Merci

Krankenhäuser, Arztpraxen, Labore, Polizei, Feuerwehr, öffentlicher Nahverkehr oder Sozialeinrichtungen – all das würde in diesen schwierigen Zeiten ohne die vielen stillen Heldinnen und Helden nicht mehr funktionieren. Und nicht zu vergessen sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Supermärkten, die unsere Grundversorgung in der Corona-Krise sichern. Wenn man da an manche Situationen denkt, in den sich Leute um Toilettenpapier prügeln, kann man sich nur noch fremdschämen. Aber es gibt auch andere Beispiele . Eine unserer Töchter hat bei ihrem letzten Einkauf auch eine Packung Merci in ihren Einkaufswagen und dann als letztes Teil auf das Band gelegt. Als die Kassiererin die Packung erfasst hatte, sagte unsere Tochter: “Das ist ein kleines Dankeschön für Sie.” Was soll ich sagen? Eine tolle Geste, die der Nachahmung wert ist. Und Sie bekommen sogar noch etwas dafür: Ein zauberhaftes Lächeln.

Jesus weinte

Jesus weinte. Das ist der kürzeste Vers in der gesamten Bibel und der sicher treffendste für diese Tage. Jedenfalls ist es lange her, dass die Menschen in Deutschland, Europa und der Welt vor so einer Herausforderung gestanden haben. Es dürfte zumindest in unseren Breitengraden kaum Menschen geben, die zu Lebzeiten Vergleichbares erlebt haben. Und dabei stehen wir erst am Anfang. Wie lange es dauern wird, kann ebensowenig jemand voraussagen wie, wieviele Tote dem Corona-Virus bzw. den Begleitumständen zum Opfer fallen werden. Ein Blick nach Italien lässt Schlimmes befürchten, wobei das zögerliche Reagieren der politischen Entscheidungsträger insbesondere hier im Lande Berlin fassungslos macht. Denn jeder Tag, der ohne entschlossene Maßnahmen zur Reduzierung der Infektionsgeschwindigkeit vergeht, ist ein verlorener Tag und wird viele Menschen das Leben kosten. Wir in Deutschland werden es noch erleben, dass Ärzte nach dem Triage-System entscheiden, wem sie helfen und wen sie sterben lassen.

Jesus weinte. Und doch gibt es Hoffnung. „Nachdem ihr eine Weile gelitten habt, wird er euch aufbauen, stärken und kräftigen; und er wird euch auf festen Grund stellen,“ verspricht Petrus (im 1. Buch Kapitel 5 Vers 10). Unabhängig davon, ob man daran glaubt oder nicht: Es wird ein Leben nach der Krise geben. Wie dieses aussieht, hängt nicht zuletzt von uns, von jedem Einzelnen ab. Trotz oder gerade wegen der apokalyptischen Szenarien, die uns vermutlich noch bevorstehen, sind wir gefordert, uns – neben medizinisch notwendigen Maßnahmen – nicht zu verlieren und ein Mindestmaß an Zivilisation aufrecht zu erhalten. Erinnert sei an den im vergangenen Jahr verstorbenen Modeschöpfer Karl Lagerfeld, der mahnte: “Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.” Man muss das jetzt nicht wörtlich nehmen. Aber auch und vor allem in diesen Tagen ist es wichtig, auf sich und andere zu achten und nicht gleichgültig zu sein. Wer sich gehen lässt, hat und ist verloren. Mehr denn je trägt heute jeder für sich und für alle anderen eine große Verantwortung. Als Richtschnur seines Handelns sollte jeder für sich den Anspruch erheben, am Ende allen anderen noch in die Augen schauen zu können. Das kann in bestimmten Situationen viel verlangt sein, ist es aber eigentlich nicht. Ich will hier gar nicht den Kantschen bzw. Kategorischen Imperativ bemühen. Aber die Goldene Regel sollte es schon sein: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“ Was soll ich sagen? Geben Sie auf sich acht und bleiben Sie gesund. Und vergessen Sie Ihre Nächsten nicht.

