Passt zu Berlin

So, meine Corona Warn-App zeigt wieder grün, nachdem Sie Dienstag vergangener Woche ja auf Rot gesprungen war. Und gesund bin ich Gott sei Dank auch geblieben. Das hätte aber, wie man täglich lesen muss, auch anders ausgehen können, nachdem – wie berichtet – ein Teilnehmer der Bezirkswahlausschusssitzung, an der ich teilgenommen habe, später positiv auf Corona getestet worden war. So weit, so gut. Was allerdings überhaupt nicht in Ordnung ist, dass bis heute immer noch nicht alle Teilnehmer der Sitzung über diesen Umstand informiert worden sind. Mehr noch: Ich halte das für einen handfesten Skandal. Was soll ich sagen? Man stelle sich einmal vor, dass sich das Ganze nicht im Bezirksamt, sondern in einem Lokal, einem Club oder einem Fitness-Studio abgespielt hätte. Das Bezirksamt hätte dem jeweiligen Betreiber das Leben zur Hölle gemacht und vermutlich mit einer saftigen Geldbuße belegt, die bekanntlich bis zu 25.000 Euro betragen kann. Denn ordnungswidrig handelt, wer vorsätzlich oder fahrlässig gegen die Infektionsschutzmaßnahmenverordnung verstößt. Und mindestens fahrlässig muss man das Verhalten der Behörde bewerten, die gerade in einer Pandemie eigentlich mit gutem Beispiel vorangehen sollte. Aber offensichtlich hat sich die Amt anders entschied und will lieber als schlechtes Beispiel dienen: Ist auch eine Art, sich nützlich zu machen, und passt auch noch viel besser zu Berlin.

