Sei er auch noch so blau

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer hat mal wieder für Schlagzeilen gesorgt. Stein seines Anstoßes war die Bildgestaltung der Deutschen Bahn auf ihrer Webseite, die dort u.a. mit Nico Rosberg, Nazan Eckes oder Nelson Müller wirbt. „Ich finde es nicht nachvollziehbar, nach welchen Kriterien die Deutsche Bahn die Personen auf dieser Eingangsseite ausgewählt hat“, schrieb Palmer am Dienstag (23. April) auf Facebook. „Welche Gesellschaft soll das abbilden?“ Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten und waren entsprechend. “Tief bestürzt” war noch die harmlose Variante. Doch der Grünen-Politiker legte nochmals nach. In „SWR Aktuell“ bekräftigte er einen Tag später seine Kritik an der Kampagne. „Menschen wie ich, also alte, weiße Männer, tauchen auf dieser Bildauswahl nicht auf“, sagte er. „Das finde ich erst mal erklärungsbedürftig.“ Offen und bunt heiße nicht, dass Personen, die aussähen wie er, auf einmal keinen Platz mehr zugewiesen bekommen. Was soll ich sagen? Offensichtlich leidet Palmer an Minderwertigkeitskomplexen und fühlt sich nicht (mehr) gebührend wahrgenommen – ganz nach dem Motto: Kein Schwein ruft mich an bzw. niemand bildet mich ab. Da kann Opas Blog helfen. Auf der Webseite der Universitätsstadt Tübingen habe ich ein Pressefoto gefunden, das den Oberbürgermeisters in einer Art und Weise darstellt, bei der ich zwar nachvollziehen kann, dass das Bild niemand verwenden will. Aber dennoch: Auf Opas Blog bekommen auch solche alten, weißen Männer wie er ihren Platz zugewiesen. Sei er auch noch so blau. Hier wird nämlich – wie bei der Deutsche Bahn – die ganze Gesellschaft abgebildet, und nicht nur die, die wer auch immer haben will.

Bild: Gudrun de Maddalena

In memoriam Heidi Hetzer

Irgendwie fühlt es sich unwirklich an: Heidi Hetzer ist tot. Dabei war die 81-Jährige bis zuletzt ein Energiebündel sondergleichen. Erst im April dieses Jahres war sie von der ersten Etappe einer Afrikareise zurückgekehrt und hatte schon Pläne für die Fortsetzung gemacht. Daraus wird nun nichts mehr. Dafür bleibt die Weltreisende und Rallyefahrerin allen, die sie kannten, unsterblich in Erinnerung. Ich selber hatte das Glück, sie einmal für ein Porträt zu treffen und mit ihr länger zu sprechen. Es war schon beeindruckend, wie die Berlinerin Menschen für sich einnehmen und begeistern konnte. Was soll ich sagen? Wenn Sie das Porträt lesen, werden sie es verstehen: In memoriam Heidi Hetzer.

Mit Vollgas durchs Leben: Heidi Hetzer und ihr 90 Jahre alter Hispano Suiza mit 135 PS im Juni 2012.

Ein frohes Osterfest

Selten gibt es an Ostern so ein Wetter. Selbst am Karfreitag, den ich aus meiner Kindheit noch als ziemlich düsteren Tag mit Blitz und Donner in Erinnerung habe, gab es heuer Sonne satt. Bei Oma und mir hat das Frühlings-, um nicht zu sagen Sommergefühle geweckt, die bis in die Küche reichen und auch sichtbar sind. Unser Rosmarin, das im Topf bestens überwintert hat, blüht wie verrückt. Und auf dem Teller unseres Loop de Mer, den wir uns am Karfreitag gegönnt haben, blühte es – der Wildkräuter mit Essblumen sei Dank. Was soll ich sagen? Oma und ich genießen unser Leben auf der Terrasse und fühlen uns wie früher in Spanien, wo es in Barcelona beispielsweise gerade einmal 18 Grad ist – ganz nach dem Motto: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah. Nochmals: Ein frohes und sonniges Osterfest, egal wo Sie gerade sind.

