Führung? Wo?

“Wer bei mir Führung bestellt, bekommt sie auch”, so ziemlich vollmundig Bundeskanzler Olaf Scholz vor nicht allzu langer Zeit. Wenn ich mich richtig erinnere, dann hat Deutschland am 26. September 2021eindeutig Führung beim Spitzenkandidaten der SPD bestellt und der Partei mit 25,7 Prozent einen eindeutigen Führungsauftrag erteilt. Nun gut, bereits in den vergangenen 13 Monaten hätte man sich an der einen oder anderen Stelle ein wenig mehr Führung vom Regierungschef gewünscht. Aber heute, an dem Tag, an dem die Inhaberin der Befehls- und Kommandogewalt über die deutschen Streitkräfte ihren Rücktritt erklärt und damit die Bundeswehr führungslos zurückbleibt, lässt der Kanzler weiter auf sich warten: “Ich habe eine klare Vorstellung”, sagt Scholz dazu lediglich, während rund 1.200 Kilometer entfernt in Europa ein Krieg tobt, den Russland brutal wie verantwortungslos gegen die Ukraine vom Zaun gebrochen hat. Und man muss wahrlich nicht viel Fantasie aufbringen, um sich vorzustellen, wie schnell die kriegerischen Handlungen näher an Deutschland heranrücken können. Was soll ich sagen? Ich habe fast mein ganzes bisheriges Leben u.a. darauf verwendet, dazu beizutragen, dass unser Land weiter in Frieden und Freiheit leben kann. Dafür habe ich 1972 bis 1974 eine Wehrdienstzeit von 24 Monaten absolviert und danach bis 2004 rund 30 Monate Wehrübungen abgeleistet und es dabei, das sage ich nicht ohne Stolz, zum Oberstleutnant der Reserve gebracht. Was für meine Frau, die Niederländerin ist, eine völlige Selbstverständlichkeit war, haben nicht wenige deutsche Landsleute mit Kopfschütteln quittiert. Das hat sich über die Jahre fortgesetzt und der Bundeswehr einen Imageverlust beigebracht, was seinen traurigen Höhepunkt heute darin erfuhr, dass der Bundeskanzler nicht in der Lage war, eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger für eine der wohl schwächsten Besetzungen dieses so wichtigen Ressorts präsentieren zu können. Das haben unsere Streitkräfte und die Soldatinnen und Soldaten nicht verdient. Es ist aber leider ein sichtbares Zeichen dafür, dass Deutschland 2023 weder verteidigungswillig noch verteidigungsfähig ist.

Politik – ganz einfach erklärt

Eigentlich ist die Geschichte ja schon uralt und bereits über die sozialen Netzwerke viral gegangen. Umso erstaunter war ich, dass niemand sie kannte, als ich sie jüngst in einer familiären Runde zum Besten gab. Dabei geht es in dieser Geschichte im Grunde um eine ganz einfache Frage, die ein Sohn gegenüber seinem Vater formuliert, nachdem er aus der Schule kam, in der gerade mit dem Staatsbürgerunterricht begonnen worden war: „Papa, kannst Du mir erklären, was Politik ist?“ „Also, pass mal auf“, erwidert der Vater, „ich bringe das Geld nach Hause. Ich bin das Kapital. Deine Mutter verwaltet das Geld und gibt es auch wieder aus. Sie ist die Regierung. Dein Großvater, der noch bei uns lebt, passt auf, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Er ist die Gewerkschaft. Und Anna, die bei uns im Haushalt hilft und lebt, ist die Arbeiterklasse. Für wen tun wir das? Für Dich. Du bist das Volk. Und Dein kleiner Bruder, der noch in den Windeln liegt, ist die Zukunft. Hast Du das verstanden?“ Der Sohn kratzt sich am Kopf, überlegt einen Moment und sagt: „Ich glaube, da muss ich noch einmal eine Nacht drüber schlafen.“ Dann geht er ins Bett. Nachts wird er wach, weil sein Bruder in die Windeln gemacht hat und schreit. In seiner Not steht er auf und geht ins Schlafzimmer seiner Eltern. Dort aber liegt nur seine Mutter, schnarcht und schläft so fest, dass er sie gar nicht wach bekommt. Also geht er zur Anna, die aber mit seinem Vater im Bett liegt, während sein Opa von draußen durchs Fenster zuschaut. Da reicht’s dem kleinen Mann. Er legt sich wieder ins Bett und schläft. Am nächsten Morgen beim Frühstück fragt ihn sein Vater: „Na, hast Du jetzt kapiert, was Politik ist?“ „Ja, sagt der Sohn, das hab’ ich begriffen. Also: Das Kapital missbraucht die Arbeiterklasse. Die Gewerkschaft schaut zu. Und die Regierung schläft. Das Volk wird ignoriert und die Zukunft liegt in der Scheiße.“ Was soll ich sagen? So kann’s gehen, wenn das Leben die Regie übernimmt. Oder: Erstens kommt es, zweitens anders und drittens als man denkt …