Corona-Chaos in Berlin

Berlin ist einer der renommiertesten Medizin-Standorte Deutschlands: Charité und Robert-Koch-Institut sind dabei nur zwei Namen, die dafür stellvertretend stehen. „Der Erfolg von Berlin als Gesundheitsmetropole erklärt sich durch eine 300 Jahre alte Tradition als Gesundheits- und Wissenschaftszentrum. Hier wirkten in der Vergangenheit mehr als ein Dutzend Nobelpreisträger, darunter Forscher wie Rudolf Virchow und Robert Koch. In den mehr als 80 Krankenhäusern der Stadt werden jährlich etwa 853.000 Patienten von rund 9.300  Ärzten stationär versorgt“, heißt es dazu auf der Webseite von Visit Berlin. Insofern müsste man meinen, dass, wenn eine Stadt auf das Coronavirus gut vorbereitet ist, dies sicher auf Berlin zutrifft. Doch weit gefehlt! Entgegen allen Beteuerungen und Beschwichtigungen von politischer Seite, mehren sich die Berichte von chaotischen Zuständen. Und die kann nun auch ich bestätigen, nachdem in unserer engsten Umgebung ein begründeter Verdachtsfall aufgetreten ist. Dieser klagte seit Mittwoch der vergangenen Woche über klassische Corona-Symptome und versuchte ab Donnerstag, Informationen einzuholen, ob beispielsweise ein Test sinnvoll sei. Die bekannten Notrufnummern in Berlin wie beispielsweise 90282828 oder 116117 waren entweder nicht erreichbar oder ließen eine kompetente Beratung gänzlich vermissen. Freitag dann wandte sich die Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung an die Berliner: “Wenn Sie am Samstag, den 29.02.2020, Gast im Club ‘Trompete’ in Mitte waren, bleiben Sie bitte zu Hause. Bitte informieren Sie zudem das Gesundheitsamt Mitte via Mail: corona@ba-mitte.berlin.de. Schicken Sie über diese Mail-Adresse dem Gesundheitsamt Mitte auch Ihre Wohnadresse. Die Informationen werden dann an die zuständigen Amtsärzte der jeweiligen Bezirke weitergeleitet.” Unser hustender, schnupfender und fiebernder Verdachtsfall war tatsächlich in besagter Zeit in der „Trompete“ gewesen und tat wie ihm geheißen. Mehr noch, er teilte dem Gesundheitsamt sogar zusätzlich mit, dass bei ihm auch noch ein schulpflichtiges Kind sei, das in der gesamten Woche auch zur Schule gegangen sei – sicher davon ausgehend, dass sich jetzt jemand ziemlich schnell melden würde. Aber wieder ein klarer Fall von denkste. Am Samstagvormittag schließlich war es unser Corona-Verdachtsfall leid, packte sein Kind ins Auto und begab sich ins Corona-Wartezimmer der Charité in Mitte. In diesem Zelt, in dem durch ein Warmluftgebläse dafür gesorgt wurde, dass sich alle Viren auch gleichmäßig im Raum verteilen können, musste er noch einmal über zwei Stunden warten, bis sich jemand erbarmte und bei beiden einen Test machte. Nun sollte man glauben, dass aufgrund der Schulsituation ein gesteigertes Interesse daran besteht, so schnell wie möglich ein Testergebnis zu haben. Doch auch diesbezüglich ist man da eher auf dem Holzweg. Denn ein Ergebnis gibt es frühestens am Montag – vermutlich lässt das Wochenende grüßen, dem das Virus sicherlich Rechnung trägt. Was soll ich sagen? Nach Aussage von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn heißt es: „Unser Gesundheitswesen ist für solche Erkrankungen gut vorbereitet und aufgestellt.“ Für den Rest der Republik mag das ja gelten, wobei auch hier Zweifel angebracht sind. Aber für die deutsche Hauptstadt gilt das ganz sicher nicht. Dit is Berlin.