Dysfunktional, verantwortungslos

In Berlin ist man oft geneigt zu denken: Eigentlich kann es nicht schlimmer werden. Und dann überrascht einen diese Stadt immer wieder: Doch es kann. Aber der Reihe nach. Der Wahlsonntag an der Spree, also dieser unsägliche 26. September, ist bundesweit ja bereits als das Wahlchaos schlechthin in die Analen eingegangen, so dass man zu dem am Anfang beschriebenen Reflex hätte neigen können. Doch die Nachbearbeitung der Wahl und die Feststellung des Wahlergebnisses in Steglitz-Zehlendorf haben einen eines Besseren belehrt und einmal mehr bewiesen, dass in Berlin die organisierte Verantwortungslosigkeit regiert. Diese unglaubliche Geschichte nahm ihren Lauf, als am Dienstagvormittag (19. Oktober 2021) meine Corona Warn-App Alarm schlug und mir mitteilte, dass ich am 11. Oktober eine Begegnung mit einem erhöhten Risiko gehabt habe. Nach einem Blick in den Kalender wurde schnell klar, dass es sich dabei nur um die Sitzung des Bezirkswahlausschusses handeln konnte, an dem die Ergebnisse der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus und zur Bezirksverordnetenversammlung festgestellt worden waren und an der ich teilgenommen hatte. Was wäre also naheliegender gewesen, als den Bezirkswahlleiter anzurufen und ihn davon in Kenntnis zu setzen. Gesagt, getan. Allerdings überraschte dieser mich mit der Aussage, dass dies schon sein könne, da jemand, den er mir gegenüber mit Namen und Funktion benannte, ihn am Morgen darüber informiert habe, dass er trotz zweifacher Impfung positiv auf Corona getestet worden sei. Mal abgesehen davon, wie dies datenschutzrechtlich zu bewerten ist, hätte man jetzt doch davon ausgehen können, dass der Bezirkswahlleiter ab dieser Nachricht alle Hebel in Bewegung setzen würde, die Teilnehmer der Bezirkswahlausschusssitzung zu informieren. Immerhin hatten da knapp 30 Menschen, die allermeisten ehrenamtlich, über drei Stunden in einem geschlossenen Raum miteinander verbracht und sich zuweilen auch dicht beieinander stehend ausgetauscht. Doch weit gefehlt. Als ich am Donnerstag im Bezirksamt einmal nachfragte – weil ich bis dato nichts mehr gehört hatte -, wie denn der Stand der Benachrichtigung sei, gestand mir eine Mitarbeiterin des Wahlamtes, dass sie erst durch mich und meine Nachfrage davon erfahren habe, dass es einen Corona-Fall gebe. Nun gut, dachte ich, vielleicht ist der Vorgang ja an das Gesundheitsamt abgegeben worden, und rief dort an. Aber auch in diesem Amt wusste niemand von nichts. Neuerliche Anrufe beim Wahl- und beim Gesundheitsamt brachten ebenfalls keine neuen Erkenntnisse, was immer mehr an meinen Geduldsfaden zerrte, zumal mir ein Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde auf meine Frage, wer bei einer Infektion denn in der Pflicht sei, Kontaktpersonen nachzuverfolgen und zu informieren, erzählen wollte, dies sei erst einmal der Infizierte. Auch ein zwischenzeitlicher Hinweis von einer Wahlamtsmitarbeiterin auf den nahenden Feierabend besserte meine Laune nicht gerade, nachdem mittlerweile mindestens drei Tage verstrichen waren, in denen von Seiten des Bezirksamtes aber auch gar nichts unternommen worden war, um die Teilnehmer der Wahlausschutzsitzung zu warnen. Daraus, was ich von der ganzen Sache hielt, machte ich keinen Hehl. Obwohl ich die Hoffnung eigentlich schon aufgegeben hatte, gelang es mir doch noch, den Bezirkswahlleiter noch einmal an die Strippe zu bekommen. So groß die Freude zunächst war, so groß war dann aber auch die Ernüchterung, nachdem mir dieser bei der Frage nach der Verantwortlichkeit erklärte, das Wahlamt habe die Sitzung organisiert und jeder sei dafür verantwortlich, was er getan – oder eben nicht getan – habe. Konkret ging es darum, dass bei der Sitzung nicht alle Teilnehmer registriert worden waren und insofern nur die im Protokoll festgehaltenen Personen identifiziert werden können. Von einer Kontrolle, wer genesen, geimpft oder getestet war, mal ganz zu schweigen. Die Infektionsschutzverordnung jedenfalls lässt grüßen. Was soll ich sagen? Auch wenn es stimmen sollte, dass der Bezirkswahlleiter bei meinem letzten Anruf gerade dabei war, eine Anweisung in die Tasten zu tippen, nach der – zumindest die bekannten – Teilnehmer der Sitzung informiert werden sollen, zeigt dieser ganze Vorfall einmal mehr, wie dysfunktional diese Stadt tatsächlich ist. Wir reden ja hier nicht von einem lästigen Fußpilz, sondern von einer Krankheit, die im schlimmsten Fall tödlich enden kann. Und da kommt eine Verwaltung derart bräsig daher, dass einem nichts mehr einfällt. Nicht nur meines Erachtens geht das schon über grobe Fahrlässigkeit hinaus, mit der da mit der Gesundheit von Mitmenschen umgegangen wird. Am Montag (25. Oktober) ist übrigens der Ermittlungszeitraum, den die Corona Warn-App berücksichtigt, vorbei und meine App wird wieder auf Grün umspringen. Man darf jedoch gespannt sein, ob bis dahin jemand informiert wurde – und das unabhängig davon, wen welche rechtliche Verpflichtung in diesem Fall überhaupt treffen würde. Aber das Bezirksamt, das ja für die Bürger da ist bzw. da sein sollte, hat hier zumindest eine moralische Verpflichtung – auch und nicht zuletzt gegenüber den Mitarbeitern.

Erster Schluck ist der leckerste

Das hat gezischt! Am Wochenende haben sich Oma und ich nach vielen, vielen Monaten der pandemiebedingten Enthaltsamkeit das erste frisch gezapfte Bier auf der Terrasse unseres Haus- und Hofrestaurants gegönnt. Dabei haben wir wieder einmal festgestellt: Der erste Schluck ist der leckerste. Dennoch, es ist natürlich nicht bei einem Bier geblieben. Auf einem Bein kann man ja bekanntlich nicht so gut stehen. Und da wir nicht mit dem Auto unterwegs waren, haben wir uns trotz der nachmittäglichen Uhrzeit gedacht: Was soll’s! Und während wir so da saßen und die wiedergewonnene Freiheit genossen haben, ist uns auch noch ein mehr oder weniger hoch aktuelles politisches Problem untergekommen. Auf dem Bierdeckel, auf dem unsere Biere standen, mahnt die Brauerei: SAVE THE PLANET! Da Oma und ich als liberale Freigeister schon umweltbewusst waren, als es die Grünen noch gar nicht gab, und heute sicherlich umweltbewusster handeln, als viele Grüne bzw. Grünen-Wähler dies tun, rennt der Bierhersteller bei uns offene Türen ein. Die Begründung allerdings war für uns dann doch ein wenig überraschend: ITS THE ONLY ONE WITH BEER. Was soll ich sagen? Wenn ich ehrlich sein soll, dann hatte ich über diesen Aspekt bislang noch nicht nachgedacht. Aber als Bayer ist mir ja sozusagen in die Wiege gelegt worden: I hob no nia ned koa Bia ned drunga! Aber um den Umweltgedanken nicht ganz aus dem Blickfeld zu verlieren, sei an dieser Stelle der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker zitiert: “Man könnte froh sein, wenn die Luft so rein wäre wie das Bier.” So isses!

