Vorwärts in die Vergangenheit

Der Tagesspiegel Checkpoint hat es heute auf den Punkt gebracht: “Von einer Ausstattung wie in Finnland können Berliner Schulen nur träumen – da bekam zu Beginn der Pandemie jeder Schüler einen Laptop gestellt, da steht keine Datenschützerin der Kommunikation mit den Lehrern im Weg, da funktioniert der Messenger-Dienst ‘Wilma’, da gibt’s die Lernstatistik per App und noch auf der letzten Rentier-Ranch Highspeed-Internet. Da sind dann auch ein paar Wochen Homeschooling kein ernsthaftes Problem – und es wird der Präsenzunterricht nicht verzweifelt zum Fetisch verklärt wie einst die Kutsche von Kaiser Wilhelm”, hieß es in dem Newsletter. Bei dieser Diagnose könnte man es bewenden lassen, wenn es nicht so traurig wäre. Denn in demselben Newsletter erfuhr man, dass auch am zweiten Schultag nach Weihnachten der digitale „Lernraum“ des Landes Berlin für viele nur ein Leerraum war. Auch von meinen Töchtern höre ich zuweilen (Schul-)Geschichten über meine beiden Enkel, die alles andere als ermutigend sind. Wenn es nicht die eine oder andere engagierte Lehrkraft gäbe, die mit großem Einsatz und innovativen Ideen versucht, das Beste aus der Situation zu machen, wäre es gänzlich zum Verzweifeln. Was soll ich sagen? In Berlin scheint für den rot-rot-grünen Senat und die für Schule seit 1996 (!) verantwortliche SPD Digitalisierung ein Buch mit sieben Siegeln zu sein. Denn während andernorts (siehe oben) Bits und Bytes zum Alltag gehören, lebt man an der Spree noch in der Kreidezeit, während bei anderen das Motto lautet “Zurück in die Zukunft”, heißt es bei uns in Berlin “Vorwärts in die Vergangenheit”. Selbst wenn man die verantwortlichen Politiker dafür haftbar machen könnte, dass sie fahrlässig die Zukunftsaussichten unserer Enkel verspielen, sind die Bildungsdefizite, die jetzt durch Corona auch noch verschärft werden, da und werden wohl nicht mehr ausgeglichen werden können. Aber wenigstens am nächsten Wahltag sollten wir uns daran erinnern. Das ist das Mindeste, das wir für unser Kinder und Enkelkinder tun können.

Kreatives Querlegen

Kreativität ist laut Wikipedia die Fähigkeit, etwas zu erschaffen, was neu oder originell und dabei nützlich oder brauchbar ist. Bei uns im Kiez bin ich kürzlich auf etwas gestoßen, dass der gerade zitierten Definition doch recht nahe kommt. Rund um einen Baum, der in Sichtweite des S-Bahnhofes Lichterfelde-West steht, befand sich eine Bank, die – aus welchen Gründen auch immer – abgebaut worden ist. Zur Sicherung wurden Schraffenbaken aufgestellt, von denen eine nun in einer völlig neuen und gänzlich anderen Funktion ihr Dasein fristet, nämlich, quer gelegt, als Sitzplatz. Was soll ich sagen? Querdenken und Querlegen sind zwar ziemlich unpopulär, und das nicht erst seit Corona. Manchmal aber, wie in diesem Fall, ist quer das einzig Waagerechte.

Frohes und gesundes neues Jahr

Ein Jahr ist zu Ende gegangen, dessen Verlauf sich die meisten Menschen wohl anders gewünscht hätten. Doch das Leben ist kein Wunschkonzert. Man muss die Dinge so nehmen, wie sie kommen. Zumindest muss man versuchen, das Beste daraus zu machen. Was soll ich sagen? Oma und ich wünschen allen ein frohes und gesundes neues Jahr, das hoffentlich etwas normaler wird als das letzte.