Corona: Total tiefenentspannt

Das Corona-Virus ist in aller Munde und nun auch in Berlin angekommen. Und um es gleich vorwegzuschicken: Oma und ich haben keine Panik. Wir sind – wie vermutlich alle – in Sorge um unsere Kinder und Enkelkinder. Aber Hysterie und Angst waren noch nie gute Berater. Insofern haben wir uns in den letzten Tagen auch nicht anstecken lassen und darauf verzichtet, wie die Verrückten Hamster zu kaufen, die wir selbst in Supermärkten nicht mehr gefunden haben. Während Oma und ich also total tiefenentspannt die Dinge auf uns zukommen lassen, betreiben unsere beiden Töchter schon eine gewisse Vorsorge, die dann einem unserer Enkel bei seiner Mutter denn doch ein wenig zu weit ging. Als die nämlich im Drogeriemarkt noch einen Lidschatten mehr als gewöhnlich kaufen wollte, fragte der kleine Mann seine Mutter: “Glaubst Du wirklich, dass das noch wichtig ist, wenn wir zu Hause in Quarantäne sitzen?” Was soll ich sagen? Der Rat von Oma und mir ist ganz klar: Lasst die armen Hamster in Ruhe und bleibt so lange, wie es nur eben geht, normal. Die Zeiten sind ohnehin verrückt genug. Und schlimmer wird es vermutlich von ganz alleine. Dann kann man sich immer noch verrückt machen …

“Corona-Krise kommt zur Unzeit”

Experten haben es wirklich nicht leicht. Alle Welt schaut auf sie. Vor allem jüngere Zeitgenossen, wie zum Beispiel meine Enkel, bilden sich oft ihre Meinung aufgrund von Aussagen dieser Fachleute, die insbesondere in den Medien immer klangvolle Titel haben. Ein Professorentitel samt Doktor ist dabei mehr oder weniger Pflicht. So auch in der Sendung heute von heute im ZDF. Da kam doch ein Experte für Automobilwirtschaft zu Wort, als es um das Corona-Virus und dessen Auswirkungen auf die Wirtschaft, gerade bei den Autobauern, ging. Stefan Bratzel heißt der Mann, der an der Fachhochschule der Wirtschaft Nordrhein-Westfalen gGmbH in Bergisch Gladbach sein Wissen zum Besten gibt. Und der haute einen Satz raus, der Ewigkeitscharakter hat: “Die Corona-Krise kommt tatsächlich zur Unzeit!” Wow!!! Ich, und ich bin nun wahrlich kein Experte, finde auch, dass das Virus wirklich zur Unzeit kommt. Was soll ich sagen? Wenn ich ernsthaft darüber nachdenke, komme ich unweigerlich zu der Frage, wann denn überhaupt die Zeit für diese Corona-Krise bzw. dieses Corona-Virus ist. Und je länger ich nachdenke, desto mehr wächst in mir die Überzeugung: Es ist immer Unzeit für dieses Virus. Insofern hat unser ZDF-Experte ja recht: “Die Corona-Krise kommt tatsächlich zur Unzeit!” Heute, morgen und übermorgen. Die richtige Zeit gibt es nie. Warum sagt das bloß niemand?

Padawan und Opi-Wan Kenobi

Als altem Star Wars-Fan ist mir heute dass Herz aufgegangen. Als Oma gerade das Abendessen – auf dem Speisezettel standen Schinken-Nudeln – vorbereitete, bin ich mit unserem Jüngsten seine aktuellen Lernwörter durchgegangen. Dabei hielt sich die Begeisterung des Kleinen durchaus in Grenzen. Jedenfalls waren Vokabeln wie “schrecklich”, “irgendwann” oder “Schnitzeljagd” nicht dazu angetan, seine Laune auf ein höheres Niveau zu heben. Die ganze Situation erfuhr aber ganz plötzlich eine Wende, als ich ihn mit “mein sehr junger Padawan” ansprach. “Ich bin kein Padawan”, erwiderte er zunächst recht trotzig – nicht wissend, dass Obi-Wan Kenobi zu seinem Schüler Anakin Skywalker einmal gesagt hat: “Du musst noch sehr viel Lernen, mein sehr junger Padawan.” Als ich ihm das dann erklärte, schaute mich unser Kurzer verschmitzt an und sprach mich mit voller Ehrerbietung an: “Opi-Wan Kenobi!” Was soll ich sagen? Ich habe nur noch die Hände vor mein Gesicht gehalten, so dass es sich richtig schön schwer schnaufend hinter einer Atemmaske anhört: “Ich bin Dein Großvater!”