Wir haben uns infiziert

Es ist passiert: Oma und ich haben uns infiziert. Nicht mit Corona, Gott sei Dank, sondern mit dem Schachfieber. War es zu Beginn der Pandemie hin und wieder mal eine Partie, setzen wir uns mittlerweile täglich mindestens einmal ans Schachbrett, von dem es in unserem Haushalt inzwischen bereits vier Versionen gibt. Unsere neueste Errungenschaft ist dabei ein klassisches Bauhaus-Schachbrett, das auf seine Funktion als Spielfläche reduziert und randlos ist und in Süddeutschland gefertigt wurde. Passend dazu haben wir uns Figuren angeschafft, die aus dem indischen Amritsar stammen, woher nicht nur die meisten, sondern auch die feinsten Schachfiguren der Welt kommen. Und in der Tat: Der von Hand geschnitzte Springer ist ein wahres Kunstwerk und begeistert mich jedes Mal, wenn ich mit ihm ziehe. Die Form der Figuren geht auf einen in der Mitte des 19. Jahrhunderts gestalteten und nach dem englischen Schachpionier Howard Staunton benannten Satz zurück. Die Königshöhe beträgt zehn Zentimeter. Was soll ich sagen? Manchmal habe ich den Eindruck, dass, je digitaler die Welt wird, die Haptik immer mehr an Bedeutung gewinnt. Bei mir ist es jedenfalls so. Und ich genieße es jedes Mal, wenn ich unsere neuen Figuren in der Hand habe.

Berlin seiner Zeit voraus!?

Es ist nicht alles schlecht in Berlin. Mit dem Impfen gegen Corona beispielsweise bekommen sie das hier eigentlich im Großen und Ganzen ganz gut hin. Laut Robert-Koch Instituts (RKI) haben mindestens 15,6 Prozent der Berliner eine Erstimpfung erhalten, 7,0 Prozent sogar die zweite Dosis. Bei den Vollgeimpften steht Berlin damit derzeit an der Spitze der deutschen Impfstatistik. Auch als Oma und ich letztens geimpft wurden, hat das ganz gut geklappt. Aber Berlin wäre nicht Berlin, wenn nicht irgendwas die Erfolgsbilanz gleich wieder verhageln würde. Und man muss auch gar nicht lange warten. Ein guter Bekannter erzählte mir von seinem Freund, der eine doch recht merkwürdige Mitteilung von den Corona Impfzentren – Berlin erhalten hat – und das bereits am 8. April. So heißt es da: “Sofern wir uns nicht irren, haben Sie Ihren Termin am Mittwoch, den 14. April 2021 um 13.15 Uhr bei Corona Impfzentren – Berlin nicht wahrgenommen oder zu spät abgesagt.” Termin am 14. April 2021 nicht wahrgenommen? Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich mit Blick auf das Datum. Was soll ich sagen? Das ist typisch Berlin, wo der Berliner, auch wenn der Irrtum evident ist, sagen würde: Berlin ist seiner Zeit voraus – ganz nach dem Motto: Wir haben zwar keine Alpen, aber wenn, dann wären sie die größten der Welt.

Diese Mitteilung spricht für sich.

