Ein handfester Gender-Skandal

Es gibt ja eigentlich nichts, was es nicht gibt. Nehmen wir zum Beispiel Eltern. Die werden inzwischen eingeteilt in Bioladen-Eltern, Lifestyle-Eltern, Kraken-Eltern, Bildungs-Eltern, Überehrgeiz-Eltern, Peter-Pan-Eltern, Verdränger-Eltern, Angeber-Eltern, Baby-Eltern, Super-Eltern, Helikopter-Eltern und sogar Rest-68er. Sicherlich findet sich irgendwo noch eine Bezeichnung, von der man dann auch nicht so genau weiß, was sie bedeutet. Geht es hier eher um die Kollektivbeschreibung, wird es bei der Einzelbewertung zum Teil richtig heftig. Ladies first: Mommaddy, Chaos-Mutter, Yo-Mama, Twen-Mom, Profi-Mami, Multi-Handling-Mutter, Tiger-Mutter, Latte-Macchiato-Mutter, Bionade-Mutter, Pippi-Langstrumpf-Mutter, Hidden-Potential-Mom, Helikopter-Mom, Pragmatikerin, Glucke oder Best-Friend-Mama. Bei den Vätern wird es schon etwas dünner, dafür teils um so härter: Hard-core-Momblockers, Alpha-Dads, SAH-Dads (Stay-at-home), egalitäre Väter, fassadenhafte Väter, traditionell-distanzierte Väter, unsichere, gereizte Väter, randständige Väter oder partnerschaftliche Väter. Auch die Oma bekommt erst einmal ihr Fett weg: Feldwebel-Oma, Besserwisser-Oma, Ego-Oma, Öko-Oma, Fütter-Oma, Strick- und Stopf-Oma, Feuerwehr-Oma, aktive Oma, flotte Oma oder Muster-Oma. Und die Opas? Opa 2.0 gibt es, ist aber auch nur das Synonym für die neuen Familien-Communities. Ansonsten Fehlanzeige. Keine Opa-Typologie. Was soll ich sagen? Ein handfester Gender-Skandal ist das. Wo ist mein Gleichstellungsbeauftragter?

Und es vererbt sich doch …

Unser jüngster Enkel, nicht einmal zwei Jahre alt, entwickelt sich langsam aber sicher zu einer großen Leseratte. Wenn Oma auf den Kleinen aufpasst, tigert er regelmäßig los und holt sich ein Buch. Aber nicht nur das, er bringt auch seiner Oma ein “Bu’h” mit, um mit ihr gemeinsam zu lesen. Dann wird sich nebeneinandergesetzt und geschmökert. Bei der Auswahl seiner Lektüre ist er durchaus kritisch und anspruchsvoll. Da werden nicht mehr diese kindischen Bilderbücher hervorgeholt, über dieses Stadium ist er längst hinaus. Nein, je mehr Text und Zahlen, desto besser. Bei Oma ist er allerdings etwas zurückhaltender. Die bekommt nur leichte Kost. Bloß nicht so viel Text. Aber ein Bild sagt ja ohnehin mehr als tausend Worte. Was soll ich sagen? Der kleine Mann ist ganz schön weitsichtig. Da er offensichtlich die Unart seines Großvaters geerbt hat, bei gemeinsamer Buch- oder Zeitungslektüre dem oder der Anderen immer wieder etwas vorzulesen, kommt – in diesem Falle – sie ohnehin nicht dazu, selbst etwas zu lesen. Ja, ja, wie sich die Bilder gleichen.

“Wo ist denn der Kopf?”

Bestimmte Erkenntnisprozesse sind schon hart. Dieser Tage half einer unserer Enkel seiner Mutter in der Küche. Als für die geplante Hühnersuppe das gerupfte Federvieh in den Topf verfrachtet werden sollte, fragte der kleine Mann: “Was ist das, was du da in den Topf tust?” “Ein Hühnchen”, lautete die ehrliche Antwort. Irgendwie konnte er das aber nicht nachvollziehen. Und so ging seine Mutter weiter ins Detail und zeigte ihm Beine und Flügel. “Wo ist denn der Kopf?”, wollte er dann wissen, was mit einem kaum verständlichen Gemurmel beantwortet wurde, das sich so ähnlich anhörte wie: “Den hat jemand abgemacht.” Wie dem auch sei, das Tier landete schlussendlich im Topf, wurde gegart und zuletzt sach- und fachgerecht zerlegt. Als meine Tochter die Suppe auf den Tisch bringen wollte, schränkte der Kleine ein: “Ich bitte nur das Flüssige.” Was soll ich sagen? Wie gut, dass Schnitzel keine Beine und Flügel haben. Sonst würde er die vermutlich auch nicht mehr essen wollen – zumindest vorerst nicht.