PS: Für diejenige, die sich mit Star Wars nicht so gut auskennen: Padawan, oder auch Grüner Junge war laut Jedipedia ein Rang des Alten Jedi-Ordens, der sich auf den Fortschritt in der Ausbildung zum Jedi-Ritter bezog. Es war der zweite Rang nach dem Jüngling und unterschied sich dadurch von diesem, dass ein Padawan allein von einem Jedi-Ritter oder -Meister ausgebildet wurde, während Jünglinge in Gruppen einem Meister zugeteilt waren. Im Stande eines Padawans bauten die Schülerinnen und Schüler auch ihr eigenes Lichtschwert. Während die Jünglinge im Jedi-Tempel bleiben mussten, durften die Padawane den Tempel verlassen und gingen zusammen mit ihrem Meister auf Missionen.

Wer, wenn nicht ich

Henryk M. Broder hat wieder einmal zugeschlagen. Wer, wenn nicht ich heißt sein neuestes Buch, das es in sich hat. Jeder und alle bekommen ihr Fett weg, was bei dem Publizisten und Buchautor nichts Ungewöhnliches ist. Allerdings wechselt er bei den Werkzeugen, mit denen er seine Zielobjekte malträtiert, ohne Vorankündigung zwischen leichtem Florett und schwerem Säbel. Zuweilen holt er auch den Vorschlaghammer raus, dass es nur so kracht. Doch dazu später mehr.

Erst einmal will und muss ich mich entschuldigen, dass diese Rezension den üblichen Rahmen auf diesem Blog sprengen wird. Aber das, was Broder hier niedergeschrieben hat, ist so vielschichtig, dass es für zwei bis drei Buchbesprechungen reichen würde. Dennoch: Es auseinanderzureißen, würde dem Ganzen auch nicht gerecht.

Dann wollen wir mal: „Dieses Buch ist keine Anleitung zum Handeln, wie sie derzeit von Kreti und Pleti en masse geschrieben werden. Es ist eine Einladung zum Selberdenken, zum Misstrauen gegenüber allen Wegweisern, die sich selbst nicht von der Stelle bewegen, und allen Ablasshändlern, die davon leben, dass sie Ängste schüren. Ich widme es Lionel, unserem ersten Enkel“, heißt es gleich zu Beginn.

Ich als Großvater finde diese Widmung natürlich toll, bin mir aber nicht ganz sicher, ob der kleine Mann, wenn er denn mal lesen kann, mit der offensichtlichen Verbitterung seines Großvaters so gut wird umgehen können. Und die liest sich an einer Stelle so: „Inzwischen glaube ich zu wissen, was der Subtext meiner Texte ist, was ich sagen will: Ihr, meine lieben Mitbürger, ihr seid Versager. Und wenn nicht ihr, dann eure Eltern und Großeltern. Sie haben mit den Juden das gleiche Pech gehabt wie die Türken mit den Armeniern. Wenn man einen Job anfängt, muss man ihn zu Ende bringen, ein Völkermord ist kein Kindergeburtstag, den man abbrechen kann, wenn es zu regnen anfängt. Schafft man es nicht, müssen sich die Nachkommen immer wieder dafür rechtfertigen, was die Altvorderen angestellt haben.“

In seiner Radikalität wie der “Alm-Öhi” von Heidi

Das ist schon starker Tobak, wobei ich Broder überhaupt nicht absprechen will, dass er mit uns Deutschen hart ins Gericht geht. Aber in seiner Radikalität erinnert er denn doch stark an den „Alm-Öhi“, den Großvater von Heidi, der sich im Zorn von den Menschen zurückgezogen hat und als Einsiedler auf seiner Hütte lebt: „Mit 73 mache ich mir keine Illusionen mehr. Ich bin auf dem Boden der Realität angekommen. Ich habe mich lange angedient und angebiedert, bis mir irgendwann klar wurde, dass es nichts bringt, einer Gesellschaft in den Hintern zu kriechen, die einen künstlichen Darmausgang hat. Dabei hatte ich mich so gut integriert. Noch ein, zwei Jahre, und ich wäre ein vorbildlicher Deutscher geworden.“ Das klingt nicht besonders hoffnungsvoll. Aber vielleicht, oder soll man besser sagen, hoffentlich schafft es ja der kleine Lionel, seinen „Alm-Öhi“ milder zu stimmen und den Deutschen wieder näher zu bringen.

