“Opa spricht” – leider nicht

Opa ist einer von 28.000 Menschen, die sich in diesem Jahr für “Deutschland spricht” angemeldet haben, um am kommenden Sonntag mit einem politisch Andersdenkenden zu diskutieren. Der, der für ein Gespräch mit mir ausgesucht worden war, nennt sich Harald, ist 27 Jahre alt und scheint mit mir in folgenden Fragen uneinig: Haben die #Metoo-Debatte und die Diskussion um sexuelle Belästigung etwas Positives bewirkt? Sollte Fleisch stärker besteuert werden, um den Konsum zu reduzieren? Sollten deutsche Innenstädte autofrei werden? Angesichts dessen hatte ich mich schon auf die Diskussion gefreut. Das allerdings war wohl ein wenig voreilig. Denn der junge Mann, so wurde mir jetzt mitgeteilt, hat das Treffen leider nicht bestätigt. Was soll ich sagen? Schade! Das Gespräch wäre sicherlich spannend geworden. Aber vielleicht hat meinen potentiellen Gesprächspartner ja mein Alter abgeschreckt und er sich gedacht: 65 Jahre – und kein bisschen weise. Ein klarer Fall von denkste, sag ich jetzt mal.

Wahnsinn mit Methode

Berlin hat eine neue Touristenattraktion, genauer gesagt der Bezirk Steglitz-Zehlendorf. In der Leo-Baeck-Straße in Zehlendorf gibt es seit neuestem nämlich eine, ja wie soll man sagen, Straßenmalerei, die neugierig macht. Während auf der einen Straßenseite die Linien kerzengerade verlaufen, formen sie auf der anderen Seite ein gezacktes Muster, das eine versteckte Botschaft an Außerirdische sein muss. Dabei dürften die Zeichen vom Himmel, vom All aus gesehen eindeutig sein: Nichts wie wieder weg! Die ganze Welt ist ein Irrenhaus. Und die Zentrale sitzt in Berlin. Doch mal im Ernst: Das, was sich das bezirkliche Straßenbauamt da geleistet hat, geht auf keine Kuhhaut und schon gar nicht auf einen Radweg. Während die Radler im Zickzack fahren müssen, bleibt den Fußgängern nichts anderes übrig, als es diesen im Zickzack gleich zu tun. Platz dafür ist nicht viel da. Aber was soll’s. So etwas passiert halt mal, wenn der Senat ein Leitbild vorgibt, das da lautet: Die Stadt soll sich sozial, modern und nachhaltig entwickeln. Was soll ich sagen? Da fallen mir gleich zwei Zitate ein, wobei ich mit dem englischen Dichter und Dramatiker William Shakespeare beginnen will: “Ist dies schon Wahnsinn, so hat es doch Methode.” Und dann noch Franz Kern, deutscher Feintechniker und Uhrenhersteller: “Wahnsinn ist die vollkommene Form der Kreativität, mit der die anderen nichts anzufangen wissen.”

     Botschaften für Außerirdische? Die neuen Straßenmalereien in Steglitz-Zehlendorf stoßen jedenfalls schon mal auf ein reges Interesse von Filmschaffenden und Fotografen.     

Für ein vereintes Europa

Es war und ist ein starkes Signal. Und der Tag hätte nicht besser gewählt worden sein. Am Freitag erschien im Berliner Tagesspiegel ein offener Brief der Nachfahren der Frauen und Männer des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus, der an diesem Tag vor 74 Jahren seinen Höhepunkt in dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler fand. 400 Personen haben diesen Brief unterschrieben, in dem die tiefe Sorge um Frieden und Freiheit zum Ausdruck kommt und die mit “Botschaft für ein vereintes Europa” überschrieben ist. Die Botschaft lautet:

“Heute vor 74 Jahren scheiterte der Umsturzversuch der Männer und Frauen des 20. Juli. Wo stünde Europa heute, wenn der Tag einen anderen Verlauf genommen hätte? Wenn das Attentat Stauffenbergs geglückt, Hitler getötet worden, Deutschlands Diktatur bereits 1944 beendet worden wäre.