Omas Ofen und die Emanzipation

“Wie aus Omas Ofen” lautete die Überschrift in einer dieser kostenlosen Zeitschriften irgendeiner Supermarktkette – ja so etwas lesen wir auch schon -, da kam es ganz plötzlich über meine Frau: “In Bezug auf mich werden unsere Enkel das nicht sagen.” Ein grimmiger Blick in meine Richtung: “Opa kocht gut”, würden sie wohl eher loben, mutmaßte sie und schmollte vor sich hin. Diese Steilvorlage konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen und stichelte: “Dann hättet ihr das mit der Emanzipation mal sein lassen müssen.” Das war dann doch zu viel. “Ich war nie eine Alice Schwarzer”, versuchte meine Frau die Situation noch zu retten. Doch sie hatte sich in eine ausweglose Situation manövriert. Zumal ich gerade ein “sensationelles” Chorizo-Risotto gemacht und serviert hatte. Was soll ich sagen? Besser wäre sicherlich gewesen, wenn ich jetzt den Mund gehalten hätte. Aber irgendwie konnte ich es mir nicht verkneifen: “Morgen darfst du wieder kochen.” Darauf kann ich jetzt lange warten.

Der Zauber der Zauberflöte wirkt

Meine Frau und ich sind – wie wohl die anderen Besucher auch – begeistert. Die Zauberflöte in der Komischen Oper in Berlin ist eine Sensation. Mozarts Oper kommt als Stummfilm daher. Doch die Kraft der faszinierenden Bilder tut der Musik keinen Abbruch. Zumal sich nicht die Musik dem Tempo des Films, sondern der Film dem Tempo der Musik anpasst. Ein technisches Meisterwerk, das offensichtlich nicht alle Kritiker verstanden haben. Da ist das Publikum schon etwas klüger. In nur drei Tagen waren die geplanten zehn Aufführungen ausverkauft. Drei weitere wurden in das Programm aufgenommen. Erfreulich ist, dass viele Kinder und Jugendliche im Parkett und auf den Rängen zu sehen sind. Nur schade, dass unsere Enkel noch etwas zu klein für diese Oper sind. Denn besser bzw. moderner kann man die Zauberflöte, die ja ohnehin als Einstiegsoper für den Nachwuchs gilt, für die junge Generation nicht inszenieren. Was soll ich sagen? Der Zauber der Zauberflöte wirkt. Das ist große Oper. Diese Zauberflöte – und hier will ich wirklich nicht spießig sein – hätte aber, wie alle anderen Opern übrigens auch, ein etwas besser, sprich festlicher gekleidetes Publik verdient. Und hier meine ich vor allem die Erwachsenen.

Hat Opa Wackersteine im Bauch?

Einer meiner Enkel ist fasziniert vom Märchen “Der Wolf und die sieben Geißlein”. Er kann gar nicht genug davon bekommen. Seine Mutter und Oma kommen aus dem Vorlesen gar nicht mehr heraus. Vor allem beschäftigt ihn dabei, dass der böse Wolf ja nun Wackersteine in seinem Bauch hat und wie die da hineingekommen sind. Als er sich dann daran erinnerte, dass Opa (ja auch) so eine große und lange Narbe auf Brustkorb und Bauch hat, kam zwangsläufig die Frage auf: “Hat Opa auch Wackersteine im Bauch?” Da konnte ich ihn beruhigen und ihm erklären, dass sich dort stattdessen “nur” eine künstliche Herzklappe befindet. Das hat er zwar nicht verstanden, fand es aber ganz lustig, dass das Ding tickt wie ein etwas zu laut geratener Wecker. Was soll ich sagen? Der Running Gag ließ nicht lange auf sich warten. Wenn die Enkel irgendwie abgelenkt werden müssen, bedienen sich mittlerweile alle der ziemlich gemeinen Aufforderung: “Geht mal hören, ob Opa noch richtig tickt …”

Opas Relativitätstheorie

Wer freut sich nicht über Komplimente? Neulich abends sagte eine Dame zu mir: “Sie sehen aber jung für einen Opa aus.” Ihre Mutmaßung, das mache sicher die gute Pflege meiner Frau aus, habe ich gerne bestätigt. Gleichzeitig fiel mir eine Begebenheit ein, die sich vor nicht allzu langer Zeit ereignet hat. Da war ich mit meiner Frau und meinen beiden Töchtern gemeinsam bei einer Geburtstagsparty. Als ich dort mit meiner Jüngsten das Tanzbein schwang, lästerte einer der Freunde meiner Ältesten: “Was ist das denn für ein alter Sack?” Als meine Tochter ihm entgegnete: “Das sind doch mein Vater und meine Schwester”, fiel ihm die Kinnlade herunter, gefolgt von den Bemerkung: “Hast du aber einen jungen Papa.” Was soll ich sagen? Alles ist relativ und hat, je nach Blickwinkel, zwei Seiten. Meine Relativitätstheorie: Ein Haar in der Suppe ist relativ viel, ein Haar auf dem Kopf ist relativ wenig.