Wie ein Beipackzettel

Es ist unerheblich, wer es tatsächlich gesagt hat. Aber als Bayer finde ich die Vorstellung, dass es Karl Valentin war, durchaus charmant. Das Bonmot, um das es hier geht, lautet: Prognosen sind äußerst schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Diese leidvolle Erfahrung haben 2020 vor allem all diejenigen machen müssen, die in die Corona-Glaskugel geblickt haben. Oft war sicher auch der Wunsch der Vater des Gedankens. Aber am Ende dieses schrecklichen Jahres ist nur eines sicher: Dieses Virus ist unberechenbar. Und so müssen wir uns wohl oder übel noch auf eine lange Wegstrecke einstellen, die weiter von Einschränkungen geprägt sein wird. An sich bin ich ja ein positiver Mensch. Aber die Zahlen, die das Robert-Koch-Institut (RKI) täglich veröffentlicht, sind alles andere als ermutigend. Nur zu Erinnerung: Anfang November, als die 7-Tage-Inzidenz noch bei 114,6 lag, ging es in den “Lockdown light”. Um den Menschen diese Maßnahme schmackhaft zu machen, wurde zunächst ein Weihnachtsfest in Aussicht gestellt, das an die alte Normalität heranreichen sollte, zumindest fast. Das daraus dann doch nichts werden konnte, war schnell klar. Am 16. Dezember, als wir in den immer noch andauernden Lockdown gingen, lag die 7-Tage-Inzidenz bundesweit bereits bei 180. Und an Heiligabend war sie gar bei 196. Dabei war das Ziel, besagte Zahl auf 50 oder darunter zu senken. Davon sind wir auch heute mit 149 noch meilenweit entfernt, wobei erschwerend hinzukommt, dass, wie das RKI zu bedenken gibt, über die Feiertage nicht so viel getestet wurde und nicht alle Ämter ihre Daten auch übermittelt hätten. Will heißen, das dicke Ende kommt erst im neuen Jahr, wenn auch Silvester hinter uns liegt. Dabei wollte uns Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Weihnachtsansprache doch so optimistisch stimmen und sprach angesichts des nahenden Impfstoffes davon, dass das Licht am Ende des Tunnels heller werde. Mein erster Gedanke dabei war: Wenn dass mal nicht die Scheinwerfer des heranrauschenden D-Zuges sind. Denn mit den Impfungen ist das so eine Sache. Sicher scheint bislang nur, dass bis Ende März sechs bis sieben Millionen Menschen in Deutschland geimpft werden können. Darüber hinaus geht Bundesgesundheitsminister Jens Spahn davon aus, bis zum Sommer allen Bürgern in Deutschland ein “Impfangebot” machen zu können. Doch es gibt einen kleinen Haken, der an einen Beipackzettel erinnert. Denn die Rechnung geht nur auf, wenn weitere Präparate eine Zulassung erhalten. Was soll ich sagen? Gewiss, die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich denke aber, es ist nur fair, die Menschen nicht nur immer in falscher Sicherheit zu wiegen, sondern reinen Wein einzuschenken. Denn wenn die enttäuschten Hoffnungen ein erträgliches Maß überschreiten, dann wäre das mehr als kontraproduktiv. Die Menschen werden sich dann vermutlich an überhaupt keine Regeln mehr halten, was langfristig auf einen Totalschaden hinausläuft. Den kann nun wirklich keiner wollen.

Gott sei Dank lebt er

Die Fragen “Gibt es das Christkind? oder “Gibt es einen Weihnachtsmann?” sind vermutlich so alt wie das Christkind bzw. der Weihnachtsmann selber. Eine der wohl bewegendsten und anrührendsten Antworten hat im Jahre 1897 Francis P. Church in der New York Sun gegeben, der im Auftrag seines Chefredakteurs folgende Leserzuschrift beantwortete: “Lieber Redakteur: Ich bin 8 Jahre alt. Einige meiner kleinen Freunde sagen, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. Papa sagt: ‚Was in der Sun steht, stimmt.‘ Bitte sagen Sie mir die Wahrheit: Gibt es einen Weihnachtsmann? Virginia O’Hanlon. 115 West Ninety-fifth Street.”

“Virginia”, beginnt der Text von Church, der bis zur Einstellung der “Sun” 1950 alle Jahre zur Weihnachtszeit auf der Titelseite der Zeitung abgedruckt wurde und nunmehr jedes Jahr an Heilig Abend auf Opas Blog erscheint, “deine kleinen Freunde haben unrecht. Sie sind beeinflusst von der Skepsis eines skeptischen Alters. Sie glauben an nichts, das sie nicht sehen. Sie glauben, dass nichts sein kann, was ihr kleiner Verstand nicht fassen kann. Der Verstand, Virginia, sei er nun von Erwachsenen oder Kindern, ist immer klein. In unserem großen Universum ist der Mensch vom Intellekt her ein bloßes Insekt, eine Ameise, verglichen mit der grenzenlosen Welt über ihm, gemessen an der Intelligenz, die zum Begreifen der Gesamtheit von Wahrheit und Wissen fähig ist.

Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann. Er existiert so zweifellos wie Liebe und Großzügigkeit und Zuneigung bestehen, und du weißt, dass sie reichlich vorhanden sind und deinem Leben seine höchste Schönheit und Freude geben. O weh! Wie öde wäre die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe. Sie wäre so öde, als wenn es dort keine Virginias gäbe. Es gäbe dann keinen kindlichen Glauben, keine Poesie, keine Romantik, die diese Existenz erträglich machen. Wir hätten keine Freude außer durch die Sinne und den Anblick. Das ewige Licht, mit dem die Kindheit die Welt erfüllt, wäre ausgelöscht. Nicht an den Weihnachtsmann glauben! Du könntest ebenso gut nicht an Elfen glauben! Du könntest deinen Papa veranlassen, Menschen anzustellen, die am Weihnachtsabend auf alle Kamine aufpassen, um den Weihnachtsmann zu fangen; aber selbst wenn sie den Weihnachtsmann nicht herunterkommen sähen, was würde das beweisen? Niemand sieht den Weihnachtsmann, aber das ist kein Zeichen dafür, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Die wirklichsten Dinge in der Welt sind jene, die weder Kinder noch Erwachsene sehen können. Sahst du jemals Elfen auf dem Rasen tanzen? Selbstverständlich nicht, aber das ist kein Beweis dafür, dass sie nicht dort sind. Niemand kann die ungesehenen und unsichtbaren Wunder der Welt begreifen oder sie sich vorstellen.

Du kannst die Babyrassel auseinander reißen und nachsehen, was darin die Geräusche erzeugt; aber die unsichtbare Welt ist von einem Schleier bedeckt, den nicht der stärkste Mann, noch nicht einmal die gemeinsame Stärke aller stärksten Männer aller Zeiten, auseinander reißen könnte. Nur Glaube, Phantasie, Poesie, Liebe, Romantik können diesen Vorhang beiseite schieben und die übernatürliche Schönheit und den Glanz dahinter betrachten und beschreiben. Ist das alles wahr? Ach, Virginia, in der ganzen Welt ist nichts sonst wahrer und beständiger.

Kein Weihnachtsmann! Gott sei Dank lebt er, und er lebt auf ewig. Noch in tausend Jahren, Virginia, nein, noch in zehn mal zehntausend Jahren wird er fortfahren, das Herz der Kindheit glücklich zu machen.”

Was soll ich sagen?

Recht hat Church, und schöner kann man es auch nicht sagen. In diesem Sinne wünschen Oma und Opa allen Lesern frohe und gesegnete Weihnachten.

Das Damengambit

Ich kenne eigentlich niemanden, dem es die Miniserie Das Damengambit nicht angetan hätte. Und das weltweit. Die Veröffentlichung fand am 23. Oktober 2020 statt. Und binnen eines Monats wurde die Serie von 62 Millionen Abonnenten gesehen, wodurch sie zur bis zu diesem Zeitpunkt erfolgreichsten Miniserie auf Netflix wurde. Die Geschichte ist schnell erzählt: In den 1950er Jahren wächst die Protagonistin Elizabeth „Beth“ Harmon in einem Waisenhaus in Kentucky auf. Dort entdeckt sie unter gütiger Mithilfe von Hausmeister William Shaibel ihr Talent zum Schachspiel und möchte in diesem männerdominierten Sport bestehen und Weltmeisterin werden. Dabei steht bei Beth die im Heim erworbene Medikamenten- und später auch Alkoholabhängigkeit im Mittelpunkt – negativ wie positiv. Am Ende ist sie natürlich erfolgreich und schlägt ihren sowjetischen Widersacher Vasily Borgov. Dass im Lauf der Geschichte beim Zuschauer auch die Leidenschaft zu Schach aufflammt, versteht sich. Ich selbst habe das Schachspiel von meinem Großvater wieder hervorgekramt und sogar ein neues, größeres Schachbrett gekauft, so dass Oma und ich jetzt hin und wieder eine Partie spielen. Was soll ich sagen? Eine alte Schachweisheit lehrt: Wer den Bauern nicht ehrt, ist die Dame nicht wert. Oder wie wusste schon Albert Einstein: Schach ist das Spiel, das die Verrückten gesund hält.

Die Schachfiguren meines Großvaters: Schön bunt und im Kosakenstil.