Vom Kreisauer Kreis und vielen nach dem 20. Juli zum Tode verurteilten Widerstandskämpfern wissen wir, dass es den Verschwörern wichtig war, ein geeintes Europa der Völker zu errichten, in dem der Mensch und nicht die Nation im Vordergrund steht, in dem das Gemeinsame höher gewichtet wird als das Trennende. Sie waren mit ihrer Vorstellung nicht allein. Auch andere Widerstandsgruppen wie die Weiße Rose träumten von einem vereinten Europa. Denn nur in einem geeinten Europa kann es Frieden geben.

  Die Botschaft im Tagesspiegel.

Der europäische Staatenverbund steht heute vor einer Zerreißprobe. Die Grundsätze von Humanität, Solidarität und Gerechtigkeit, die in der Aufklärung und durch die Erfahrungen zweier Weltkriege erarbeitet wurden, scheinen immer weniger wert zu sein. Statt gemeinsam an den Herausforderungen der Zukunft zu arbeiten, ziehen sich immer mehr Bürgerinnen und Bürger zurück, während Populisten mehr und mehr Zulauf erhalten, Politiker verbal aufrüsten und auf Abschottung setzen.

Das ist nicht das Vermächtnis, das die Männer und Frauen des 20. Juli, aus der Arbeiterbewegung, der Roten Kapelle und weiterer Widerstandskreise im Sinn hatten. Mit ihrem Widerstand haben sie ein Zeichen gesetzt, das heute noch genauso gilt wie damals: Es erfordert Mut und Zivilcourage, um Recht, Freiheit und Demokratie zu verteidigen. Aber auch Menschlichkeit und Zusammenhalt. In den vergangenen Jahrzehnten ist Europa zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen, die auf Rechtsstaatlichkeit, freiheitliches Denken und Handeln, Toleranz, Respekt und die Achtung der Menschenwürde baut. Diese Errungenschaft sollten wir nicht sorglos aufs Spiel setzen.

Wir möchten an diesem Tag an den Mut und die visionäre Kraft unserer Eltern, (Ur-) Großeltern, Onkel und Tanten erinnern und hoffen, dass nationale Alleingänge nicht das geeinte, starke, friedliche Europa gefährden, das sie für sich, uns und unsere Kinder erhofft hatten.”

Was soll ich sagen? Es ist zu wünschen, dass dieser Brief als Weckruf wahrgenommen wird und sich viele Menschen wieder bewusst werden, dass ein demokratisches Leben in Frieden und Freiheit kein Geschenk des Himmels, sondern das Ergebnis eines täglichen Ringes für unsere freiheitliche Grundordnung. Christina Rahtgens, Mit-Initiatorin des Briefes, hat in einem Interview auf den Punkt gebracht, worum es im Kern geht: “Die Stimme erheben, Haltung zeigen, anständig bleiben.” Wer das und den Brief nicht unterschreiben kann, gefährdet in unverantwortlicher Weise die Zukunft all unserer Kinder und Enkel. Der Unterschriften von Oma und Opa jedenfalls können sich die Initiatoren sicher sein.

“Das kann nicht gut gehen!”

“Wer ist der bekannteste Mensch der Welt?”, wollte dieser Tage unser ältester Enkel wissen. “Michael Jackson”, meinte seine Mutter. Doch der sagte ihm nichts, was vermutlich etwas mit seinem Alter zu tun hat. Also versuchte sie es noch einmal und meinte: “Donald Trump.” Von dem hatte er schon mal gehört, wollte nun aber wissen, warum der denn der bekannteste Mensch ist. “Nun”, antwortete seine Mutter, “er ist der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, einem der größten und mächtigsten Ländern der Welt, und …” Weiter kam sie jedoch nicht, da unserem Enkel alle Gesichtszüge entgleisten und er voller Panik meinte: “Das kann nicht gut gehen!” Was soll ich sagen? Wenn unser Enkel wüsste, wie recht er hat. Es ist und bleibt dabei: Kindermund tut Wahrheit kund.