Frau Schröder und Kinderrechte

Frau Schröder macht es einem wirklich nicht einfach. Frau Schröder, gemeint ist die Bundesfamilienministerin, hat jetzt mitgeteilt, dass Deutschland das dritte Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention ratifiziert hat. Danach können sich Kinder wegen der Verletzung ihrer Rechte bei den Vereinten Nationen beschweren. Frau Schröder sagt, damit nehme Deutschland “weltweit eine Vorreiterrolle bei der Stärkung der Kinderrechte ein”. Also nicht ganz. Um bei der Wahrheit zu bleiben, waren vor Deutschland Thailand und Gabun noch etwas schneller. Aber immerhin. Voraussetzung für eine Beschwerde beim zuständigen UN-Ausschuss in Genf ist, dass die nationalen Rechtsmittel ausgeschöpft sind. Da kann man nur hoffen, dass die Kinder in der Zwischenzeit nicht volljährig geworden sind, wenn sie es überhaupt schaffen, durch den Instanzenweg zu kommen. Aber gut, an sich ist es ja nicht schlecht, dass sich Kinder gegen fehlenden Schutz vor Gewalt und Misshandlungen, fehlende Bildungsmöglichkeiten, Diskriminierung oder Unterversorgung wehren können. Doch was soll ich sagen? Irgendwie kann ich mir das Ganze nicht so recht vorstellen, insbesondere wie die Kleinen ihre Rechte überhaupt geltend machen sollen. Aber vielleicht setzt darauf ja auch Frau Schröder. Ansonsten könnte sie plötzlich selber am Pranger stehen. Die (fehlenden) Kitaplätze, auf die nach dem Kinderförderungsgesetz ab dem 1. August 2013 ein Rechtsanspruch besteht, lassen grüßen.

“Risikofaktor Rotznase”

Als in der Enkelbetreuung aktive Großeltern lebt man in diesem Winter gefährlich. Ob Schnupfen, Fieber oder Heiserkeit, unsere kleinen Bazillenmutterschiffe auf zwei Beinen haben alles im Angebot, was die Giftküche der Natur so zu bieten hat. Auch Durchfall ist geboten. Da muss man schon ganz schön hart im Nehmen sein, wenn man da einigermaßen unbeschadet in den Frühling kommen will. Zurzeit ist es besonders schlimm. Wo man auch hinschaut: Überall liegt irgendjemand danieder und quält sich ab mit Viren, Keimen oder Bakterien. Zehn bis 14 banale Infektionen pro Jahr sind bei Jungen und Mädchen im Kindergartenalter ganz normal, sagen Kinder- und Jugendärzte. Und die Erwachsenen sind meist mitbetroffen, Oma und Opa inklusive. Eine Zeitung titelte vor Jahren: “Risikofaktor Rotznase”. Und dabei ist das ja noch nicht alles. In diesem ganz normalen Infektionsalltag lauern auch noch die Kinderkrankheiten, die den Erwachsenen und vor allem den Großeltern ganz besonders zusetzen können. Keuchhusten, Masern, Mumps – eine “hässliche Sache” für die Alten, weiß ein Arzt. Was soll ich sagen? Bitte, liebe Eltern, lasst Eure Kinder rechtzeitig und konsequent impfen. Das kann vielleicht helfen.

“Nein, so spricht nur Oma”

“Zweisprachige Erziehung verzögert Sprachentwicklung” und “Zweisprachigkeit fördert Sprachbewusstsein” sind zwei Überschriften, auf die ich bei meiner Lektüre gestoßen bin. “Ja was denn nun?”, fragt man sich verzweifelt. Doch die Fachleute stochern im Nebel. Auf der Website dasGehirn.info gesteht denn auch eine Professorin: “Was genau im Gehirn zweisprachiger Babys geschieht, weiß die Wissenschaft noch nicht.” Dabei gäbe es genügend Beispiele, die man untersuchen könnte. Allein in Deutschland wächst jedes Kind unter sechs Jahren in einem mehrsprachigen Kontext auf. Von unseren Nachbarländern wie der Schweiz (Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch), Luxemburg (Luxemburgisch, Deutsch, Französisch) oder Belgien (Niederländisch, Französisch) will ich erst gar nicht reden. Bei unseren Kindern und Enkeln, die allesamt zweisprachig aufgewachsen sind bzw. aufwachsen, konnten und können wir jedenfalls keine diesbezüglichen sprachlichen Fehlentwicklungen feststellen. Wichtig ist nur, da sind sich offensichtlich auch die Experten einig, dass jeder nach dem Motto “Eine Person – Eine Sprache” in seiner Muttersprache mit den Kindern spricht. Das wissen auch schon die Kleinsten. Jüngst sprach eine meiner Töchter ihren Sohn nicht wie gewohnt auf Deutsch, sondern in der Sprache ihrer Mutter an. Worauf der kleine Mann meinte: “Nein, so spricht nur Oma.” Was soll ich sagen? Zweisprachigkeit macht jedenfalls nicht dumm.