Nicht allein das A-B-C

Das Treffen in Düsseldorf aus Anlass unseres vor 50 Jahren abgelegten Abiturs war nicht nur schön, sondern hat auch viele Erinnerung geweckt. Aber dafür sind solche Anlasse ja auch da, in der Vergangenheit zu stöbern und, wenn möglich, nur die schönen Dinge zurückzuholen. Ich denke, dass ist uns bei unserem abendlichen Beieinander sehr gut gelungen. Ich hoffe, die anderen sehen das auch so. Aber wenn ich mir die Gesichter meiner ehemaligen Klassenkameraden vor Augen halte, kann man getrost davon ausgehen. Ich für meinen Teil habe den Aufenthalt in Düsseldorf auch noch genutzt, an die eine oder andere Stelle meiner „Untaten“ zurückzukehren. Ein besonders bewegender Moment war dabei sicherlich der Blick auf meine alte Schule, die ja die Bildungsgrundlage für mein Leben gelegt hat. Meinen Lehrern, von denen die meisten nicht mehr leben, sage ich dafür im Nachhinein noch einmal meinen ganz herzlichen Dank. Was soll ich sagen? Schon der griechische Philosoph Platon wusste, dass es keine Schande ist, nichts zu wissen, wohl aber, nichts lernen zu wollen. Und Wilhelm Busch hat es auf diesen Punkt gebracht: „Also lautet der Beschluss: dass der Mensch was lernen muss. – Nicht allein das A-B-C bringt den Menschen in die Höh’.“

Der Mulinarius

Das Leben kann schon mal hart sein. Bei Wilhelm Busch liest sich das dann so:

„Aus der Mühle schaut der Müller,
    Der so gerne mahlen will.
Stiller wird der Wind und stiller,
    Und die Mühle stehet still.

So gehts immer, wie ich finde,
    Rief der Müller voller Zorn.
Hat man Korn, so fehlts am Winde,
    Hat man Wind, so fehlt das Korn.“

Und in der Tat läuft’s nicht immer rund im Leben. Doch, so weiß es auch ein altes chinesisches Sprichwort: „Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“ Zu denen, die in solchen Zeiten Windmühlen bauen, gehört auch der Mulinarius, den ich nun schon seit fast 20 Jahren kenne, mehr noch, man könnte auch sagen, mit dem ich befreundet bin. Matthias Müller, wie er mit richtigem Namen heißt, ist einer dieser Menschen, die sich mit ihrem Schicksal eben nicht einfach so abfinden, sondern sich ergebende Chancen beim Schopfe packen und etwas daraus machen. Jüngstes Beispiel ist das, was er aus seinem Hobby heraus entwickelt hat. Hatte er bis zum 23. Februar dieses Jahres regelmäßig seine Fotos über die sozialen Netzwerke veröffentlich, war auch für ihn der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine eine Zäsur, die sich nunmehr in seinen Bildern widerspiegelt. Seitdem färbt er seine Bilder in Gelb und Blau. Später, wenn der Krieg vorbei ist, will er diese Bilder verkaufen. Parallel dazu plant er eine Ausstellung mit Ausdrucken und ein Bildband mit allen Bildern. Die Bildbände sollen parallel auf den Ausstellungen verkauft werden. Und die Bilder dann irgendwo später als NFTs für einen guten Zweck versteigert werden. Was soll ich sagen? Nie war eine Metapher zutreffender als hier: Ein Bild sagt mehr tausend Worte.

Enkel wollen Opa umlegen

Aktuell gibt es bei meinen Enkeln nur ein Thema: Schaffen wir es dieses Jahr, Opa umzulegen? Keine Angst, meine beiden Buben trachten mir nicht nach dem Leben. Vielmehr beschäftigt sie die Frage, ob sie bei unserem gemeinsamen Sommerurlaub in der Lage sein werden, Opa im Schwimmbad im Wasser von den Beinen zu holen und – eben – umzulegen. Und die von unserem jüngsten Enkel gewählte Wortwahl ist sogar vom Duden gedeckt. Unter 2.a) heißt es: “der Länge nach auf den Boden, auf die Seite legen”. Die Ausdrucksweise passt also. Man darf gespannt sein. Was soll ich sagen? Ich persönlich hoffe ja, dass ich es dieses Jahr noch einmal schaffen werde, die jungen Burschen im Zaum zu halten. Denn ich befürchte, ab nächstem Jahr habe ich keine Chance mehr. Alles hat seine Zeit.