Official portrait of President Donald J. Trump, Friday, October 6, 2017. (Official White House photo by Shealah Craighead)

Löst bei unserem Enkel Panik aus: US- Präsident Donald Trump.

36,3 Mio. Kinder auf der Flucht

Heute ist Weltflüchtlingstag. Aus diesem Anlass hat die UNO-Flüchtlingshilfe zu einer Blogparade unter dem #WithRefugees eingeladen. Opa nimmt die Einladung wie letztes Jahr wieder gerne an und  will damit dazu beitragen, “dass wir gemeinsam eine deutliche Antwort gegen Hass und Vorurteile geben”, wie Peter Ruhenstroth-Bauer, Geschäftsführer der UNO-Flüchtlingshilfe, es formuliert hat.

Denn es ist leider wahr: In Deutschland wird populistische Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht. Da geht es nicht um die Selbstverständlichkeit, dass sich alle an Recht und Gesetz zu halten haben. Das gilt für Deutsche wie für Ausländer, das gilt für Politiker wie für Flüchtlinge. Es geht darum, dass den Flüchtlingen droht, aufgrund der offensichtlichen Unfähigkeit des Staatsapparates im Räderwerk der Politik zerrieben zu werden. Und das haben sie nicht verdient – die schwarzen Schafe selbstredend ausgenommen.

Dies gilt um so mehr, wenn man sich die aktuelle Lage anschaut. Die Zahl der Menschen, die vor Krieg, Konflikten und Verfolgung fliehen, war noch nie so hoch wie heute. Ende 2017 waren 68,5 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Das entspricht der Einwohnerzahl Frankreichs. Im Detail sieht das so aus:

  • Im Schnitt wird alle zwei Sekunden jemand auf der Welt zur Flucht gezwungen.
  • Zwei Drittel der Flüchtlinge kommen aus nur fünf Ländern: Syrien, Afghanistan, Südsudan, Myanmar und Somalia.
  • 53 Prozent der Flüchtlinge weltweit sind Kinder.
  • Weltweit ist jeder 110. Mensch auf der Flucht.
  • 85 Prozent der Flüchtlinge leben in Entwicklungsländern.

Was soll ich sagen? Ich bin sehr froh, dass meinen Kindern und Enkelkindern ein solches Schicksal erspart geblieben ist und sie am richtigen Ort auf dieser Welt geboren wurden. Die, die auf der Flucht sind, haben sich ihr Schicksal nicht ausgesucht. Insofern sollten wir sie nicht aus den Augen verlieren und dazu beitragen, dass die letzte Hoffnung sie nicht auch noch trügt.

Eine Möglichkeit zu helfen, gibt es: Die Petition des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen unterzeichen. Die richtet sich an die Regierungen der Welt und läuft so lange, bis ein globaler Flüchtlingspakt (Global Compact) unterschrieben wird. Mit einer Unterschrift kann man ein Zeichen für eine bessere Zukunft von Flüchtlingen setzen und für ein solidarisches internationales Vorgehen plädieren. Opa hat es schon getan. Worauf warten Sie also? Hier geht’s zur Petition.