Denn Broder gehört zu Deutschland. Mehr noch, das Land braucht den 73-Jährigen, der uns den Spiegel vorhält wie kein anderer. Und er fragt sich nach eigener Aussage täglich, „warum ich mich über das, was in Deutschland passiert, aufrege, und warum ich mich darüber aufrege, dass ich mich aufrege.“

Dabei muss man Broder zugestehen, dass es Anlässe genug gibt, sich richtig aufzuregen.  „Jeder Werbespot für eine Arznei, und seien es nur Kopfschmerztabletten“, erinnert er zu recht, „endet mit dem Hinweis, dass man sich über mögliche Risiken und Nebenwirkungen kundig machen und vor der Einnahme die Angaben auf dem Beipackzettel beachten sollte.“ Insofern ist es nur folgerichtig, wenn er vorschlägt: „Zu Beginn einer jeden Tagesschau, jeder Ausgabe des heute journals, jedes Berichts aus Berlin erscheint der Hinweis, dass der Konsum dieses Programms mit Risiken verbunden ist und Nebenwirkungen haben könnte – Gleichgewichtsstörungen, Übelkeit und kurze, aber heftige Anfälle von Verzweiflung. Der gleiche Hinweis, nur in größerer Schrift, wird vor jeder Talkshow eingeblendet, jedem Brennpunkt und jedem Wort zum Sonntag.“

Und was ist mit diesem Buch? Angesichts dessen, über was der Autor so alles berichtet, könnte man ja vielleicht den Warnhinweis noch in Versalien auf den Buchdeckel kleben.  Nur so ein Vorschlag …

Schauen wir einfach rein: Von irgendeinem ARD-Intendanten wurde „ein europäisches Gütesiegel für Qualitätsjournalismus“ gefordert, das, nur nebenbei bemerkt, mich als sogenannten Influencer im Visier hat,  weil die steigende Zahl dieser Menschen es nicht einfacher mache, den Wahrheitsgehalt bestimmter Sachverhalte im Netz zu identifizieren. Vor diesem Hintergrund bin ich ganz der Meinung Broders: „Bei der Einführung eines ‚Gütesiegels für Qualitätsjournalismus’ müsste nur eine zentrale Frage geklärt werden: Wie stellt man ‚den Wahrheitsgehalt bestimmter Sachverhalte im Netz’ fest? Viele Sachverhalte sind ja bis heute umstritten. Zum Beispiel: Hatte der Führer wirklich nur ein Ei? Sind die Israeliten tatsächlich 40 Jahre durch die Wüste gewandert? War Maria bei der Geburt ihres Sohnes eine Jungfrau? Ist die Marktwirtschaft der Planwirtschaft überlegen? Gehört der Islam zu Deutschland wie Jägermeister, das Wort zum Sonntag und die Happy Hour? Hat die Mondlandung in der Wüste von Nevada oder Arizona stattgefunden? Steht die Abkürzung NATO für ‚No Action Talk Only’? Haben Frauen deswegen kleinere Füße als Männer, damit sie beim Kochen näher am Herd stehen können? Fragen über Fragen, die unser Sosein erschüttern.“

“Vulven malen” auf dem Evangelischen Kirchtag

Erschüttert waren vermutlich auch einige Teilnehmer des Kirchentages 2019 in Dortmund, organisiert von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die Broder wie folgt beschreibt: „Natürlich ist die EKD ‚weder eine Reederei noch eine Rettungs-NGO’, sie ist auch keine Event-Agentur. Dennoch veranstaltet sie alle zwei Jahre einen Kirchentag, eine Megaparty, die alles in den Schatten stellt, was sonst so an Massenveranstaltungen angeboten wird, von den Oberammergauer Passionsspielen bis zum Open Air Heavy Metal Festival in Wacken.“ Und dann kommt es: „Der thematische Regenbogen war … weit gespannt. Von der ‚Vielfalt der Religionen in Deutschland’ bis zu der Vielfalt der weiblichen Genitalien, die in einem Workshop ‚Vulven malen’ abgehandelt wurde. Wozu der Kirchentag über Twitter ein GiF-Bild verbreitete, ‚das verschiedene Darstellungen des weiblichen Geschlechtsteils’ in zuckenden Bewegungen zeigte.“ Kann man machen, muss man aber nicht.