Plaudertelefon gegen Einsamkeit

Die Corona-Pandemie an sich ist schon Herausforderung genug. Doch älteren Menschen, die als besondere Risikogruppe gelten, beschert das Virus noch ein zusätzliches Problem – und das vor allem jetzt in der Advents- und Weihnachtszeit sowie über den Jahreswechsel: Einsamkeit. Besuche sind nur eingeschränkt möglich, zum Reden gibt es niemanden. Aus diesem Grund haben Oma und ich in meiner Eigenschaft als Seniorenbeauftragter der FDP Steglitz-Zehlendorf, ein Plaudertelefon eingerichtet, das vorerst bis 10. Januar, dem möglichen Ende des jetzt geltenden Lockdowns, jeden Tag in der Zeit von 15.00 bis 18.00 Uhr – auch und vor allem an Wochenenden erreichbar ist. Dies gilt auch für Heiligabend und die Weihnachtsfeiertage. Die Berliner Rufnummer lautet: 030 84319845. Was soll ich sagen? Viele ältere Menschen haben nur noch wenige bis gar keine Kontakte mehr. Da kann es vielleicht helfen, jemanden zu haben, bei dem man sich seinen Kummer von der Seele reden kann. Wenn beide Leitungen belegt sind, werden wir auch zurückrufen. In dieser schwierigen Zeit muss niemand alleine und schon gar nicht einsam sein.

Oma und ich am Plaudertelefon gegen Einsamkeit.

Monolith von Lichterfelde-West

Auf der ganzen Welt tauchen plötzlich Stelen auf. Die erste wurde in Utah entdeckt, inmitten einer roten Felsenlandschaft. Das Objekt war aus rostfreiem Stahl und erinnerte an den Monolithen aus Stanley Kubrick Film „2001: Odyssee im Weltraum“. Doch so plötzlich er da war, so plötzlich war er auch wieder weg. Seitdem tauchen an den unterschiedlichsten Stellen diese Stelen auf, von Rumänien bis Großbritannien, von Hamburg bis Neuschwanstein, vom Acker bis zum Gebirge. Und nun auch in Berlin, inmitten eines Wohngebietes im Schweizer Viertel in Lichterfelde-West. Für die Monolithenjäger hier der genaue Standort: Breitengrad 52,427639, Längengrad 13,299827. Wie lange die Stele, die erstmals aus Beton ist, dort noch besichtigt werden kann, vermag niemand sicher vorherzusehen. Was soll ich sagen? Wie wusste schon Meister Yoda: „Schwer zu sehen, in ständiger Bewegung die Zukunft ist.“ Aber schon jetzt ist klar: Lichterfelde-West wird damit in die Geschichte der Monolithen eingehen.

Der Monolith von Lichterfelde-West.

Der holländische Griff

Berlin ist für Rad Fahrende ein gefährliches Pflaster. In diesem Jahr sind bis heute bereits 18 Menschen im Straßenverkehr getötet worden, die mit einem Drahtesel unterwegs waren. Das ist eine Steigerung gegenüber dem gesamten Vorjahr um sage und schreibe 157 Prozent.

Insofern kann es nicht verwundern, dass Verkehrsexperten wie der Berliner DEKRA Niederlassungsleiter Mario Schwarz von einem Krieg auf Berlins Straßen spricht. Und das war schon 2017, was ja nichts anders bedeutet, dass sich am grundsätzlichen Problem bislang nichts geändert hat. Und das ist zu einem beachtlichen Teil die Rücksichtslosigkeit der Verkehrsteilnehmer, womit alle gemeint sind: Autofahrer, Motorrad- und Mofafahrer, Fahrradfahrer sowie Fußgänger. Es gibt Szenen auf den Straßen der Hauptstadt, da stockt einem der Atem.

Angesichts dessen ist jede Initiative zu begrüßen, die für eine verantwortungsbewusstes und sorgsames Miteinander im Berliner Straßenverkehr wirbt – und nicht nur dort, sondern in ganz Deutschland. Jüngstes Beispiel ist die Kampagne des Deutschen Verkehrssicherheitsrates, die unter der Überschrift “AUFPASSEN BEIM AUSSTEIGEN: HERANNAHENDE SEHEN! KOPF DREHEN, RAD FAHRENDE SEHEN!” für den holländischen Griff wirbt und von DEKRA wie dem Fahrlehrer-Verband in Berlin unterstützt wird. Dabei haben Schwarz und der Verbandsvorsitzende Peter Glowalla recht: “Hier kann mit geringem Aufwand ein signifikantes Mehr an Sicherheit erreicht werden.” Denn das Ganze funktioniert so:

Machen Sie den Schulterblick, um sicherzustellen, dass Sie keine Verkehrsteilnehmenden beim Aussteigen behindern oder gefährden. Pkw Fahrende sollten zusätzlich die Seiten- und Rückspiegel nutzen. 