Die deutsche Identität

Der Deutsche Nationalpreis 2018 ist heute in Berlin im Französischen Dom an den deutschen Philosophen und Literaturwissenschaftler Rüdiger Safranski verliehen worden. Eine gute Wahl, kann man nur sagen. Denn der 73-Jährige hat es wie kein anderer deutscher Autor in seinen Werken verstanden, deutsche Geistesgrößen der Vergangenheit einem breiten Publikum nahe zu bringen. Ob Goethe, Schiller, Schopenhauer, Nietzsche oder Heidegger, um nur einige zu nennen, hat er beschrieben und erklärt, was sie zur deutschen Identität beigetragen haben. Insofern war es nur folgerichtig, dass die Deutsche Nationalstiftung sich seiner annahm und sein Lebenswerk auszeichnete. “Die Idee der deutschen Nation und die Bestimmung unserer nationalen Identität in einem geeinten Europa dürfen wir weder extremen politischen Kräften noch den Gegnern der europäischen Integration überlassen”, hat der Gründer der Nationalstiftung die Existenznotwendigkeit der Stiftung begründet. Und das war kein Geringerer als Helmut Schmidt, der völlig unverdächtig war und ist, auch nur ansatzweise nationalistisch gewesen zu sein. Was soll ich sagen? Ich denke, die Stiftung und ihre Arbeit sind heute wichtiger denn je. In einer Zeit, in der vieles unerklärbar und nicht mehr alles zusammenzupassen scheint, sollten wir wenigstens wissen, wer wir sind, woher wir kommen, was wir wollen und wohin wohin wollen. Gelingt uns das nicht, werden wir nicht in der Lage sein, die Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen. Nur ein gesundes Selbstbewusstsein kann uns davor bewahren, den falschen Weg der Abschottung und der sich daraus zwangsläufig entwickelnden Isolation zu beschreiten. Noch ist Deutschland weltoffen und tolerant. So soll es auch bleiben. Unsere Kinder und Enkel werden es uns danken.

PS: Opa hat übrigens schon einmal ein Buch von Safranski besprochen. “ZEIT – Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen”, heißt es. Wer sie lesen will findet sie hier. Und wer noch mehr zu dem Thema wissen will, wird hier fündig.

Der Philosoph Rüdiger Safranski (M.) hat den Deutschen Nationalpreis 2018 erhalten.

Zum Haare raufen

Diese Woche war wirklich zum Haare raufen: Erst düpiert US-Präsident Donald Trump seine Kollegen vom G7-Gipfel über Twitter, um sich dann mit einem der schlimmsten Diktatoren unserer Zeit zu inszenieren, der aktuell rund 200.000 seiner Landsleute in Straflagern verrotten lässt, von den jährlich über 100 vollzogenen Hinrichtungen ganz zu schweigen. Nach einem Tag relativer politischer Ruhe beginnt in Russland die Fußballweltmeisterschaft, die dem Despoten Wladimir Putin als formidable Weltbühne zur Selbstdarstellung dient, ohne dass sich darüber irgendjemand ernsthaft aufregt. Währenddessen wirkt das völlig überflüssige Treffen der beiden deutschen Kicker Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nach, der das Quartett infernale komplettiert. Ist die Welt international schon ziemlich aus den Fugen, mühen sich auch noch auf nationaler Ebene CDU und CSU in Berlin, die ziemlich mühsam zustande gekommene Koalition in Schutt und Asche zu legen. Und auf Landesebene stellt die rot-rot-grüne Regierungsmehrheit ein mehr als merkwürdiges Demokratieverständnis zur Schau, indem sie nach wie vor den Flughafen Tegel versenken will, gegen den erklärten Willen einer Mehrheit der Berliner. Zu allem Unglück sterben dann auch noch zwei Kinder innerhalb von 24 Stunden auf den Straßen der Hauptstadt. Was soll ich sagen? Ich weiß so langsam nicht mehr, wie ich das alles meinen Enkelkindern erklären soll. Zum Ertragen ist es jedenfalls nicht.

