Ein wenig kleinlicher Geist

So, jetzt wird es aber Zeit, dass ich mich wieder einmal zu Wort melde. Wade, Wahlkampf und Wahlen haben mich so beschäftigt, dass ich noch nicht einmal mehr dazu gekommen bin, hier auf dem Blog eines der Themen aufzugreifen, die sozusagen auf der Straße liegen und mir tagtäglich ins Auge springen. Eines davon ist ein Bericht auf t-online.de, der überschrieben war: „Das darf in die Garage – und das nicht.“ Typisch deutsch, habe ich mir gedacht und bin bei der Lektüre bestätigt worden. Gleich der erste Absatz macht das deutlich: „Im Grunde ist es recht einfach: In der Garage darf das Auto abgestellt werden – und sonst nichts. Dabei spielt es keine Rolle, ob Sie die Garage angemietet haben oder besitzen. Streng genommen muss das geparkte Auto sogar fahrtüchtig und angemeldet sein. Beispielsweise einen abgemeldeten Oldtimer einzulagern, ist in der Regel nicht gestattet.“ Wer schon einmal eine Garage in Holland, Frankreich oder Polen von innen gesehen hat, kommt vermutlich aus dem Lachen nicht mehr heraus. Gar nicht mehr zum Lachen sind allerdings die Bußgelder, die offenbar gang und gäbe sind: „Wird gegen eine der Nutzungsregeln von Kfz-Garagen verstoßen, können Kommunen dem Garagennutzer oder -besitzer ein Bußgeld aufbrummen. 500 Euro gelten als eine durchaus gängige Strafsumme.“ Und das tatsächlich kontrolliert wird, scheint gar nicht so selten vorzukommen. Was soll ich sagen? Uns Deutschen, für die ja bekanntlich Ordnung das halbe Leben ist, muss es verdammt gut gehen, wenn wir keine anderen Sorgen haben. Und es kommt einem Ernst Ludwig Kirchner in den Sinn, dem der der Satz zugeschrieben wird: „Es gehört ein wenig kleinlicher Geist dazu, immer Ordnung zu halten.“

Monolith von Lichterfelde-West

Auf der ganzen Welt tauchen plötzlich Stelen auf. Die erste wurde in Utah entdeckt, inmitten einer roten Felsenlandschaft. Das Objekt war aus rostfreiem Stahl und erinnerte an den Monolithen aus Stanley Kubrick Film „2001: Odyssee im Weltraum“. Doch so plötzlich er da war, so plötzlich war er auch wieder weg. Seitdem tauchen an den unterschiedlichsten Stellen diese Stelen auf, von Rumänien bis Großbritannien, von Hamburg bis Neuschwanstein, vom Acker bis zum Gebirge. Und nun auch in Berlin, inmitten eines Wohngebietes im Schweizer Viertel in Lichterfelde-West. Für die Monolithenjäger hier der genaue Standort: Breitengrad 52,427639, Längengrad 13,299827. Wie lange die Stele, die erstmals aus Beton ist, dort noch besichtigt werden kann, vermag niemand sicher vorherzusehen. Was soll ich sagen? Wie wusste schon Meister Yoda: „Schwer zu sehen, in ständiger Bewegung die Zukunft ist.“ Aber schon jetzt ist klar: Lichterfelde-West wird damit in die Geschichte der Monolithen eingehen.

Der Monolith von Lichterfelde-West.

Küchenmaschine in der Apotheke

Man lernt ja bekanntlich nie aus. Einmal mehr habe ich das erfahren, als ich heute mit Oma in unserer Apotheke war. Als wir da so auf unsere Medikamente und sonstigen Mittelchen warteten, ließ ich gemächlich meinen Blick durch den Raum schweifen und traute meinen Augen nicht. Habe ich da etwa gerade eine Küchenmaschine gesehen, und zwar so eine, die wir uns vor ein paar Jahren selbst angeschafft hatten? Schließlich erwartet man das ja nicht unbedingt in einer Apotheke, in der zwar auch angerührt, aber ja nicht gebacken bzw. gekocht wird – es sei denn, man ist der Meinung, dass das irgendwie noch eine Ableitung der alten Hexenküche ist. Dennoch: Da stand sie, die KitchenAid, zwar nicht so schön rot wie unsere. Aber sie rührte vor sich hin, ganz nach dem Motto: Gut Ding will Weile haben. Was soll ich sagen? Wenn man Google mit den Begriffen Apotheke und Küchenmaschine bemüht, ist das Ergebnis eher dürftig. Also, entweder wir haben die Nadel im Heuhaufen gefunden oder die anderen Apotheken lassen sich nicht so in die Küche gucken.