Dass unser Autor einige Protagonisten des deutschen Politikbetriebes gefressen hat, ist nichts Neues. Die Deutlichkeit, mit der er seine Abneigung beschreibt, schon eher. Nehmen wir zum Bespiel Ralf Stegner, Fraktionschef der SPD in Schleswig-Holstein: „Aber Stegner ist nicht nur ein Kotzbrocken – autoritär, grobschlächtig, humorfrei – er ist ein Sozialdemokrat aus dem Labor von Dr. Frankenstein. Um es mit den Worten von Carsten Baumann, dem Leiter der Frankfurter Bahnhofsmission, zu sagen: Eine ‚sinnlose Katastrophe’.“

Oder der CDU-Politiker Peter Tauber, „Peter wer?“, wie Broder fragt und auf rund vier Seiten den Mann verarbeitet, der „immun gegen Anflüge von Peinlichkeit ist. Bei passender Gelegenheit würde er auch über seine Hämorrhoiden Auskunft geben.“

Zwei Personen haben es dem Bestsellerautor besonders angetan

Man kann hier gar nicht alle aufzählen, die der Bestsellerautor durch die Mangel dreht. Aber zwei Personen haben es ihm besonders angetan. Der eine ist Heiko Maas, Bundesaußenminister seines Zeichens, über den zu schreiben, etwa so erfreulich sei, „wie an einem Autounfall vorbeizufahren. Irgendetwas zwingt einen dazu, hinzuschauen, obwohl man sich eigentlich abwenden möchte.“ Tut Broder aber nicht: „Wenn es ein Zeichen von Stärke ist, sich der eigenen Schwächen nicht bewusst zu sein, dann ist Maas ein ausgesprochen starker Politiker. Allerdings auch einer, über den Karl Kraus gesagt hätte, es genüge nicht, keine Gedanken zu haben, man müsse auch unfähig sein, sie auszudrücken.“ Damit ist alles gesagt, obwohl der SPD-Politiker viele, viele Seiten füllt.

Bleibt noch Luisa Neubauer, das deutsche Gesicht der Fridays for Future-Bewegung, die leider keine Ahnung habe, „wovon sie redet. Sie ist, wie viele ihrer Alterskohorte, ein Produkt der deutschen Bildungskatastrophe. Niemand hat es für nötig gehalten, ihr zu erklären, wie der Geldkreislauf funktioniert und woher der Staat das Geld nimmt, das er ausgibt. Wozu auch? Der Strom fließt aus der Steckdose und das Geld aus dem Bankautomaten“, legt Broder los, um noch einen draufzusetzen: „Luisa Neubauer ist mehr als nur das deutsche Gesicht der Fridays for Future-Bewegung. Sie ist das Gesicht einer verblödeten Generation, die fest davon überzeugt ist, dass vor ihr alle versagt haben und dass nach ihnen die Sintflut kommt, wenn es ihr nicht gelingt, das klimapolitische Ruder in letzter Minute herumzureißen.“ Und er mahnt: „Aber diese Generation ist nicht harmlos, wie es die Flower-Power-Kinder waren, die sich bei Sex, Drugs & Rock’n’Roll selbstverwirklichen wollten. Sie will vor allem eines: Rache nehmen an ihren Eltern, sie weiß nur nicht recht, wofür. Das ‚Klima’ ist eine Chiffre für die eigene Ohnmacht angesichts eines Lebens, das ihnen mehr abverlangen könnte, als sie zu leisten bereit sind.“