Noch nie so ruhig

So ruhig hatten wir es noch nie. Über 40 Jahre lang haben wir um diese Zeit herum den Osterhasen gespielt. Doch heuer ist alles anders. Alle unsere Kinder und Enkelkinder sind über Ostern ausgeflogen. Selbst der haarige Vierbeiner, auf den wir hin und wieder aufpassen, hat sich verkrümelt. Nicht einmal irgendwelche Blumen, die wir gießen müssten, gibt es. Da können Oma und ich uns mal voll und ganz auf uns konzentrieren – abgesehen einmal davon, dass der Garten anfängt, sich bemerkbar zu machen, und beispielsweise der Rasen unüberhörbar ruft: Mäh’ mich! Aber auch mein Schreibtisch schreit nach Aufmerksamkeit, die er auf die diversen Haufen lenkt, die es abzuarbeiten gilt. Was soll ich sagen? Irgendwie finde ich es seltsam, dass es Menschen gibt, die sich langweilen. Ich glaube, Oma und ich könnten noch so alt, aber das würde uns nie passieren. Schade eigentlich. Denn Langeweile ist, so heißt es, das schönste Geschenk, das wir uns selbst machen können. Denn erst wenn die Alltagsgedanken verschwinden, kann unser Gehirn in den Kreativ-Modus schalten. Aber wie schaffen wir es, in der sozialen Medienwelt von Twitter, Facebook, Instagram, WhatsApp und Netflix zur Ruhe zu kommen? Da gibt es nur ein Antwort: Aus- und Abschalten – die Geräte und den Kopf. In diesem Sinne allen Lesern ein frohes, geruhsames und kreatives Osterwochenende.

Beten für Notre Dame

Oma und ich sind traurig: Notre Dame hat gebrannt. Auch wenn es so scheint, als dass der Super Gau nicht eingetreten ist, so haben die Bilder doch eine tiefe Erschütterung in jedem hinterlassen, der diese Kirche als eines der Wahrzeichen unserer abendländischen Kultur ansieht. Notre Dame – unsere Frau, unsere Mutter Gottes, verletzt und geschunden. Eigentlich ist so etwas, wie das, was da gestern in Paris geschehen ist, undenkbar. Und doch ist es passiert. Unglaublich! Dabei haben Kirchen, ja ganze Städte schon gebrannt: Rom im Jahre 64 unter Kaiser Nero – mit nicht bekannten Toten, Magdeburg im Jahr 1631 im Dreißigjährigen Krieg – mit insgesamt 20.000 Toten, New York im Jahr 1776 – mit 500 Toten, Wien im Jahr 1881 – mit vermutlich bis zu 500 Toten, Tokio und Yokohama im Jahre 1923 – mit über 100.000 Toten oder Dhaka im Jahre 2012 – mit weit über 100 Toten. Die Katastrophen aufgrund von Terrorangriffen nicht mitgerechnet. Woher dann die Betroffenheit, obwohl doch so gut wie niemand zu Schaden gekommen ist – von den bewundernswerten Feuerwehrleuten einmal abgesehen. Das Gebäude, die Kirche an sich? Gewiss, Notre Dame ist ein Wahrzeichen, für Frankreich allemal, aber auch für die Welt. Aber da ist noch etwas Anderes: Wir Menschen in diesen Tagen haben uns daran gewöhnt, dass alles seinen Gang geht und das in geordneten Bahnen. Wir glauben: Uns kann nichts passieren. Doch weit gefehlt. Das Leben ist voller, auch unangenehmer Überraschungen. Was soll ich sagen? Ein, wenn nicht der wesentliche Grund an der großen Betroffenheit über die Brandkatastrophe von Paris ist vermutlich unsere Technikgläubigkeit. Wir fühlen uns aufgrund der vielen technischen Sicherungssysteme mittlerweile so sicher, dass wir alles, was uns schaden könnte, für nicht real halten. Dass dem nicht so ist, hat uns Notre Dame einmal mehr gezeigt. Dass heilige Reliquien, und das nur nebenbei, das Inferno überlebt haben, ist noch eine andere Geschichte, auf die ich demnächst an dieser Stelle eingehen werde. Bis dahin: Wir beten für Notre Dame – an wen auch immer.