Foto: Conmongt/Pixabay

Es gibt kein Maskenverbot

Nach rund zwei Jahren Corona werden fast überall in Europa die Infektionsschutzmaßnahmen ganz oder teilweise aufgehoben – so auch in Deutschland, mit Ausnahme der Hotspots Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg. Und, wie sollte es auch anders sein, wird heftig darüber gestritten, ob die Entscheidung richtig ist. Insbesondere Vertreter von CDU, SPD und Grünen würden gerne an Einschränkungen festhalten. Auch eine Mehrheit der Bürger hält das Auslaufen der meisten Corona-Maßnahmen zum jetzigen Zeitpunkt für falsch. Laut einer Forsa-Umfrage vertreten 65 Prozent der Befragten die Ansicht, die Lockerungen kämen zu früh. 32 Prozent halten den Zeitpunkt für richtig. Was soll ich sagen? Es mutet schon merkwürdig an, wie sehr sich eine breite Mehrheit offenbar mit den Grundrechtseinschränkungen arrangiert hat. Dabei ist es doch so bzw. sollte es sein, dass, wie FDP-Vize Wolfgang Kubicki zu Recht betont, nicht die Freiheitsgewährung erklärt und begründet werden muss, sondern die Einschränkung der Freiheit. Bislang geschah dies immer unter Hinweis auf eine mögliche Überlastung des Gesundheitswesens. Besteht diese Gefahr nicht mehr, sind die Einschränkungen aufzuheben. So einfach ist das. Ebenso einfach ist es aber auch, weiterhin Abstand zu halten, Hygienemaßnahmen zu beachten und Alltagsmaske zu tragen – wenn man es denn will. Jedenfalls ist mir nicht bekannt, dass es verboten wäre, sich auch künftig an der AHA-Formel zu orientieren. Oder anders ausgedrückt: Erfahrungsgemäß hat es noch nie jemandem geschadet, den gesunden Menschenverstand zu gebrauchen.

Das Innere der deutschen Seele

Man erliegt ja angesichts der sich gerade nahezu täglich überschlagenden Ereignisse zuweilen dem (Irr-)Glauben, es könne alles nicht mehr schlimmer werden, und wird umgehend eines Besseren belehrt. Nur ein Beispiel: Mein letzter Post Raus aus der Komfortzone war gerade erst geschrieben und veröffentlicht, da kam schon die nächste Dampframme, mit der der von mir ansonsten hoch geschätzte Theo Koll in der Sendung „Maybrit Illner“ den Peinlichkeiten dieses Tages die Krone aufsetze. In der Mitte der Sendung fragte der Moderator den ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk allen Ernstes: „Gibt es für Ihr Land eine Grenze an zivilen Opfern, die sie bereit sind in Kauf zu nehmen?“ In einer Kneipe hätte sich der Fragesteller von seinem Gegenüber vermutlich eine veritable Schellen eingefangen. Doch der Botschafter blieb cool und ließ Koll elegant abblitzen: „Diese Frage ist so zynisch, dass ich keine Antwort darauf geben werde.“ Gleichzeitig verwies er zu Recht darauf: „Putin und Russland sind für die zivilen Opfer verantwortlich und nicht wir.“ Und dann stach er sozusagen mit dem Florett tief in die deutsche Seele: „Wir werden unseren deutschen Freunden nicht den Gefallen tun und uns ergeben, damit sie die schrecklichen Bilder nicht mehr ertragen müssen.“ Als wäre all das nicht schon schlimm genug, insistierte der ZDF-Mann auch noch: „Das war nicht meine Frage.“ Was soll ich sagen? Hier hat sich nicht nur das wahre Gesicht eines über die Jahre völlig fehlgeleiteten Journalismus offenbart, sondern der tragische Zustand eines deutschen Grundverständnisses, für das die Freiheit keinen Wert an sich mehr darstellt. Allein die Idee der Fragestellung – Was muss noch passieren, damit Sie sich ergeben? – verwechselt nicht nur in fataler Weise Ursache und Wirkung, sondern ist an Respektlosigkeit gegenüber jedem bisherigen Kriegstoten nicht mehr zu überbieten. Würde sich die Ukraine jetzt bedingungslos ergeben, wäre jeder Gefallene und jedes zivile Opfer sinnlos gestorben. Es ist die Tragik unserer Zeit, dass sich diese Logik in Deutschland nur noch den Wenigsten erschließt.