Auch ich würde blind wählen

Es ist tatsächlich passiert. Wider Erwarten sind Oma und ich bereits mit AstraZeneca geimpft, während Ärzte, Lehrer und andere Berufsgruppen, die an vorderster Corona-Front stehen, zunächst einmal in die Röhre schauen müssen. Unser Impfglück verdanken wir der umstrittenen Entscheidung der Ständigen Impfkommission und der Gesundheitsministerkonferenz, den Impfstoff nicht mehr an unter 60-Jährige zu verimpfen. Daraufhin hat es Berlin Menschen zwischen 60 und 69 Jahren – also wie Oma und mir – ermöglicht, sich auch ohne Impfeinladung bereits ab Karfreitag mit AstraZeneca impfen zu lassen. Einen Termin konnte man telefonisch und ohne Buchungscode ab Gründonnerstag um 7.00 Uhr vereinbaren. Das allerdings war eine Herausforderung. 28 Mal habe ich versucht, bei der Hotline durchzudringen. 27 Mal bin ich dabei nach jeweils zwei Minuten damit vertröstet worden, dass alle Plätze durch das gestiegene Interesse belegt seien, und aus der Leitung geflogen. Beim 28. Mal dann wurde mir eine Wartezeit von 23 Minuten angekündigt, die ich auch geduldig abgewartet habe. Mehr noch: Nach 36 Minuten schließlich teilte mir die monotone Computerstimme im Endergebnis mit, dass es mit einem Impftermin wegen des großen Andrangs doch nichts mehr werden würde. Doch bevor ich – Gott sei Dank – wütend und enttäuscht auf mein Handy schlagen und die Verbindung abbrechen konnte, vernahm ich eine freundliche weibliche Stimme, die mich nach Nennung ihres Namens mit säuselnder Stimme fragte: “Was kann ich für Sie tun?” Zunächst ging ich davon aus, dass meine Nerven derart ramponiert sein mussten, dass ich da eine akustische Fata Morgana wahrnehmen würde. Doch die junge Dame ließ nicht locker und holte mich in die Wirklichkeit zurück. Und eh ich mich versah, hatte ich für Oma und mich einen Termin gemacht, der bereits am Karfreitag um 10.30 Uhr stattfand. Nun sind wir also geimpft und der Normalität zumindest ein kleines Schrittchen näher gekommen. Was soll ich sagen? Als Berliner ist man ja diesbezüglich nicht sonderlich verwöhnt. Dass etwas mal funktioniert und die Menschen zuvorkommend sind, ist ja eher selten. Umso erstaunlicher war die gute Organisation vor Ort und die Freundlichkeit der vielen, auch ehrenamtlichen Helfer. Bemerkenswert war zudem, dass sich Ärzte bei den Geimpften bedankten, dass sie sich mit AstraZeneca haben impfen lassen und damit einen Beitrag zur Pandemiebekämpfung geleistet hätten. Ich hoffe nur, dass trotz des unseligen Hin und Hers um den Impfstoff viele Menschen von dem Angebot Gebrauch machen und sich impfen lassen – auch mit AstraZeneca. Denn wie hat eine Ärztin und Professorin u.a. auf dem Gebiet der Arzneimittelsicherheit in einem Interview auf die Frage geantwortet, mit welchem Impfstoff sie sich denn impfen lassen würde, wenn sie es sich aussuchen könnte: “Sie können mir die vier zugelassenen Impfstoffe hinlegen, ich ziehe einen Impfstoff blind heraus und lasse mich damit impfen.” Gut so! Da kann sich so mancher Politiker vor allem in der Regierung eine Scheibe von abschneiden.

Glücklicher Opa an Karfreitag in Berlin nach der ersten Corona-Impfung mit AstraZeneca.

Manic Monday

Es sind schon verrückte Zeiten. Da ist an einem Tag wie heute sozusagen die Top-Nachricht der Woche, dass die Friseure wieder geöffnet haben. Für die Friseure freue ich mich natürlich – und für mich auch, hatte ich doch gleich um 13.00 Uhr am Wiedereröffnungstag einen Termin. Wobei anzumerken bliebe, dass es auch Zeitgenossen gab, die es nicht abwarten konnten und um 9.00 Uhr oder bereits um 8.30 Uhr oder sogar noch früher auf dem Stuhl der Friseurin oder des Friseurs ihres Vertrauens Platz genommen hatten. Wie dem auch sei, dieser haarige Tag wird vielen in nachhaltiger Erinnerung bleiben und sie werden noch ihren Kindern und Enkeln davon erzählen. Was soll ich sagen? Wie auch immer: Der Friseurzunft gilt unser aller Dank, dass sie so lange während des Corona-Lockdowns ausgehalten hat und nun wieder wie gehabt für uns Normalsterbliche da ist. Zu ihrer Ehre will ich auf eine Seite verlinken, die vielleicht nicht mehr ganz so aktuell, aber es dennoch wert ist: Manic Monday – Der ganz normale Friseur-Salon-Wahnsinn. Da sind Klasse-Sprüche zu finden, von denen mir zwei am besten gefallen haben: Friseure machen die Welt stetig ein bisschen schöner: einen Haarschnitt nach dem anderen! oder Friseur-Mantra: “Selbst wenn das Leben nicht perfekt ist, können es Deine Haare aber sein!”