Und Broder geht noch weiter und ins Detail. Er pickt sich einen Satz seiner Lieblingsaktivistin heraus: „Wenn ich fliege, dann mache ich das aus einer absoluten Notwendigkeit heraus – und dann hilft es mir gar nichts, mich dann schlecht zu fühlen dafür.“ Das ist für ihn „ein Satz, den wir uns merken sollten, zeigt er uns doch ‚das deutsche Gemüt’ einer Bewegung, die sich nichts weniger vorgenommen hat, als die Welt vor dem Untergang zu retten. Das Deutschland nur für etwa zwei Prozent der globalen CO2-Emmissionen verantwortlich ist, spielt dabei keine Rolle. Würden alle Deutschen – also die Personen, die in Deutschland leben – aufhören, sich zu bewegen, zu atmen, zu konsumieren und zu produzieren oder würde sich Deutschland durch ein Wunder in Nichts auflösen, wäre die deutsche Frage vielleicht endgültig gelöst, das Weltklima bliebe jedoch davon völlig unbeeindruckt.“

Henryk M. Broder und die Grünen Khmer

Spätestens jetzt schrillen bei Broder alle Alarmglocken: „Die ‚absolute Notwendigkeit’, mit der Luisa Neubauer begründet, warum sie etwas tun muss, was sie anderen verbieten will, ist ein Freifahrtschein in die Öko-Diktatur. Deren Konturen zeichnen sich bereits am Horizont ab. Der Diesel ist unser Unglück, das Auto die Pest des 21. Jahrhunderts. Um uns von diesen Übeln zu befreien, muss ein übergesetzlicher Notstand konstruiert werden. Die Ambulanz, die Feuerwehr und die Polizei dürfen ja auch bei Rot über die Kreuzung fahren.“

Dabei wüsste der Autor sich zu wehren: „Wenn mir einer dieser Grünen Khmer begegnen und sagen würde, ich müsste nicht in Indien Urlaub machen, kein Rockkonzert und kein Fußballspiel besuchen, dann würde ich ihm die Ohren dermaßen langziehen, dass ich sie hinter seinem Kopf zusammenknoten könnte. Was bildet sich so ein Klima-Nazi ein? Wer oder was hat ihn legitimiert, mir vorzuschreiben, was ich machen oder unterlassen soll? Der Klimaschutz ist das Einfallstor für den kommenden Totalitarismus.“

Broder ist jetzt offenbar so in seinem Element, dass der nachfolgende Tipp- und Setzfehler wohl unter Freudsche Fehlleistungen ablegt werden kann: „Die Klimakatastrophe ist ein Betrieb, der rund um die Ohr Schreckensnachrichten produziert, immer verbunden mit einer Mini-Dosis Aussicht auf Rettung. Es ist genau die Mischung, die eine Kollekte braucht, um ein schlechtes Gewissen in klingende Münze zu verwandeln. Ein moderner Ablasshandel, der Hunderte von Instituten für Klima- und Klimafolgenforschung am Leben erhält, Tausende von Experten ernährt und Millionen von Gläubigen bei der Stange hält, animiert von Klimapriestern wie Al Gore und Mojib Latif und -priesterinnen wie Greta und Luisa. Der grüne Totalitarismus verspricht auch die Rückkehr zu einer Idylle, die es nie gegeben hat, ein Öko-Paradies auf Erden.“

Bleibt noch der abschließende Blick in die Zukunft: „Wenn dieser ganze Zirkus eines nicht allzu fernen Tages vorbei sein wird, weil er sich nur bei freiem Eintritt unter den Bedingungen einer maroden Überflussgesellschaft entfalten kann, werden wir uns mit Schaudern an ein paar Szenen und Zitate erinnern.“ Und dazu gehören: „Was gestern noch Haus- und Landfriedensbruch, Nötigung und Widerstand gegen die Staatsgewalt war, ist heute ‚legitimer Widerstand’, der Sand ins Getriebe der Umweltkiller streut. Deutschland dreht durch. Nicht imstande, relativ einfache Probleme wie Lehrermangel und Internet für alle zu lösen, tritt es an, dem Klima Vorschriften zu machen. Morgen wird es Flüsse bergauf strömen lassen und übermorgen eine Wendeltreppe zum Mond bauen.“

Was soll ich sagen? Das Buch kommt daher wie eine Naturgewalt, mit voller Wucht und ohne Rücksicht auf Verluste. Aber nomen est omen. Broders Buchtitel sagt es schon: Wer, wenn nicht er, könnte solche Zeilen schreiben.