Das Thema Schule

Eine der Lieblingskolumnistinnen von Oma und mir hat wieder zugeschlagen. Birgitt Kelle hat in der Welt mal ihre Meinung zum Thema Schule zum Besten gegeben und damit uns beiden aus dem Herzen gesprochen. Ich will dazu nichts weiter sagen, sondern meinen Lesern empfehlen, den Text selbst zu lesen. Einfach großartig. Wer kein Welt-Abo besitzt, den kann ich nur auf einen Text verweisen, den ich vor knapp sechs Jahren schon mal wiedergeben habe:

Volksschule 1950:

Ein Bauer verkauft einen Sack Kartoffeln für 20 Mark. Die Erzeugerkosten betragen vier Fünftel des Erlöses. Wie hoch ist der Gewinn?

Realschule 1960:

Ein Bauer verkauft einen Sack Kartoffeln für 20 Mark. Die Erzeugerkosten betragen 16 Mark. Berechne den Gewinn.

Gymnasium 1970:

Ein Bauer verkauft eine Menge Kartoffeln (K) für eine Menge Geld (G). G hat die Mächtigkeit 20. Für die Element g aus G gilt: g ist 1 Mark.

In Strichmengen müßtest du für die Menge G zwanzig Strichlein (////////////////////) machen, für jedes Element g eines. Die Menge der Erzeugerkosten (E) ist um vier Strichlein (////) weniger mächtig als die Menge G. Zeichne das Bild der Menge E als Teilmenge der Menge G und gib die Lösungsmenge (L) an für die Frage: Wie mächtig ist die Gewinnmenge?

Waldorfschule 1978:

Ein Sack Kartoffeln kostet 20 DM. Ein Käufer bezahlt für einen Sack biodynamischer Kartoffeln 30 DM.

Gestalte die Seite mit harmonischen, dreigegliederten, fünfeckigen Formen, die den Text behutsam umschleiern. Benutze dazu lila „Stockmar-Wachsfarbe“.

Wer lebt länger?

Integrierte Gesamtschule 1982:

Ein Bauer verkauft einen Sack Kartoffeln für 20 DM. Die Erzeugerkosten betragen 16 DM. Der Gewinn beträgt 4 DM.

Aufgabe: Unterstreiche das Wort Kartoffeln und diskutiere mit deinem Nachbarn darüber!

Weiterreformierte Schule 1988:

Ein kapitalistisch-privilegierter bauer bereichert sich one rechtfertigung an einen sak kartoffeln um 4 marck. untersuche den tekst auf inhaltlische gramatische ortogravische und zeichensätsungsfeler. korigire die aufgabengestaltunk und demonstrire gegen die lösunk!

Was soll ich sagen? Wir zählen gerade das Jahr 2019. Wer eine Idee hat, wie die Aufgabenstellung heute aussieht, kann sie mir gerne mitteilen. Ich bin gespannt.

The time is out of joint

Wenn ich in diesen Tagen die Zeitung aufschlage, wird mir, wenn ich an meine Enkel denke, ganz anders. Manchmal glaube ich, die Welt tickt nicht mehr sauber. Nur ein paar Beispiele aus dieser Woche: Die Berliner SPD will die Bundeswehr aus den Schulen verbannen, eben die Bundeswehr, die demokratisch legitimiert und vom Grundgesetz gedeckt ist. Der Kiez in Kreuzberg kämpft für, ja Sie haben richtig gelesen, für Aldi, also den Inbegriff für Discounter und ihre Geschäftspraktiken. Die Umweltaktivistin Greta Thunberg findet Atomenergie als Übergangslösung doch nicht so schlimm, die Atomenergie, bei der es ansonsten immer heißt: Nein, danke. Und in London begehen die Briten gerade Selbstmord aus Angst vor dem Tod und steuern ungebremst auf einen harten Brexit zu – mit dem Nebeneffekt, dass sich die Mutter aller Demokratien gerade bis auf die Knochen blamiert. Wer mir das alles vor ein paar Jahren angekündigt hätte, der wäre von mir stante pede ins politische Irrenhaus eingewiesen worden. Doch heute scheint das alles ganz normal, wobei mir völlig klar ist, dass diese Einschätzung ganz wesentlich vom Standpunkt abhängt – Point of View eben. Was soll ich sagen? The time is out of joint, um mit Shakespeares Hamlet zu sprechen, was gewiss nicht heißt, dass früher alles besser war. Ganz im Gegenteil. Da war nämlich alles noch aus Holz, sogar die Gummistiefel, die in Holland „klompen“ heißen.