Amt, aber glücklich

„Amt, aber glücklich“ heißt eine Rubrik im Tagesspiegel Checkpoint, in dem Chefredakteur Lorenz Maroldt und seine Kollegen anlassbezogen immer wieder Fälle aufgreifen, die nicht in das vermeintliche Berliner Ämterchaos passen. Opa hat heute eine, nein, gleich zwei diesbezügliche neue Geschichten beizutragen. Also, zunächst geht es um ein Thema, das die Gemüter der Anwohner der Baseler Straße auf beiden Seiten der Finckensteinallee in den letzten zwei Wochen ziemlich erhitze. Seit dem 14. Mai nämlich war das Stück der Baseler Straße zwischen Altdorfer Straße und Finckensteinallee Einbahnstraße, auf der weder links noch rechts geparkt werden durfte. Das bedeute, dass die Parkplatzsuche in den Abendstunden zur Geduldsprobe wurde, was wiederum zur Folge hatte, dass die Reaktionen der Anwohner beim Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf immer unfreundlicher wurden. Auch Opa hat sich an das Amt gewandt und nachgefragt, ob die absoluten Halteverbote auf beiden Seiten der Straße denn wirklich sein müssten. Und, man mag es kaum glauben: Bereits einen Tag später klingelte Opas Telefon und ein Mitarbeiter des Tiefbauamtes war am anderen Ende der Leitung. Er erklärte mir verständlich und nachvollziehbar, wie es überhaupt zu der Regelung gekommen war und warum es so lange gedauert hat, bis die Maßnahme – eben nur durch eine Anordnung der oberen Verkehrsbehörde – wieder rückgängig gemacht werden konnte. Jedenfalls verkündete er mir stolz: „Die Schilder werden gerade abgebaut.“ Und dann lobte er mich auch noch, weil ich offensichtlich der einzige Anwohner war, dessen Kommunikation im Ton dem üblichen mitteleuropäischen Standard entsprochen hatte. Das alles erzählte ich natürlich meiner ältesten Tochter, als die mich kurze Zeit später anrief. Als ich mit meiner Schilderung fertig war, fügte sie Geschichte zwei hinzu: Sie hatte, so berichtete sie, kurzfristig einen Online-Termin für eine Ausweisverlängerung gemacht, bzw. machen können, muss man wohl angesichts anderer Wahrnehmungen sagen. Dieser Termin wurde dann nicht nur pünktlich eingehalten, sondern alles lief auch noch freundlich und ausgesprochen service-, sprich bürgerorientiert ab, so dass meine Tochter ebenfalls nur voll des Lobes war. Was soll ich sagen? Irgendwie habe ich den Verdacht, dass die Ämter doch besser sind als ihr Ruf. Oder es ist noch viel einfacher: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es wieder hinaus.

War über zwei Wochen parkfreie Zone: Die Baseler Straße zwischen Altdorfer Straße und Finckensteinallee:. Jetzt darf dort wieder geparkt werden.

Lernendes System

Opa muss heute mal politisch werden. Grund dafür ist der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Frank Zimmermann, bzw., um es genauer zu formulieren, was er gesagt hat. In der Abendschau des rbb gab er am Dienstabend Moderatorin Eva-Maria Lemke bereitwillig ein Interview zu der Besetzung und Räumung des Hauses in Neukölln am Wochenende und den unterschiedlichen Sichtweisen darüber innerhalb von Rot-Rot-Grün. Währenddessen prägte er einen Satz, der das Zeug dazu hat, in die Hall of Fame großer Worte einzuziehen: „Die Berliner Politik ist ein lernendes System“, konstatierte er und hinterließ wohl nicht nur Opa als ungläubigen Zuschauer. Lernendes System!?! Darum also ist die Berliner Politik so, wie sie ist, weil sie noch lernt in vor sich hin gammelnden Schulen, in denen es ohnehin zu wenig Lehrer und zu viele Unterrichtsausfälle gibt. Da kann es in der Tat nicht verwundern, dass die Stadt mittlerweile eine Infrastruktur hat, die man in weiten Teilen nur nach als marode bezeichnen kann, von fehlendem Wohnraum und zu hohen Mieten ganz zu Schweigen. Der Verkehr steht an vielen Stellen im Stadtgebiet vor dem Infarkt. Die Bürgerämter sind überfordert und mehr mit sich selbst als den Bürgern beschäftigt. Die Liste der Missstände aufgrund politischer Versäumnisse ließe sich beliebig fortsetzen. Allerdings darf der krönende Abschluss nicht fehlen: Während die Eröffnung des Pleiten-, Pech- und Pannen-Flughafens BER immer unwahrscheinlicher wird, ignoriert der Senat unter der Regie von Michael Müller den Willen von einer Million Berliner und hält starrsinnig an der Schließung von Tegel fest. Was soll ich sagen? Wenn meine Enkel mich in zehn oder fünfzehn Jahren, so ich noch lebe, einmal fragen sollten, was damals denn los da war und so gründlich schief gelaufen ist in der Stadt, dann werde ich ihnen sagen: Die Berliner Politik war ein lernendes System, nur leider haben die die ganze Zeit geschwänzt – ganz nach dem Motto der Berliner Verkehrsbetriebe: Is mir egal. Hätte Politik Noten bekommen, hätte es heißen müssen: Setzen, sechs! Nur leider müssen meine Enkel die Suppe auslöffeln, die “das lernende System” ihnen eingebrockt hat.