PS: Dies ist ein fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sowie Gegebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Hinter der Bühne – Teil 2

Jetzt ist – wie angekündigt – der zweite Teil der Geschichte „Wilhelmstraße unter Denkmalschutz“ erschienen und auch auf der Webseite von Berlin vis-à-vis nachzulesen. Und darin verdichten sich die Hinweise, dass in diesem Fall doch mehr Politik im Spiel war, als einem lieb sein kann und die Verantwortlichen uns weismachen wollen. Ich hatte es ja schon in meiner ersten Veröffentlichung vermutet. Doch nunmehr wird immer deutlicher, dass es sich hier nicht nur um eine denkmalschutzrechtliche Angelegenheit handelt. Die Gründe für die Unterdenkmalschutzstellung erscheinen zumindest immer fragwürdiger. Und Fachleute sehen es als „selbstverständlich“ an, dass die Entscheidung so kurz vor den Berliner Wahlen „auch eine politische Angelegenheit“ war. Was soll ich sagen? Die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende und verspricht noch so manchen politischen Zündstoff. Eines ist aber jetzt schon offensichtlich: Die Verantwortlichen werden immer nervöser. Grund genug dafür haben sie. Denn wenn am Ende alles offen auf dem Tisch liegt, was sich da hinter der Bühne abgespielt hat, dürfte es für einige Protagonisten ziemlich peinlich, um nicht zu sagen, eng werden – das eine oder andere politische Opfer inbegriffen.

Hinter der Bühne – Teil 1

Sicherlich hätte es ein paar Protagonisten in dieser Angelegenheit besser ins Konzept gepasst, wenn dieser Artikel nicht in einer namhaften Zeitschrift erschienen wäre. Doch nun ist es geschehen. Und seit dem Wochenende kann man auch auf der Webseite von Berlin vis-à-vis, dem Magazin für Stadt|Entwicklung, nachlesen, welche Gedanken ich mir zu dem Umstand gemacht habe, dass das Landesdenkmalamt Berlin das Wohnquartier an der Wilhelmstraße in Mitte unter Denkmalschutz gestellt hat. Um es kurz auf den Punkt zu bringen: Gar nichts. Die Langfassung, die ich nur empfehlen kann, lässt tief blicken. Dem aufmerksamen Beobachter bzw. Leser wird dabei nicht entgehen, dass bei dieser Sache, wie sollte es in der deutschen Hauptstadt anders sein, viel Politik im Spiel ist – sicherlich nicht die große internationale oder nationale Politik, sondern eher eine provinzielle und miefige Stadtpolitik, die gerne nichtöffentlich und im Hintergrund ihre Fäden spinnt. Ich will an dieser Stelle noch nicht alles verraten, aber es verschlägt einem schon die Sprache, wenn man Gewahr wird, was da so alles hinter der Bühne abläuft. Was soll ich sagen? Es ist bemerkenswert, wie sicher sich die handelnden Personen offensichtlich wähnen und wie selbstverständlich da gemauschelt wird. Der Rest dieser Geschichte jedenfalls liest sich wie ein Krimi. Fortsetzung folgt.