Raus aus der Komfortzone

Es ist nur noch zum Fremdschämen. Da richtet der ukrainische Präsident im Deutschen Bundestag einen verzweifelten Hilferuf an die deutschen Parlamentarier, mitzuhelfen, den bestialischen Angriffskrieg Putins zu stoppen, und die haben danach nichts Besseres zu tun, als zur Tagesordnung überzugehen und über die Impfpflicht zu diskutieren – von den zwischenzeitlich verlesenen Geburtstagswünschen ganz abgesehen. Da fleht der ukrainische Botschafter quer über alle Medien und sonstigen Kommunikationskanäle verzweifelt um Beistand für sein vom Tod bedrohtes Volk und ein in seiner Bedeutungslosigkeit kaum zu übertreffender SPD-Staatssekretär im Bundesbauministerium namens Sören Bartol schreibt in einem Tweet, er „finde diesen ‚Botschafter‘ mittlerweile unerträglich“ und versieht das Ganze noch mit dem Hashtag „respektlosigkeit“. Da werden etwas über 1.000 Kilometer von Berlin entfernt ein ganzes Volk und ein ganzes Land in Schutt und Asche gelegt und in die Steinzeit zurückgebombt und Teile der Deutschen Politik tun sich immer noch schwer, genau hinzuschauen, die Dinge beim Namen zu nennen und einzusehen, dass ein Entgegenkommen Putin nur ermuntert, noch skrupelloser seinen imperialistischen Kriegszug fortzusetzen. Was soll ich sagen? Ich frage mich in diesen Tagen des Öfteren, wer in Deutschland überhaupt noch den Mumm aufbringen könnte und würde, sein Land so bravourös und tapfer zu verteidigen, wie die Ukrainer das gerade tun. Denn viele sitzen hierzulande gut gewärmt und gesättigt zuhause und verfolgen fast in Echtzeit mit einem gewissen Nervenkitzel das Grauen auf dem Sofa. Dabei wird dort die Freiheit – übrigens auch unsere – nicht verteidigt. Ich hoffe nicht, dass es erst das böse Erwachen ist, was vielen die Augen öffnet. Es ist für uns Deutsche an der Zeit, die Komfortzone zu verlassen und endlich die Verantwortung zu übernehmen, die die Welt von uns zu Recht schon seit Längerem einfordert. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat es Deutschland insbesondere dem Westen zu verdanken gehabt, wieder zu einem geachteten wie wohlhabenden Mitglied der Weltengemeinschaft zu werden. Jetzt können und sollten wir uns dafür revanchieren. Einen besseren Zeitpunkt könnte es dafür nicht geben. Zeigen wir, dass wir den Ernst der Lage erkannt haben und bereit sind, das Notwendige zu tun. Das sind wir der Welt, aber auch unseren Kindern und Kindeskindern schuldig.

Wenn die Realität Satire überholt

Heute ist der Safer Internet Day. In mehreren Ländern Europas sollen Menschen aller Altersgruppen dazu bewegt werden, dem Thema Sicherheit im Internet mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Auf Initiative der Europäischen Kommission soll durch das 1999 gestartete Safer Internet Programm die Medienkompetenz bei Kindern, Eltern und Lehrern gefördert und sie für Gefahren im Netz sensibilisieren werden. Das ist gut und richtig so. Was leider nicht so gut ist, ist der Umstand, dass Deutschland in Sachen Digitalisierung im weltweiten Vergleich, um es noch ein wenig freundlich zu formulieren, unter ferner liefen rangiert. Sicherlich hat die Pandemie in einigen Bereichen zu einem spürbaren Digitalisierungsschub geführt. Aber in weiten Teilen blieb und bleibt das Land weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Vor allem bei Behörden und Schulen ist der Status quo erschreckend. Was soll ich sagen? Wenn das alles nicht so traurig wäre, könnte man ja herzhaft lachen, vor allem wenn man sich die Geschichte vor Augen führt, die extra3 ausgegraben hat:

Wenn am Ende ein Pferd schneller als das Internet ist, kommt einem unwillkürlich der deutsche Journalist und Satiriker Wolfgang J. Reus in den Sinn, der es einmal so auf den Punkt gebracht hat: “Die Realität übertrifft die Satire”, seufzte der Satiriker, “dabei sagte mir gestern ein Realist, die Satire wäre noch nie real gewesen…”

Amt, aber glücklich!

