Jesus weinte

Es vergeht kaum noch ein Tag, an dem nicht eine Meldung oder ein Bericht über Kindesmisshandlungen, sexuellen Missbrauch oder Vernachlässigung die Öffentlichkeit schockiert. Der Aufschrei ist zwar laut, aber in den allermeisten Fällen ebenso schnell wieder verhallt, wie er gekommen ist. Wenn man sich die statistischen Zahlen ansieht, kann einem schlecht werden: Jährlich rund 300.000 Fälle von sexuellem Missbrauch, 1,42 Millionen misshandelte Kinder, Vernachlässigungen noch nicht einmal mitgezählt. Angesichts dessen fragt man sich, warum es nur in Berlin ein spezielles Kommissariat (Landeskriminalamt 125) für derartige Fälle gibt. Der Runde Tisch “Sexueller Missbrauch”, den die Bundesregierung eingerichtet hat, ist – und da braucht man nicht einmal besonders kritisch zu sein – das Papier nicht wert, auf dem die jeweiligen Sitzungen protokolliert wurden. Bleiben noch private Initiativen wie “Kinderschreie“, “gegen-Missbrauch” oder “Finger weg von unseren Kindern“, um nur einige wenige zu nennen. Aber all das wirkt vor dem Hintergrund der kaum zu glaubenden Lebenswirklichkeit wie der besagte Tropfen auf dem heißen Stein. Was soll ich sagen? Da fällt mir nur der kürzeste Satz aus Bibel ein: “Jesu weinte.” (Johannes 11,35)

 Finger weg  Grafik: Finger weg von unseren Kindern

“Opa, pup mal!”

Unser jüngster Enkel ist mittlerweile soweit, dass man sich mit ihm schon richtig gut unterhalten kann. Das gilt sowohl für Deutsch als auch für die Sprache, die Oma immer mit ihm spricht (Siehe “Nein, so spricht nur Oma”.) Einen kleinen Haken hat die Sache allerdings noch. Der kleine Mann mit seinen gut zwei Jahren hat zuweilen gewisse Probleme mit den Buchstaben “k” und “ck”. Wenn man das weiß, ist das nicht weiter schlimm. Dann versteht man ihn trotzdem. Die erste Zeit jedoch schauten sich Oma und Opa manchmal Schulter zuckend an und verstanden nur Bahnhof. Oder schämten sich auch in Grund und Boden, wenn die Konversation in aller Öffentlichkeit und so laut geführt wurde, dass sie jeder verstehen konnte. Wie würden Sie sich wohl fühlen, wenn Ihr Enkel Sie vor lauter Begeisterung laut und deutlich auffordern würde: “Opa, pup’ mal!” Was soll ich sagen? Bei “Pa-pe, Pa-pe – …” hat er natürlich keine Probleme.

Nunmehr ein ganz Großer

Es gibt bei der Entwicklung von Kindern Schritte, die sind gewaltig. Bei unserem ältesten Enkel hat es jetzt so einen Meilenstein gegeben. Unsere Tochter rief uns an und berichtete, dass ihr Mann und sie für den Kleinen das erste (richtige) Fahrrad gekauft hätten – ohne Stützräder. Da unser Enkel mit seinem Laufrad beste Erfahrungen gemacht hatte, bestieg er laut unserer Tochter ohne Zögern das neue Fortbewegungsmittel und düste los. Das konnte natürlich nicht sofort zu einhundert Prozent gutgehen. Die eine oder andere Bruchlandung soll es gegeben haben. Aber Dank eines Helmes und dicker Kleidung hielten sich die Blessuren offensichtlich in Grenzen, so dass unser kleiner Mann nach einigen Versuchen nunmehr zu den ganz Großen gehört. Was soll ich sagen? Da wären Oma und ich auch gerne dabei gewesen. So bleibt uns vorerst nur die Erinnerung an unsere Töchter, als diese das erste Mal ganz alleine mit ihren Fahrrädern gefahren sind. Aber ganz so lange wird es wohl nicht dauern, bis unser Großer uns sein neues Können demonstriert.