Öffnen Sie die Tür über Kreuz – zunächst nur einen Spalt weit. Das bedeutet: Wenn Sie auf der linken Seite sitzen, öffnen Sie die Tür mit der rechten Hand – und andersherum („holländischer Griff“). So drehen Sie Ihren Oberkörper und blicken über Ihre Schulter. Wenn Sie sicher sind, dass Sie niemanden gefährden, können Sie die Tür öffnen. 

Fordern Sie auch alle weiteren Fahrzeuginsassen zu diesem Verhalten auf und unterstützen Sie insbesondere Kinder beim sicheren und sorgsamen Aussteigen.

Was soll ich sagen?

Der Griff ist sicher nicht das Allheilmittel, aber kann doch ohne großen Aufwand erheblich zu mehr Sicherheit beitragen. Mehr noch, er schärft auch das Bewusstsein für mehr Rücksichtnahme, die so dringend erforderlich ist. Daran ändert auch nichts, dass Omas Geschwister und Freunde in den Niederlanden bislang noch nie etwas von dem holländischen Griff gehört haben. Jetzt kennen auch sie ihn.

Das Logo der Kampagne des Deutschen Verkehrssicherheitsrates.

Frau am Steuer

Es gibt Schätze, die schlummern lange im Verborgenen. Neulich, beim Aufräumen, entdeckte Oma alte Schulhefte und Aufsätze, die sie im zarten Alter von 14 Jahren zu Papier gebracht hat. Ein Thema dabei: Die Frau am Steuer – im Niederländischen heißt es übrigens hinterm Steuer. Wie auch immer: Der Text von Oma aus dem September 1968 ist ein wahres Zeitdokument, das ich meinen Lesern und der Welt – natürlich ins Deutsche übersetzt – nicht vorenthalten will. Und los geht’s:

Heutzutage muss man sich nicht mehr wundern, dass man in den vorbeirauschenden Autos ebenso viele Frauen wie Männer am Steuer sieht. Hierzu hat u.a. die Emanzipation der Frau beigetragen. Oft schafft sich eine Frau auch ein Wägelchen an, um, wenn ihr Mann mit seinem eigenen Wagen zur Arbeit gefahren ist, in der großen Stadt einzukaufen oder die Kinder zur Schule zu bringen. Wenn der Nachbar ein Auto hat, möchte man auch eins haben. Der Wohlstand dieser Zeit „fordert“ das ein. Weil man heute alles auf Kredit kaufen kann, ist die Anschaffung eines Autos auch für Leute mit kleinerem Einkommen möglich.

Wenn man einen Mann hinterm Steuer sieht, sieht man einen Brocken Selbstvertrauen. Er sitzt nämlich mit dem linken Arm aus dem offenen Fenster gelehnt und lenkt angeberisch mit zwei Fingern der anderen Hand. Die Frau dagegen hat „Verantwortungsgefühl“: Sie lenkt ihren Wagen gut – das Lenkrad von ihren transpirierenden Händen umklammert. Sie fährt langsam und vorsichtig, so dass ein Autofahrer hinter ihr auch schon mal sagen könnte: „Sicher eine Frau am Steuer“.

Im Verkehr kann eine Frau zuweilen auch schon mal lästig sein. Zum Beispiel: Die Frau und der Herr haben beide einen Führerschein. Der Göttergatte fährt gerade und zu seinem großen Ärger fährt die Dame auch noch mit. Bereits nach wenigen Kilometern kann er die Kommentare seiner Frau zu allem, was er tut, nicht mehr ertragen. Er hält an und sagt den berüchtigten Satz: „Fährst Du oder fahre ich?“ Er kriecht zähneknirschend und innerlich kochend auf die Rückbank. Somit ist seine Frau gezwungen, seinen Platz am Steuer einzunehmen. Weil ihr Tag jetzt verdorben ist, macht sie eine Kehrtwende. Und nach viel zu eng genommenen Kurven und zu festem Bremsen kommen sie – via Gartenzaun – in der Garage zum Stehen.

Dennoch werde ich, wenn ich achtzehn bin, auch meinen Führerschein machen und versuchen, den Männern zu zeigen, dass wir Frauen auch etwas vom „Fach des Chauffeurs“ verstehen.

Was soll ich (von Oma) sagen? Sie parkt ein wie ein Mann. Und das stimmt wirklich!

Omas erstes Auto: Ein Ami 8 von Citroën.