Fußball gerät zum Ärgernis

Eigentlich handelt es sich ja um eine der schönsten Nebensachen der Welt. Doch mittlerweile gerät der Fußball – und leider nicht nur er – zu einem Ärgernis sondergleichen. Fairplay wird immer seltener – auch und gerade außerhalb des Platzes. Dabei ist von den Machenschaften innerhalb der UEFA und FIFA nicht einmal die Rede. Ich denke vielmehr an die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft, die ihre Unschuld bereits verloren hat, bevor sie überhaupt losgegangen ist. Denn wie bitte soll ich meinen Enkelkindern erklären, dass – bis auf Gott vielleicht – alle Welt einem Menschen die Aufwartung macht, der alles, wofür auch der Fußball, der deutsche allemal, stehen sollte, mit Füßen tritt. Abschaffung der Pressefreiheit und Gleichschaltung der Medien, Tschetschenienkrieg, Annexion der Krim, Abschuss eines zivilen Verkehrsflugzeuges, Einsatz von Giftgas hier und da, Unterstützung des syrischen Diktators Baschar Hafiz al-Assa – das Sündenregister von Wladimir Putin ließe sich beliebig verlängern. König Fußball und die Verantwortlichen scheint das alles nicht zu stören, auch nicht, dass dem deutschen Journalisten Hajo Seppelt als “unerwünschter Person” das Visum für ungültig erklärt wurde und er nun nicht von der WM berichten kann. Am Ende des Tages bzw. der Weltmeisterschaft wird der russische Präsident freudestrahlend feststellen können: Ich kann machen, was ich will – letztlich kommen sie doch wieder alle angekrochen. Doch damit nicht genug: Just einen Tag, bevor Bundestrainer Joachim Löw sein vorläufiges WM-Aufgebot bekannt gab, empfahlen sich noch schnell zwei Spieler, indem sie einem anderen Autokraten unsägliche Wahlkampfhilfe leisteten. Mesut Özil und Ilkay Gündogan ließen sich mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan werbewirksam ablichten und überreichten ihm auch noch Trikot-Geschenke. Gündogan schoss sogar noch ein doppeltes Eigentor und signierte sein Trikot mit dem Satz “Für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll”. Der heißt zwar Frank-Walter Steinmeier und amtiert in Berlin und nicht in Ankara, weil Gündogan wie Özil in Gelsenkirchen geboren wurde, im Ruhrpott kicken gelernt hat und in der deutschen Nationalmannschaft spielt. Aber egal. Und dass Özil dort, jedenfalls beim Abspielen der deutschen Nationalhymne, den Mund nicht aufkriegt, sei nur noch am Rande erwähnt. Integration sieht eigentlich anders aus. Was soll ich sagen? Ich kann gut verstehen, dass Oma froh ist, dass ihre Elftal – Fachleute wissen, dass es sich dabei um die niederländische Fußball-Nationalmannschaft handelt – in Russland nicht mitspielt. Ihr König braucht also überhaupt nicht darüber nachzudenken, ob er sich gen Osten aufmacht. Unsere Repräsentanten jedoch sollten sich gut überlegen, ob sie dem Beispiel der zwei ziemlich dämlichen Fußballspieler nacheifern und dem anderen Autokraten auf den Leim gehen sollen. Es ist schon schlimm genug, dass innerhalb des Deutschen Fußballbundes keiner den Mut aufgebracht und die beiden Herren für die Russlandreise gestrichen hat. Jetzt sollten wenigsten unsere Politiker so viel Charakter an den Tag legen und ihrerseits auf eine Reise nach Russland verzichten.