Endlich wieder Haare geschnitten: Opas Friseurin nach getaner Arbeit.

Die Grippe und die Menschen

“Die Geschichte ist eine ewige Wiederholung.” Das wusste schon rund 400 Jahre vor Christus der griechische Historiker Thukydides, auch wenn das bis heute immer wieder gerne bestritten wird. Ein signifikantes Beispiel aus jüngerer Zeit belegt ein Gedicht, was mir jetzt in die Hände gefallen ist, aber bereits vor über 100 Jahren veröffentlicht wurde. Erschienen ist es 1920 in der schweizerischen Satire-Zeitschrift “Nebelspalter” und beschreibt die Zeit der Spanischen Grippe von 1918 bis 1920, als wenn es ein Blick in die Zukunft der Jahre 2020 und 2021 mit dem Corona-Virus wäre:

“Die Grippe und die Menschen”

Als Würger zieht im Land herum
Mit Trommel und mit Hippe,
Mit schauerlichem Bum, bum, bumm,
Tief schwarz verhüllt die Grippe.

Sie kehrt in jedem Hause ein
Und schneidet volle Garben –
Viel rosenrote Jungfräulein
Und kecke Burschen starben.

Es schrie das Volk in seiner Not
Laut auf zu den Behörden:
“Was wartet ihr? Schützt uns vorm Tod –
Was soll aus uns noch werden?

Ihr habt die Macht und auch die Pflicht –
Nun zeiget eure Grütze –
Wir raten euch: Jetzt drückt euch nicht.
Zu was seid ihr sonst nütze!

‘s ist ein Skandal, wie man es treibt.
Wo bleiben die Verbote?
Man singt und tanzt, juheit und kneipt.
Gibt’s nicht genug schon Tote?”

Die Landesväter rieten her
Und hin in ihrem Hirne.
Wie dieser Not zu wehren wär’,
Mit sorgenvoller Stirne:

Und sieh’, die Mühe ward belohnt.
Ihr Denken ward gesegnet:
Bald hat es, schwer und ungewohnt,
Verbote nur so geregnet.

Die Grippe duckt sich tief und scheu
Und wollte sacht verschwinden –
Da johlte schon das Volks aufs Neu’
Aus hunderttausend Münden:

“Regierung, he! Bist du verrückt –
Was soll dies alles heißen?
Was soll der Krimskrams, der uns drückt,
Ihr Weisesten der Weisen?

Sind wir den bloß zum Steuern da,
Was nehmt ihr jede Freude?
Und just zu Fastnachtszeiten – ha!”
So gröhlt und tobt die Meute.

“Die Kirche mögt verbieten ihr,
Das Singen und das Beten –
Betreffs des andern lassen wir
Jedoch nicht nah uns treten!

Das war es nicht, was wir gewollt.
Gebt frei das Tanzen, Saufen.
Sonst kommt das Volk – hört, wie es grollt,
Stadtwärts in hellen Haufen!”

Die Grippe, die am letzten Loch
Schon pfiff, sie blinzelt leise
Und spricht: “Na endlich – also doch!”
Und lacht auf häm’sche Weise.

“Ja, ja – sie bleibt doch immer gleich
Die alte Menschensippe!”
Sie reckt empor sich hoch und bleich
Und schärft aufs neu die Hippe.

Was soll ich sagen? Und sie wiederholt sich doch, die Geschichte. Die Beschreibung passt damals wie heute. Wer das Gedicht geschrieben hat, ist leider nicht bekannt, lediglich die Initialen A.I. sind überliefert.

Diese Karikatur von Fritz Boscovits (1871 – 1965), der den “Nebelspalter” mit begründet hatte, erschien zu dem Gedicht “Die Grippe und die Menschen”.