“Opa, ich hab dich lieb”

Sie erinnern sich, wie Schnee in der Märzsonne dahinschmilzt? Nein, sicher nicht. In diesem Jahr lag ja noch im April der Schnee in der Gegend herum. Ich konnte mich auch nicht mehr so recht daran erinnern, wie dies vor sich geht. Das änderte sich aber bei der letzten Übernachtung unseres jüngsten Enkels. Da hatten wir ausreichend Zeit, miteinander zu spielen, Unsinn zu machen, herumzutollen, Bücher zu lesen, Hubschrauber fliegen zu lassen und alles das zu tun, was ein Kinderherz so begehrt. So ein Wochenende ist für Jung und Alt ein Quell der Freude und Vertrautheit. Das macht sich vor allem darin bemerkbar, dass man immer weniger Worte braucht, um sich zu verständigen. Als wir dann alle gemeinsam am Tisch saßen, kreuzten sich einmal unsere Blicke, wir lächelten uns an und in seinen Augen stand leise, aber unüberhörbar der Satz: “Opa, ich hab dich lieb.” Was soll ich sagen? Da wusste ich wieder, wie es ist, wenn der Schnee in der Märzsonne  dahinschmilzt.

 

Ka-cke, Ka-cke – Schei-ße

Unsere Enkelkinder sind bereits recht gut erzogen. Zumindest wissen sie vom Grundsatz her schon, was sich gehört und was nicht. Das heißt allerdings nicht, dass man vor Peinlichkeiten der besonderen Art gänzlich verschont bliebe. Doch davon wird ein anderes Mal noch die Rede sein. Hier soll es jetzt um den immer wiederkehrenden Versuch unserer beiden Enkel gehen, ihre Grenzen auszutesten. Das funktioniert natürlich immer dann besonders gut, wenn die “Nicht”-Wörter ausgepackt werden. Unser jüngster Enkel macht sich regelmäßig einen riesigen Spaß daraus, singend durch die Gegend zu hüpfen, was sich in etwa so anhört:”Ka-cke, Ka-cke.” Wenn dann Mama, Papa, Oma oder Opa sagen: “Nicht!”, fokussiert der kleine Mann seine blitzenden Augen, lächelt verschmitzt und strahlt übers ganze Gesicht. Dann öffnet sich der kleine Mund und es kommt das, was man am wenigsten hören möchte: “Schei-ße.” Was soll ich sagen? Besser lässt sich die Tagesform der Erziehungsberechtigten wirklich nicht testen.

 

“Opa ‘mal”

Kinder haben eine Vorstellungskraft, die wir Erwachsenen im Laufe unseres Reifeprozesses wahrscheinlich schon relativ früh verloren haben. Die Phantasie der Kleinen ist dabei so verblüffend wie einfach, so dass wir zuweilen Schwierigkeiten haben, ihr zu folgen. Als unsere Enkel jüngst wieder einmal bei uns waren, haben diese sich in unserer offenen Küche hinter einer Anrichte versteckt. Opa wurde daraufhin von Oma aufgefordert, nunmehr die Beiden zu suchen. Ich faselte etwas von Schlafzimmer, in dem ich zunächst einmal nachschauen wollte, und schlich mich langsam und leise an die zwei Buben heran, die mich aus ihrer Position nicht sehen konnten. Mit lautem Löwengebrüll sprang ich dann um die Ecke, was wiederum zu lautem und begeistertem Kindergebrüll führte. “Opa ‘mal”, juchzte der ganz Kleine vor Freude, was im Klartext bedeutete, ich solle das Spektakel doch bitte wiederholen. Das tat ich natürlich – und zwar vollkommen identisch. Was wiederum zu der Bitte führte: “Opa ‘mal.” Was soll ich sagen? Das Ganze wiederholte sich unzählige Male, mit immer wachsender Begeisterung bei den Kindern. Und die konnten sich jedes Mal aufs Neue vorstellen, dass ich zunächst ins Schlafzimmer gehen würde, und sich dann zu Tode erschrecken. Da kann man richtig neidisch werden.