Die Energiebündlerin

Der brutale Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat nicht nur in der Politik eine Zeitenwende eingeläutet. Auch im Leben vieler Deutscher – vom Leben der geschundenen Menschen in der Ukraine will ich gar nicht reden – wurde durch diesen Krieg ein neues Kapitel aufgeschlagen. Über den Mulinarius aus der Hauptstadtregion, der seit des ersten Kriegstages seine Bilder in Blau und Gelb färbt, habe ich hier schon geschrieben. Heute nun will ich über Elke Tonscheidt aus Köln berichten, mit der ich seit etlichen Jahren freundschaftlich verbunden bin. Dieses Energiebündel, das sich dabei vor allem als Energiebündlerin versteht, hat ihr großes Herz noch weiter geöffnet und vorübergehend in ihrem Haus Platz gemacht für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine. Das Tagebuch, das sie über ihr Leben mit Oksana und Vera angelegt hat, ist nicht nur ein herzzerreißender Erlebnisbericht, sondern auch ein beeindruckendes Zeitdokument, dessen Wert erst mit den Jahren sichtbar werden wird. Was soll ich sagen? Dass Elke den ersten Eintrag in ihrem Tagebuch ausgerechnet  mit dem Foto von einem der Freundschaftsbändchen illustriert hat, die Oma in Blau und Gelb geknüpft hat und die wir als Solidaritätszeichen unters Volk gebracht haben, mag Zufall sein. Besser gefällt mir allerdings der Gedanke, dass dies vielleicht ein Zeichen ist, wie groß die Seelenverwandtschaft zwischen Elke und mir mittlerweile geworden ist.

Der erste Eintrag in Elkes Tagebuch über ihr Leben mit Oksana und Vera.

Es gibt kein Maskenverbot

Nach rund zwei Jahren Corona werden fast überall in Europa die Infektionsschutzmaßnahmen ganz oder teilweise aufgehoben – so auch in Deutschland, mit Ausnahme der Hotspots Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg. Und, wie sollte es auch anders sein, wird heftig darüber gestritten, ob die Entscheidung richtig ist. Insbesondere Vertreter von CDU, SPD und Grünen würden gerne an Einschränkungen festhalten. Auch eine Mehrheit der Bürger hält das Auslaufen der meisten Corona-Maßnahmen zum jetzigen Zeitpunkt für falsch. Laut einer Forsa-Umfrage vertreten 65 Prozent der Befragten die Ansicht, die Lockerungen kämen zu früh. 32 Prozent halten den Zeitpunkt für richtig. Was soll ich sagen? Es mutet schon merkwürdig an, wie sehr sich eine breite Mehrheit offenbar mit den Grundrechtseinschränkungen arrangiert hat. Dabei ist es doch so bzw. sollte es sein, dass, wie FDP-Vize Wolfgang Kubicki zu Recht betont, nicht die Freiheitsgewährung erklärt und begründet werden muss, sondern die Einschränkung der Freiheit. Bislang geschah dies immer unter Hinweis auf eine mögliche Überlastung des Gesundheitswesens. Besteht diese Gefahr nicht mehr, sind die Einschränkungen aufzuheben. So einfach ist das. Ebenso einfach ist es aber auch, weiterhin Abstand zu halten, Hygienemaßnahmen zu beachten und Alltagsmaske zu tragen – wenn man es denn will. Jedenfalls ist mir nicht bekannt, dass es verboten wäre, sich auch künftig an der AHA-Formel zu orientieren. Oder anders ausgedrückt: Erfahrungsgemäß hat es noch nie jemandem geschadet, den gesunden Menschenverstand zu gebrauchen.