Henryk M. Broder, Wer, wenn nicht ich
Achgut Edition, Berlin, 2019, 200 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-9819755-5-0

Genie und Wahnsinn

Heute mal was Kurzes: Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht und wie Sie so drauf sind. Ich für meinen Teil fühle mich manchmal wie Albert Einstein, dem der Satz zugeschrieben wird: „Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.“ Was soll ich sagen? Ich kann das gut nachempfinden. Oma indes sagt: “Bei Dir merkt man, wie dicht Genie und Wahnsinn beieinander liegen können.” Ich weiß ja nicht. Aber irgendwie fühle ich mich doch ein wenig verkannt.

Revolution frisst ihre Kinder

Die digitale Revolution ist in vollem Gange, auch in Deutschland, das in Sachen Digitalisierung ja nicht gerade zu den Spitzenreitern im weltweiten Vergleich zählt. Aber immerhin: Stand 2018 nutzten 57 Millionen Menschen in Deutschland ein Smartphone. In der Altersgruppe der 14- bis 49-Jährigen sind die iPhones von Apple und die vergleichbaren Geräte von Samsung, Huawei oder welchem Hersteller auch immer mit einem Nutzeranteil von über 95 Prozent nicht mehr wegzudenken. Aber wie das bei Revolutionen so ist, irgendwann fressen sie ihre eigenen Kinder. Jedenfalls gibt es erste Anzeichen dafür in Berlin-Neukölln zu sehen. Im Schaufenster eines Cafés steht zu lesen: SORRY NO WIFI TALK TO EACH OTHER AND GET DRUNK! Was soll ich sagen? Miteinander zu reden, ist sicher nicht die schlechteste Idee. Und überhaupt: Ab einem gewissen Alkoholspiegel ist die Nutzung eines Smartphones ohnehin problematisch, weil man die Buchstaben in der Tastatur nicht mehr so sicher treffen kann. Und die Autokorrektur … aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Keine schlechte Idee: Miteinander reden!

Schöne Schultern

Es gibt Szenen in Filmen, die sie sind so bärenstark, dass man sie sich gar nicht oft genug anschauen kann. Letztens war es wieder soweit, als Kommissar Adam Danowski Premiere im ZDF hatte. Der etwas schrullige Ermittler, der einen in der Tat an Colombo erinnert, leidet: Nicht an einem Tumor, wie man bis weit über die Hälfte des Films glaubt, sondern an Hypersensibilität. Das bedeutet, wie er seinem Kollegen in unnachahmlicher Weise schildert, dass zu viele Eindrücke ungefiltert auf ihn einstürmen und er Mühe hat, sie zu ordnen und zu verarbeiten. Deshalb ist er auch schneller gestresst als andere und überfordert. Seine Festplatte läuft heiß, zu viel Informationen: Sein System kollabiert. Doch Gott sei Dank hat ihm der Amtsarzt etwas verordnet: Eine Rosine fürs Achtsamkeitstraining. Wenn Danowski alias Milan Peschel sich auf sie konzentriert, fährt seine Festplatte runter. Man muss das einfach gesehen haben. Dieser Dialog ist für die Ewigkeit, wobei ich den absoluten Höhepunkt noch nicht einmal erwähnt habe. Denn nachdem der LKA-Mann die Wirkungsweise der Rosine geschildert hat, kommt der Satz aller Sätze, garniert mit einem einmaligen Lächeln: „Aber Du solltest mal Franka sehen, meine Therapeutin. Die hat schöne Schultern.“ Was soll ich sagen? Was Besseres als die Antwort seines von Andreas Döhler gespielten Kollegen „Finzi“ fällt mir da auch nicht ein: „Auf was Du alles achtest, Schultern …“ Wer sich von der Genialität selbst überzeugen will, sollte sich beeilen. Noch ist „Blutapfel“ in der ZDF-Mediathek abrufbar. Wer schnell zum Punkt kommen will: Den Dialog gibt’s zwischen 48:28 und 49:47. Und wer sich selber ein Bild von Dr. Franka Simon (Anna Schäfer) machen will, muss nur etwas vorspulen: 01:18:52. Auch an dieser Stelle soll „Finzi“ das letzte Wort haben: „Schöne Schultern.“