind sich sicher. Mama ist die Beste. Und nicht zuletzt ich kann mit Gewissheit sagen: Ohne unsere Gute geht gar nichts. Was soll ich sagen? Wenn ein Zitat auf Oma zutrifft, dann ist es das Zitat von Katharine Hepburn: Frauen von heute warten nicht auf das Wunderbare – sie inszinieren ihre Wunder selbst.

Wasser predigen, Wein saufen

Heute morgen habe ich schlucken müssen. „Verkehrssenatorin: Berliner sollten ihr Auto abschaffen“, lautete die Überschrift auf der Titelseite unserer Zeitung. Wörtlich hatte die seit 2016 amtierende Senatorin gesagt: „Wir möchten, dass die Menschen ihr Auto abschaffen.“ Stattdessen sollten Pkw-Fahrer künftig mit öffentlichen Verkehrsmitteln, dem Fahrrad oder in gemeinsam genutzten Fahrzeugen von Sharing-Anbietern ihre Alltagswege zurücklegen. „Je weniger Autos auf der Straße, desto mehr Platz für jene, die wirklich auf das Auto angewiesen sind“, so Regine Günther, die zwar parteilos ist, aber für die Grünen im Senat sitzt. Warum ich so schlucken musste? Na ja, Oma und ich wollten uns gerade auf den Weg zur Humboldthain-Grundschule in Berlin-Wedding aufmachen, um dort im Rahmen von KINDER | KOCHEN einer sechsten Klasse einen Kochkurs zu geben. Die notwendigen Utensilien wie zum Beispiel die Lebensmittel für rund 25 Personen, ein paar Töpfe und ein Beamer waren in drei nicht gerade leichten Kisten sowie zwei mittelgroßen Tragetaschen verstaut. Natürlich haben wir den rund 20 Kilometer langen Weg mit dem Auto zurückgelegt, was nicht möglich gewesen wäre, wenn wir kein Auto mehr gehabt hätten. Unabhängig davon, ob wir derart bepackt überhaupt mit den Öffentlichen hätten fahren können, wir wären ja noch nicht einmal zur nächsten Haltestelle gekommen. Nun ist es sicherlich richtig, dass man nicht jeden Weg mit Auto machen muss. Nur hat man, wenn man das Auto einmal abgeschafft hat, noch nicht einmal mehr die Entscheidungsmöglichkeit. Unsere gemeinnützige Tätigkeit jedenfalls müssten wir einstellen. Denn jedes Mal neben den Kosten für Lebensmittel und sonstigem Kleinkram auch noch die nicht gerade günstigen Taxigebühren hinzublättern, würde uns schon etwas schwerfallen, und unseren anderen Kochpaten vermutlich ebenso. Jedenfalls gibt es bei uns keine Car-Sharing-Angebote und Lastenfahrräder, wenn die denn überhaupt gereicht hätten, haben wir auch nicht. Was soll ich sagen? Auch meine beiden Töchter wären vermutlich ziemlich überfordert bei ihren Bemühungen, Beruf und Familie inklusive Kindertransporte unter einen Hut zu bringen. Aber man lässt sich ja gerne eines Besseren belehren. Insofern hätte ich da einen Vorschlag: Nachdem die Senatorin einen Dienstwagen hat, könnte sie ja mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, wie leicht sie alle ihre Termine mit Fahrrad oder ÖPNV in dieser Stadt hinbekommt. Und auch die anderen beiden grünen Senatoren könnten das tun. Aber soweit reicht die Liebe zur Umwelt vermutlich dann doch nicht. Es ist halt immer leicht, Wasser zu predigen und Wein zu saufen. Denn mal Prost …

KINDER | KOCHEN, wie heute in der Humboldthain-Grundschule, würde es ohne Auto künftig nicht mehr geben.

Wenn auch schwach, er schlägt

Er schlägt, wenn auch noch schwach, aber immerhin: Er schlägt. Die Rede ist vom Pulse of Europe, deren Initiatoren am heutigen Sonntag zum zweiten Mal in diesem Jahr in Berlin auf den Gendarmenmarkt gerufen haben. Mehrere Hundert Menschen sind dem Aufruf gefolgt und haben für Europa demonstriert, darunter auch Oma und ich, so, wie wir das schon 2017 getan haben. Unter den Europa-Demonstranten hat Oma übrigens noch eine kleine Gruppe ausfindig gemacht, die neben Europa noch ein ganz besonderes Anliegen hat: Omas gegen rechts. Auch dieses Anliegen unterstützen Oma und ich als grundliberale Menschen natürlich, würden dann aber, wenn es schon gegen etwas geht, auch gegen links sein wollen – wobei rechts und links für uns rerchtsextrem und linksextrem bedeutet. Was soll ich sagen? Wenn man sich die Demonstranten so angesehen hat, musste man leider feststellen, dass das Durchschnittsalter doch recht hoch war. Insofern ist es höchste Zeit, dass sich Europa auch bei den Jüngeren in Erinnerung bringt und ihnen klar macht, dass der Frieden und die Freiheit, die wir seit 1945 genießen, keine Selbstverständlichkeit sind. Wie brüchig auch die Europäische Union ist, zeigen die Entwicklungen in Großbritannien auf der einen Seite sowie Polen und Ungarn auf der anderen Seite. Wenn unsere Kinder und Enkel in Zukunft weiter sicher und in Wohlstand leben wollen, müssen auch sie etwas dafür tun. Jedenfalls sollte bis zum 26. Mai, wenn die Europawahlen in Deutschland stattfinden, die Begeisterung für Europa etwas ausgeprägter sein. Ansonsten könnte es am Morgen danach ein böses Erwachen geben.

Der Pulse of Europe schlägt wieder auf den Stufen des Schauspielhauses in Berlin.

Lasst die Kinder nur machen

Das ging runter wie Öl. „Du bist ein cooler Typ“, schrieb einer der Jungs, die in den letzten beiden Tagen in den Genuss eines Kochkurses von KINDER | KOCHEN an einer Berliner Schule in Spandau gekommen waren. Ein anderer meinte, wenn ich sein Vater wäre, würde er niemals ausziehen und vermutlich einen dicken Bauch wegen des guten Essen bekommen. Mehr Dank kann man eigentlich nicht bekommen, und das auch noch bei einem Essen, das u.a. mit Ratatouille doch einen relativ hohen Gemüseanteil aufweist. Was soll ich sagen? Es geschehen also doch noch Zeichen und Wunder. Man muss die Kinder nur machen lassen. Wenn sie selber kochen, schmeckt ihnen im Grunde alles.

Trotz hohen Gemüseanteils bei Kindern sehr beliebt: Ratatouille bei KINDER | KOCHEN.