Das Innere der deutschen Seele

Man erliegt ja angesichts der sich gerade nahezu täglich überschlagenden Ereignisse zuweilen dem (Irr-)Glauben, es könne alles nicht mehr schlimmer werden, und wird umgehend eines Besseren belehrt. Nur ein Beispiel: Mein letzter Post Raus aus der Komfortzone war gerade erst geschrieben und veröffentlicht, da kam schon die nächste Dampframme, mit der der von mir ansonsten hoch geschätzte Theo Koll in der Sendung „Maybrit Illner“ den Peinlichkeiten dieses Tages die Krone aufsetze. In der Mitte der Sendung fragte der Moderator den ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk allen Ernstes: „Gibt es für Ihr Land eine Grenze an zivilen Opfern, die sie bereit sind in Kauf zu nehmen?“ In einer Kneipe hätte sich der Fragesteller von seinem Gegenüber vermutlich eine veritable Schellen eingefangen. Doch der Botschafter blieb cool und ließ Koll elegant abblitzen: „Diese Frage ist so zynisch, dass ich keine Antwort darauf geben werde.“ Gleichzeitig verwies er zu Recht darauf: „Putin und Russland sind für die zivilen Opfer verantwortlich und nicht wir.“ Und dann stach er sozusagen mit dem Florett tief in die deutsche Seele: „Wir werden unseren deutschen Freunden nicht den Gefallen tun und uns ergeben, damit sie die schrecklichen Bilder nicht mehr ertragen müssen.“ Als wäre all das nicht schon schlimm genug, insistierte der ZDF-Mann auch noch: „Das war nicht meine Frage.“ Was soll ich sagen? Hier hat sich nicht nur das wahre Gesicht eines über die Jahre völlig fehlgeleiteten Journalismus offenbart, sondern der tragische Zustand eines deutschen Grundverständnisses, für das die Freiheit keinen Wert an sich mehr darstellt. Allein die Idee der Fragestellung – Was muss noch passieren, damit Sie sich ergeben? – verwechselt nicht nur in fataler Weise Ursache und Wirkung, sondern ist an Respektlosigkeit gegenüber jedem bisherigen Kriegstoten nicht mehr zu überbieten. Würde sich die Ukraine jetzt bedingungslos ergeben, wäre jeder Gefallene und jedes zivile Opfer sinnlos gestorben. Es ist die Tragik unserer Zeit, dass sich diese Logik in Deutschland nur noch den Wenigsten erschließt.

Raus aus der Komfortzone

Es ist nur noch zum Fremdschämen. Da richtet der ukrainische Präsident im Deutschen Bundestag einen verzweifelten Hilferuf an die deutschen Parlamentarier, mitzuhelfen, den bestialischen Angriffskrieg Putins zu stoppen, und die haben danach nichts Besseres zu tun, als zur Tagesordnung überzugehen und über die Impfpflicht zu diskutieren – von den zwischenzeitlich verlesenen Geburtstagswünschen ganz abgesehen. Da fleht der ukrainische Botschafter quer über alle Medien und sonstigen Kommunikationskanäle verzweifelt um Beistand für sein vom Tod bedrohtes Volk und ein in seiner Bedeutungslosigkeit kaum zu übertreffender SPD-Staatssekretär im Bundesbauministerium namens Sören Bartol schreibt in einem Tweet, er „finde diesen ‚Botschafter‘ mittlerweile unerträglich“ und versieht das Ganze noch mit dem Hashtag „respektlosigkeit“. Da werden etwas über 1.000 Kilometer von Berlin entfernt ein ganzes Volk und ein ganzes Land in Schutt und Asche gelegt und in die Steinzeit zurückgebombt und Teile der Deutschen Politik tun sich immer noch schwer, genau hinzuschauen, die Dinge beim Namen zu nennen und einzusehen, dass ein Entgegenkommen Putin nur ermuntert, noch skrupelloser seinen imperialistischen Kriegszug fortzusetzen. Was soll ich sagen? Ich frage mich in diesen Tagen des Öfteren, wer in Deutschland überhaupt noch den Mumm aufbringen könnte und würde, sein Land so bravourös und tapfer zu verteidigen, wie die Ukrainer das gerade tun. Denn viele sitzen hierzulande gut gewärmt und gesättigt zuhause und verfolgen fast in Echtzeit mit einem gewissen Nervenkitzel das Grauen auf dem Sofa. Dabei wird dort die Freiheit – übrigens auch unsere – nicht verteidigt. Ich hoffe nicht, dass es erst das böse Erwachen ist, was vielen die Augen öffnet. Es ist für uns Deutsche an der Zeit, die Komfortzone zu verlassen und endlich die Verantwortung zu übernehmen, die die Welt von uns zu Recht schon seit Längerem einfordert. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat es Deutschland insbesondere dem Westen zu verdanken gehabt, wieder zu einem geachteten wie wohlhabenden Mitglied der Weltengemeinschaft zu werden. Jetzt können und sollten wir uns dafür revanchieren. Einen besseren Zeitpunkt könnte es dafür nicht geben. Zeigen wir, dass wir den Ernst der Lage erkannt haben und bereit sind, das Notwendige zu tun. Das sind wir der Welt, aber auch unseren Kindern und Kindeskindern schuldig.