Ein seltener Anblick: Eine KitchenAid in der Apotheken-Küche.

Einfach das Alter genießen?

Oma und ich haben uns richtig gefreut: Endlich wieder Fußball! Heute Abend stand beim ZDF der Audi Cup auf dem Programm. Als das erste Vorrundenspiel zwischen Real Madrid und Tottenham Hotspur gerade vorbei war, kam der obligatorische Werbeblock, in dem sich Aldi eine Sequenz gesichert hatte. Und da fiel uns fast der Unterkiefer auf die Tischplatte: Da wurden doch eine Gehstock, eine Greifhilfe und ein Rollator sowie irgendein technischer Schnickschnack angepriesen mit dem Slogan: Einfach das Alter genießen. Was soll ich sagen? Mir fällt da nur ein: Aldi, geht’s noch? Als wenn wir so ein Klump bräuchten, um unser Alter zu genießen. Oma und ich haben da ein paar andere Ideen. Ich will jetzt nicht ins Detail gehen. Aber unsere Vorstellung von Genießen sieht anders aus. Und die, die oben erwähnte Utensilien wirklich brauchen, werden sich bei diesem Slogan doch wohl eher peinlich berührt fühlen. Denn von Genießen kann ja dann wohl nicht mehr so richtig die Rede sein. Als Kommunikationsmensch fragte ich mich bloß: Welche Werbeagentur war das denn?

Lichterfelder West-Wand

Die meisten Menschen werden denken: Berlin und Berge haben nichts miteinander zu tun. Doch weit gefehlt. Es gibt beispielsweise den Kreuzberg und den Teufelsberg. Auf letzterem hat sogar einmal ein FIS-Skirennen stattgefunden. Es ging um Weltcup-Punkte im Parallel-Slalom. Am 28. Dezember 1986 waren zahlreiche Stars, darunter DSV-Ass Markus Wasmeier aus Deutschland, Slalom-Seriensieger Ingemar Stenmark aus Schweden und Slalom-Weltcupsieger Bojan Krizaj aus Jugoslawien, am Start und – hatten das Nachsehen. Gewinner war am Ende auf der 82 Höhenmeter messenden Piste der österreichische Abfahrts-Olympiasieger von 1980, Leonhard Stock, der nach langer Verletzungspause wieder fit war und im Finale siegte. Allerdings blieb das der einzige alpine Höhepunkt an der Spree, obwohl es in Berlin einen Skiverband und eine Sektion des Deutschen Alpenvereins gibt. Beide Institutionen werden allerdings jetzt aufhorchen, nachdem sich im Südwesten der Stadt alpin Gewaltiges getan hat. In der Baseler Straße konnte sich der Hauch von Eiszeit, der dereinst drei Steine vom Himmel fallen ließ, zu einem Bergmassiv mausern, das bei Bergsteigern als Lichterfelder West-Wand berüchtigt werden dürfte. Der erste hat den Berg bereits bezwungen und ein Gipfelkreuz aufgestellt, das immer mehr Gleichgesinnte nach sich zieht. Was soll ich sagen? Bei uns im Südwesten der Stadt ist die Welt noch in Ordnung und Luis Trenker lebt. Denn wer genau hinhört: Der Berg ruft!

Geh scheißen!

Die Berliner sind ja nicht gerade als die freundlichsten Zeitgenossen bekannt. Wer einmal in den öffentlichen Verkehrsmitteln in der deutschen Hauptstadt unterwegs war, kann ein Lied davon singen. Auch die Kassiererin im Supermarkt kann einem ganz schön zusetzen – alles eine Frage der Widerstandsfähigkeit. Dabei geht es auch in anderen Städten, um nicht zu sagen Hauptstädten, nicht gerade zimperlich zu. “Geh scheißen”, ist so eine Redensart, die selbst im etwas rüden Berlin nicht so gut ankäme. In Wien aber beispielsweise ist dieser fäkalsprachliche Imperativ, glaubt man der Webseite ze.tt, überlebensnotwendig. Nach deren Lesart kann man es als Synonym für „Nein“, „Sicher nicht“ oder „Geh weg“ verwenden. Was soll ich sagen? Ich als kampferprobter Wahl-Berliner weiß gar nicht, warum ich ausgerechnet auf diese Redewendung gekommen bin. Oder doch? Oma hat mir gerade ein Foto zukommen lassen, das fast für sich spricht. Unsere Straße jedenfalls hat seit Neuestem eine Attraktktion, die vermutlich nicht jedem gefallen wird. Es sei denn er muss gerade … Aber lassen wir das. Wir sind ja nicht in Wien, sondern in Berlin. Da allerdings kann so ein Provisorium Ewigkeitscharakter annehmen. Dit is eben Berlin …