Bequem laufen fühlt sich sicher anders an: Unser ältester Enkel in “klompen” von Oma.

Wie im siebten Himmel

Oma und ich feiern heute unseren 43. Hochzeitstag. Laut Hochzeitstag-Liste heißt dieser Tag Bleihochzeit, weil, so steht es dort geschrieben, Blei ein nahezu oxidationsfreies und damit sehr haltbares Metall ist – wie eine Ehe nach 43 Jahren. Also, nichts mit bleierner Füßen oder Gedanken. Wir beide genießen derzeit unser Leben in vollen Zügen und können nach wie vor voll und ganz unterschreiben, was ich im letzten Jahr zu unserem 42. Hochzeitstag geschrieben habe: Es geht uns wirklich gut. Was soll ich sagen? Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, bis auf, dass wir ausgesprochen wohlgemut unserem 44. Hochzeitstag entgegensehen. Und das empfinden wir nun wirklich nicht als Griff nach den Sternen, auch wenn der Hochzeitstag in einem Jahr, warum auch immer, Sternenhochzeit heißt. Sicher ist aber, dass wir uns heute einmal mehr wie im siebten Himmel fühlen.

Brabants genieten

Obwohl die Niederlande mittlerweile mit 110 Sterne-Restaurants in der Gourmet-Königsklasse mitspielt – zum Vergleich: Das fünf Mal so viel Einwohner zählende Deutschland hat „nur“ 309 Sterne-Restaurants -, kann man im Alltag nicht gerade von einer anspruchsvollen Esskultur unseres Nachbarn sprechen. “Eten uit de muur”, Frittenbuden wie Sand am Meer oder indonesisch angehauchte Chinarestaurants en masse sind nur ein paar Stichworte, die die Situation beschreiben. Dennoch: Still und leise hat sich ein gastronomischer Mittelstand herausgebildet, der dem in Deutschland in Nichts nachsteht. Das sind kleine, aber feine Lokale, in der eine beachtliche Küche zu einem fairen Preis zu haben ist. Ein solches Beispiel ist das ’t Wevershuisje, das in Gemert in Nord-Brabant unweit der deutschen Grenze liegt. Die Speisekartenjedenfalls machen schon Appetit und Lust auf mehr. Und das Essen selbst hält, was die Webseite verspricht. Was soll ich sagen? Der Besuch hat sich nicht nur kulinarisch gelohnt. Auch der Service war gut und zuvorkommend. Selbst Sonderwünsche wurden anstandslos erfüllt. So zum Beispiel fand ich den kleinen Salzstreuer, der den großen in den „Friettenten“ nachempfunden ist und in dem Lokal die Esstische dekorierte, so toll, dass ich ihn kaufen wollte. Das brauchte ich nicht einmal und durfte ihn kostenlos mitnehmen. Dort ist der Kunde wahrlich König – „Brabants genieten“ eben.

Überflüssig wie ein Kropf

Heute ist in Berlin Feiertag: Frauentag. Was ich davon halte, habe ich hier ja schon geschrieben. Nun soll Oma zu Wort kommen: Sie hält vom Frauen-Feiertag ebensowenig wie ich und ihn so überflüssig wie einen Kropf. Recht hat sie. Bei uns zu Hause ist ohnehin das ganze Jahr Frauentag. Schon unsere Enkel wissen: Oma ist die Allerbeste. Auch unsere Kinder sind sich sicher. Mama ist die Beste. Und nicht zuletzt ich kann mit Gewissheit sagen: Ohne unsere Gute geht gar nichts. Was soll ich sagen? Wenn ein Zitat auf Oma zutrifft, dann ist es das Zitat von Katharine Hepburn: Frauen von heute warten nicht auf das Wunderbare – sie inszinieren ihre Wunder selbst.