Paradies oder Hölle

Der Tagesspiegel in Berlin ist – getreu seinem Leitspruch „Rerum cognoscere causas“ – den Dingen mal wieder auf den Grund gegangen. In der heutigen Ausgabe (7. März 2022) geht es dabei um ein „Leben auf der Sonnenseite“, das sich laut dem Blatt viele Bundesbürger für ihren Ruhestand im Paradies wünschen. Da trifft es sich ja gut, dass man in einigen Ländern, so der Autor, „mit der deutschen Rente … größere Sprünge“ als zu Hause machen kann. Ein „Geheimtipp am Rande Europas“ dafür ist, man höre und staune, Georgien, das nach Ansicht nicht weniger Sicherheitsexperten durchaus auch als Appetithappen auf der Speisekarte des machthungrigen Wladimir Wladimirowitsch Putin steht. Während für den Tagesspiegel die Kaukasusrepublik „mit ihrer Küche, wahlweise subtropischem Schwarzmeerklima oder Bergluft, sehr günstigen Mieten, Steuerfreiheit für Einkünfte wie Renten aus dem Ausland und einfach zu erhaltendem Visum“ lockt, haben die Bilder aus der Ukraine bei den georgischen Rentnerinnen und Rentnern Angst und Schrecken ausgelöst. Was soll ich sagen? Autor und vor allem die Redaktion haben wirklich das Feingefühl einer Kettensäge bewiesen, indem sie ein Rentnerparadies anpreisen, das keine 650 Kilometer vom gerade tobenden russischen Angriffskrieg – Entschuldigung Herr Putin: von der akuten militärischen Sonderaktion – entfernt ist. Da kann das Paradies schneller zur Hölle werden, als allen lieb ist.

PS: Der Artikel ist übrigens am 17. Januar 2022 bereits online erschienen. Damals mag der Geheimtipp vielleicht ja noch Sinn gemacht haben. Wenn ich ihn dann aber am 12. Tag des Krieges in der Printausgabe veröffentliche, dann sollte man den Text vor dem Druck noch einmal lesen und prüfen, ob er noch in die Zeit passt. Qualitätsjournalismus stelle ich mir irgendwie anders vor.

In einer anderen Welt

Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht. Mit diesen Worten hat Bundesaußenministerin Annalena Baerbock ihre Erklärung zum Angriff Russlands auf die Ukraine begonnen. Und in der Tat bedeutet der 24. Februar 2022 eine Zeitenwende in der Geschichte Europas, das gerade die größte Invasion seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt. Dabei hätte man es wissen können – und müssen. Die frühere Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer brachte das historische Versagen des Westens auf Twitter auf den Punkt:  „Wir haben nach Georgien, Krim und Donbass nichts vorbereitet (…), was Putin wirklich abgeschreckt hätte.“ Schlimmer noch: Die Untätigkeit und die Halbherzigkeit Amerikas und Europas dürften den Despoten in Moskau eher noch animiert haben, seine Idee einer neuen Weltordnung mit Brachialgewalt voranzutreiben. Dass Putins Machthunger nach der wohl nicht mehr zu verhindernden Einverleibung der Ukraine gestillt sein könnte, ist eher unwahrscheinlich und unter der Rubrik Wunschdenken abzulegen. In diesem Zusammenhang sind es sicher nicht nur die baltischen Staaten, mit denen der Kreml-Chef liebäugelt, auch die südosteuropäischen Länder Rumänien und Bulgarien dürften für ihn von Interesse sein. Und dann ist da noch die russische Exklave Kaliningrad, zu der das Mutterland Russland vermutlich gerne einen direkten Zugang hätte, wodurch auch Polen involviert sein könnte. Was soll ich sagen? Wenn ich an meine Kinder und Enkelkinder denke, dann bin ich nicht nur traurig, sondern wütend. Auch wenn viele Vergleiche hinken, vielleicht auch dieser: Aber das Geschehen erinnert doch erschreckend an den 1. September 1939, als Deutschland Polen überfallen hat und damit die untauglichen Versuche der Alliierten, Hitler zu besänftigen, gescheitert sind. Auch damals waren es die Angegriffenen, die von der Propaganda der Nazis als die Schuldigen dargestellt wurden. So wiederholt sich dann doch die Geschichte und es sieht leider nicht danach aus, dass sich am weiteren Lauf der Dinge etwas entscheidend ändern würde. Ja, die Welt ist nicht mehr die, in der wir gestern eingeschlafen sind.