Sie wissen nicht, was sie tun

Unser jüngster Enkel, der in diesem Jahr zum Teenager avanciert, hat jüngst Post von der Bundesregierung bekommen. “… die Corona-Pandemie schränkt unser aller Alltag ein”, heißt es da. Und weiter geht es: “Ganz besonders gilt das für diejenigen, für die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf besteht. Deshalb hat die Bundesregierung beschlossen, Ihnen einmalig 15 Schutzmasken mit hoher Schutzwirkung gegen eine geringe Eigenbeteiligung zur Verfügung zu stellen.” Und in der Tat: Beigefügt waren zwei Berechtigungsscheine für jeweils sechs Schutzmasken. Unser kleiner Mann hat sich natürlich gefreut, aber auch gefragt, inwiefern er denn “ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf” haben sollte. Soviel wie er und auch ich wissen, ist er pumperlgesund und topfit. Aber seine Krankenkasse, die von der Bundesregierung gebeten worden war, das Schreiben an ihn zu senden, “um Sie über das Nähere schnell und zuverlässig zu informieren”, wird schon einen Grund haben, warum sie ihn ausgewählt hat, während der eine oder andere alters- bzw. krankheitsbedingte Risikopatient noch auf seine Masken wartet. Was soll ich sagen? Nicht nur angesichts des Hinweises, dass “die AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske) weiterhin besonders wichtig” bleiben, war dieser Brief ein ganz besonderes Aha-Erlebnis. Denn ein solches ist laut Wikipedia ein vom deutschen Psychologen Karl Bühler geprägter Begriff aus der Psychologie, der das schlagartige Erkennen eines gesuchten, jedoch zuvor unbekannten Sinnzusammenhanges bezeichnet. Und der kann ja wohl nur sein: Sie wissen nicht, was sie tun.

Wie ein Beipackzettel

Es ist unerheblich, wer es tatsächlich gesagt hat. Aber als Bayer finde ich die Vorstellung, dass es Karl Valentin war, durchaus charmant. Das Bonmot, um das es hier geht, lautet: Prognosen sind äußerst schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Diese leidvolle Erfahrung haben 2020 vor allem all diejenigen machen müssen, die in die Corona-Glaskugel geblickt haben. Oft war sicher auch der Wunsch der Vater des Gedankens. Aber am Ende dieses schrecklichen Jahres ist nur eines sicher: Dieses Virus ist unberechenbar. Und so müssen wir uns wohl oder übel noch auf eine lange Wegstrecke einstellen, die weiter von Einschränkungen geprägt sein wird. An sich bin ich ja ein positiver Mensch. Aber die Zahlen, die das Robert-Koch-Institut (RKI) täglich veröffentlicht, sind alles andere als ermutigend. Nur zu Erinnerung: Anfang November, als die 7-Tage-Inzidenz noch bei 114,6 lag, ging es in den “Lockdown light”. Um den Menschen diese Maßnahme schmackhaft zu machen, wurde zunächst ein Weihnachtsfest in Aussicht gestellt, das an die alte Normalität heranreichen sollte, zumindest fast. Das daraus dann doch nichts werden konnte, war schnell klar. Am 16. Dezember, als wir in den immer noch andauernden Lockdown gingen, lag die 7-Tage-Inzidenz bundesweit bereits bei 180. Und an Heiligabend war sie gar bei 196. Dabei war das Ziel, besagte Zahl auf 50 oder darunter zu senken. Davon sind wir auch heute mit 149 noch meilenweit entfernt, wobei erschwerend hinzukommt, dass, wie das RKI zu bedenken gibt, über die Feiertage nicht so viel getestet wurde und nicht alle Ämter ihre Daten auch übermittelt hätten. Will heißen, das dicke Ende kommt erst im neuen Jahr, wenn auch Silvester hinter uns liegt. Dabei wollte uns Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Weihnachtsansprache doch so optimistisch stimmen und sprach angesichts des nahenden Impfstoffes davon, dass das Licht am Ende des Tunnels heller werde. Mein erster Gedanke dabei war: Wenn dass mal nicht die Scheinwerfer des heranrauschenden D-Zuges sind. Denn mit den Impfungen ist das so eine Sache. Sicher scheint bislang nur, dass bis Ende März sechs bis sieben Millionen Menschen in Deutschland geimpft werden können. Darüber hinaus geht Bundesgesundheitsminister Jens Spahn davon aus, bis zum Sommer allen Bürgern in Deutschland ein “Impfangebot” machen zu können. Doch es gibt einen kleinen Haken, der an einen Beipackzettel erinnert. Denn die Rechnung geht nur auf, wenn weitere Präparate eine Zulassung erhalten. Was soll ich sagen? Gewiss, die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich denke aber, es ist nur fair, die Menschen nicht nur immer in falscher Sicherheit zu wiegen, sondern reinen Wein einzuschenken. Denn wenn die enttäuschten Hoffnungen ein erträgliches Maß überschreiten, dann wäre das mehr als kontraproduktiv. Die Menschen werden sich dann vermutlich an überhaupt keine Regeln mehr halten, was langfristig auf einen Totalschaden hinausläuft. Den kann nun wirklich keiner wollen.