Geschwindigkeit ist keine Hexerei. Am letzten Sonntagnachmittag (5.12.), ca. 16.15 Uhr, stellte ich fest, dass mein Ausweis im Februar 2022 ungültig wird. Bei meinem panikartigen Versuch, einen Termin in einem Bezirksamt zu bekommen, war ich sofort erfolgreich und bekam am darauffolgenden (!!!!!) Montag (6.12.) einen Termin um 12.24 Uhr – und das noch in meinem Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Selbst meine Schusseligkeit, mit der ich die Webseite mit Uhrzeit und Vorgangsnummer irgendwie im World Wide Web versenkt hatte, wurde durch die Terminbestätigung, die ich kurze Zeit später erhielt, kompensiert. Um mich ja nicht zu verspäten, war ich dann am Montag viel zu früh da. Dennoch wurde ich sofort an die Sachbearbeiterinnen weitergeleitet, die mich ausgesprochen freundlich und so fix bedienten, dass ich bereits um 12.19 Uhr die Dienststelle in der Gallwitzallee schon wieder verlassen und nicht einmal 24 Stunden später meinen Antrag für einen neuen Ausweis erfolgreich abgegeben hatte. In drei Wochen kann ich ihn bereits abholen. Was soll ich sagen? In Berlin heißt das: Amt, aber glücklich!

PS: In etwa diesen Text habe ich am Montag an den Tagesspiegel-Checkpoint geschickt, der es schon am Dienstag im Morgen verarbeitet hat.

Ein klassisches Eigentor

Die UEFA hat es wieder einmal geschafft und ein klassisches Eigentor geschossen – das Oma übrigens mit Ihrer spontanen Zeichnung herrlich karikiert hat. Der europäische Fußballverband hat beim Thema Regenbogen solange herumgeeiert, dass er jetzt zwischen allen Stühlen sitzt. Die Teile Europas und der Welt, für die Toleranz, Akzeptanz und Vielfalt eine Selbstverständlichkeit sind, finden die Entscheidung, dass die Münchner Fußballarena heute Abend beim EM-Spiel Deutschland gegen Ungarn nicht in den Regenbogenfarben erstrahlen darf, sicherlich nicht gut. Und dort, wo die Menschenrechte eher nicht den Stellenwert haben wie bei uns, wird man auch nicht besonders glücklich sein mit dem, was da jetzt losgetreten wurde. Vor allem der arabische Staat Katar wird sich so seine Gedanken machen (müssen), was das alles für die Fußball-Weltmeisterschaft bedeutet, die im nächsten Jahr am Persischen Golf stattfindet. Denn eines ist klar: Ab jetzt wird der Regenbogen nicht nur den Arm von Manuel Neuer schmücken, sondern auch aller Orten nicht mehr zu übersehen sein. Und das ist auch gut so, um es mit den Worten des ehemaligen schwulen Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, zu sagen. Auch dass Länder wie Ungarn, Polen oder Katar, um nur drei zu nennen, unter Rechtfertigungsdruck geraten, muss nicht von Schaden sein. Eines allerdings sollte man immer im Hinterkopf behalten. Grundsätzlich ist es nicht gut, Sport und Politik miteinander zu vermischen. Nun bin ich nicht so naiv und weiß natürlich, dass Sport auch und immer wieder eine politische Komponente hat. Aber niemand, auch wenn er ein noch so hehres Ziel verfolgt, sollte den Sport instrumentalisieren. Wohin das führen kann, hat nicht zuletzt Deutschland auf das Schmerzhafteste erfahren müssen. Was soll ich sagen? Vielleicht wäre ja alles anders gekommen, wenn München bei seinem Antrag nicht gleich mit der Tür ins Haus gefallen und einen direkten Bezug zur Tagespolitik hergestellt hätte. Aber hätte, hätte, Fahrradkette. Jetzt ist es so und alle müssen damit leben. Bei nächster Gelegenheit sollten die Akteuere vielleicht ein bisschen länger nachdenken.