The time is out of joint

Wenn ich in diesen Tagen die Zeitung aufschlage, wird mir, wenn ich an meine Enkel denke, ganz anders. Manchmal glaube ich, die Welt tickt nicht mehr sauber. Nur ein paar Beispiele aus dieser Woche: Die Berliner SPD will die Bundeswehr aus den Schulen verbannen, eben die Bundeswehr, die demokratisch legitimiert und vom Grundgesetz gedeckt ist. Der Kiez in Kreuzberg kämpft für, ja Sie haben richtig gelesen, für Aldi, also den Inbegriff für Discounter und ihre Geschäftspraktiken. Die Umweltaktivistin Greta Thunberg findet Atomenergie als Übergangslösung doch nicht so schlimm, die Atomenergie, bei der es ansonsten immer heißt: Nein, danke. Und in London begehen die Briten gerade Selbstmord aus Angst vor dem Tod und steuern ungebremst auf einen harten Brexit zu – mit dem Nebeneffekt, dass sich die Mutter aller Demokratien gerade bis auf die Knochen blamiert. Wer mir das alles vor ein paar Jahren angekündigt hätte, der wäre von mir stante pede ins politische Irrenhaus eingewiesen worden. Doch heute scheint das alles ganz normal, wobei mir völlig klar ist, dass diese Einschätzung ganz wesentlich vom Standpunkt abhängt – Point of View eben. Was soll ich sagen? The time is out of joint, um mit Shakespeares Hamlet zu sprechen, was gewiss nicht heißt, dass früher alles besser war. Ganz im Gegenteil. Da war nämlich alles noch aus Holz, sogar die Gummistiefel, die in Holland „klompen“ heißen.

Bequem laufen fühlt sich sicher anders an: Unser ältester Enkel in “klompen” von Oma.

Dinge zwischen Himmel und Erde

Bei der morgendlichen Zeitungslektüre habe ich einen Artikel* der von mir sehr geschätzten Welt-Kollegin Kathrin Spoerr gelesen, in dem diese freimütig bekennt, wie und warum sie sich so auf Weihnachten freut. Gleichzeitig bekennt sie aber auch, „dass ich weder an Gott glaube noch seinen Namen heilige noch von der Schöpfung des Himmels, der Erde oder sonst was zu überzeugen bin. Wahr ist, dass ich an nichts glaube außer an das, was sichtbar oder erklärbar ist.“ Das ist schade. Nun muss man wissen, dass die Kollegin aus einer protestantischen Bauernfamilie in Mecklenburg-Vorpommern stammt, bei der es vielleicht die DDR war, die es geschafft hat, die „Tradition der Frömmigkeit“, wie sie es einmal formulierte, aus der Familie zu treiben. Wie auch immer, Kathrin Spoerr hat ihren Frieden mit der Kirche und der Religion gefunden, die sie „auf eine sehr eigene, sehr weltliche Weise als meine Religion empfinde.“ Als bekennender Katholik kann ich damit gut leben. Schließlich sind ja auch mir Zweifel und manchmal selbst Wut auf die Kirche nicht fremd, lebe ich meine höchst eigene Religiosität. Nur eine Sache lässt mich nicht ruhen, die ich – gegen ein bisschen Widerstand von Oma – an dieser Stelle denn doch zum Besten geben muss. Ich könnte das jetzt wortreich ausschmücken, will aber doch lieber gleich zum Punkt kommen: Oma kann, wie ihre Mutter immer noch, Brandschmerzen weg…, man könnte sagen, wegbeten. Das verwunderte mich, als ich davon das erste Mal erfuhr, schon sehr. Doch mittlerweile, nach über 40 Jahren Ehe, in der Oma oder ihre Mutter doch so oft und so erfolgreich Menschen von ihren Schmerzen befreit und üblen Narben bewahrt haben, habe ich es aufgegeben, darüber nachzudenken, auch wenn ich nach wie vor nicht den blassesten Schimmer habe, wie und was da vor sich geht. Aber es funktioniert und selbst dann, wenn die Betroffenen selbst davon überhaupt nichts wissen. Und kosten tut es auch nichts. Nun wäre meine Frage an Kathrin Spoerr: Was machen Sie, wenn sich eines iIhrer Kinder oder sie selbst oder ein guter Bekannter verbrennt? Rufen Sie bei uns an und bitten meine Frau, aktiv zu werden, oder lassen Sie es sein, weil hier etwas ist, was nicht sichtbar und erklärbar ist? Was soll ich sagen? Das ist jetzt wahrlich ein Dilemma, das man vielleicht mit dem geflügelten Wort auflösen kann: Wer heilt, hat recht. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die kann man nicht sehen und nicht erklären. Und doch sind sie da. Das ist in etwa.so wie mit dem Weihnachtsmann bzw. dem Christkind. Aber das ist wieder eine andere Geschichte, die es hier auf Opas Blog wie jedes Jahr an Heiligabend gibt.

*Schade, dass der Artikel nicht frei im Netz verfügbar ist.

Nichts zu lachen

In dieser Woche war der internationale Tag des Lächelns. Am Freitag lächelte die ganze Menschheit um die Wette. Dabei könnte man diesen Tag inhaltlich eigentlich zwei Mal belegen. Denn jeder Erwachsene lacht etwa 20 Mal am Tag. Dabei fordert 20 Sekunden Lachen unseren Körper mindestens genauso wie drei Minuten Joggen, will die Abendschau des RBB wissen. Das hat natürlich was. Aber das ist noch lange nicht alles. Lachen stärkt das Immunsystem, senkt den Blutdruck und lindert Schmerzen, erklärt ein Mediziner. Was soll ich sagen? Am besten lacht man joggend oder joggt lachend. Das wäre dann doppelt gesund. Nur, vielen Menschen auf dieser Erde vergeht das Lachen, weil sie nichts zu lachen haben. Und nur joggen hilft da auch nicht weiter, so dass die Diagnose leider lautet: An vielen Stellen ist diese Welt so krank, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Ab 105 Jahren wird es besser

Ich weiß nicht so recht, ob ich mich freuen oder traurig sein soll. Da hat doch ein internationales Wissenschaftlerteam herausgefunden, dass das Risiko, innerhalb eines Jahres zu sterben, ab einem Alter von 105 Jahren nicht mehr zunimmt. So weit, so gut. Allerdings hat die Sache einen Haken. Denn bei der Analyse ihrer Daten fanden die Wissenschaftler ebenfalls heraus, dass bis zu einem Alter von 80 Jahren das Sterberisiko expotentiell wächst. Danach steigt das Risiko langsamer, bis es dann – siehe oben – überhaupt nicht mehr wächst. Für Oma und Opa bedeutet das: Wir müssen noch eine ganze Zeit durchhalten, bis wir das rettende Ufer erreicht haben. Und danach? Alle, die sich jetzt Hoffnungen auf das ewige Leben gemacht haben, muss ich enttäuschen. Bereits im Jahr 2012 hat, wie Der Postillon seinerzeit berichtet, eine Schockstudie enthüllt: Wir werden alle sterben! Früher oder später, und zwar ausnahmslos und an den verschiedensten Todesarten. Die menschliche Sterblichkeitsrate liegt damit bei sage und schreibe 100 Prozent. Seit diesem Erkenntnisgewinn soll es sogar schon Selbstmorde aus Angst vor dem Tod gegeben haben. Dabei hat doch der Lyriker und Musiker Thomas S. Lutter einmal gesagt: „Der beste Schutz gegen Selbstmord ist die Angst vor dem Tod.“ Irgendwie, so habe ich das Gefühl, kann man sich auf nichts mehr verlassen. Was soll ich sagen? Spaß beiseite. Egal, von welcher Seite man auch das Thema angeht, der Beschäftigung mit dem Tod haftet immer etwas, wie Bertrand Russell es einmal formuliert hat, „Verächtliches und Unwürdiges“ an – morbide irgendwie. Dabei gehört der Tod ganz selbstverständlich zum Leben dazu. Mir kommt in diesem Zusammenhang immer die Frage des deutschen Philosophen und Literaturwissenschaftlers Rüdiger Safranski in den Sinn, der damit das ganze Dilemma auf den Punkt bringt: „Vor meiner Geburt war ich doch auch nicht dabei, warum beunruhigt mich die künftige Abwesenheit so viel mehr?“ Die Antwort dürfte zwar richtig sein, aber den meisten Mensch auch nicht weiterhelfen: Weil „man nicht aufhören kann, alles auf sich selbst als Mittelpunkt zu beziehen.“ Man könnte den Alten Fritz zu Rate ziehen: „Ihr verfluchten Racker, wollt ihr denn ewig leben?“ Dann trösten wir uns doch lieber mit Bertold Brecht: „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“ In diesem Sinne: Allen ein langes Leben.

Solange der Verstorbenen gedacht wird, sind sie – frei nach Bertold Brecht – nicht tot. Der Johannis-Friedhof in Nürnberg, einer der weltweit bekanntesten Ruhestätten.