“Wenn du deinen Teller aufisst”

Die Kommunikation zwischen Erwachsenen und Kindern ist manchmal doch recht schwierig. Besonders für die Kleinen ist es nicht immer ganz einfach, zu wissen, was die Großen nun eigentlich wollen. Da soll man dies tun und das andere lassen, wie etwas sagen oder dann doch wieder den Mund halten, sich bemerkbar machen oder still sein, teilen oder auf seine Sachen aufpassen. Mal lachen die Erwachsenen, wenn man beim Essen schmatzt, rülpst oder sonstige Laute von sich gibt, ein anderes Mal gibt es bei gleicher Gelegenheit ein riesiges Donnerwetter. Was man auch tut, im Zweifelsfall ist es verkehrt. So oder so ähnlich müssen Kinder denken. Jedenfalls kann ich mich noch gut an die eine oder andere Begebenheit erinnern, bei der mir in jungen Jahren vergleichbare Gedanken durch den Kopf gegangen sind. Als meine Enkel jüngst wieder bei uns waren, ist mir ein weiteres Beispiel aufgefallen, bei dem die Kinder denken müssen: Die spinnen, die Erwachsenen. Da versuchte doch Oma, einen unserer Enkel dadurch zum Essen zu ermuntern, indem sie ihm in Aussicht stellte: “Wenn du deinen Teller aufisst, gibt’s nachher noch ein Eis.” Was soll ich sagen? Das Eis hätte der kleine Mann ganz sicher auch gebraucht, mindestens um seine Kiefer zu kühlen, nachdem diese das gute alte Porzellan unter ziemlich schmerzhaften Begleitumständen zerkleinert hätten.

Ein echtes Luxus-Kind

Unser jüngster Enkel ist, wie seine Tante es formuliert, ein echtes Luxus-Kind. In der letzten Zeit hat er ein ums andere Mal bei Oma und Opa übernachtet, was immer völlig problemlos war. Unsere Jüngste lieferte ihn ab, wurde ohne jede Träne verabschiedet und war, spätestens wenn Oma mit ihm im Spielzimmer verschwand, zwar nicht vergessen, aber doch aus (den Augen, aus) dem Sinn. Abendbrot, waschen und Zähne putzen, ins Bett gehen, nicht eine Szene hat es gegeben. Auch das Einschlafen passierte zumeist in Rekordgeschwindigkeit. Aber all das ist es nicht, was dieses Luxus-Kind ausmacht. Das ergibt sich erst dann, wenn der Kleine eingeschlafen ist. Oma und Opa können dann etwas fernsehen oder vielleicht über das eine oder andere in Ruhe reden, gar noch ein Gläschen Wein trinken und schließlich ganz geruhsam schlafen gehen. Das tolle dabei ist, wir können bis zum nächsten Morgen durchschlafen. In aller Regel bis sieben Uhr. Als Zugabe gibt’s noch eine Stunde kuscheln und schmusen oben drauf. Was soll ich sagen? Wenn das kein Luxus ist.

 

Der erste Cabrio-Ausflug

Das Wetter ist jetzt endlich soweit, dass Besitzer von Cabrios ihre Fahrzeuge wieder guten Gewissens auf die Straße lassen können. Das hat auch unser ältester Enkel mitbekommen, der sofort die ihm eigentlich schon im vergangenen Jahr versprochene Cabrio-Premiere bei Oma und Opa einforderte. Da half keine noch so attraktive Ablenkung, selbst der Hinweis auf die nunmehr erforderlichen Umrüstarbeiten beeindruckte ihn in keinster Weise. Also machte sich Opa daran, dass Kinderstühlchen aus dem einen Auto aus- und in das andere einzumontieren. Dann war es soweit: Der Kleine nahm in seinem Stühlchen Platz, wurde dort vorschriftsmäßig angeschnallt, zog die Mütze über den Kopf und los ging die Fahrt. Der Wind weckte nicht nur bei unserem Enkel das Gefühl von Freiheit und Abenteuer. Auch Oma und Opa sowie unsere Tochter genossen die Fahrt. Als nach einiger Zeit der Ausflug beendet und Tochter und Sohn wieder zu Hause abgeliefert worden waren, standen die beiden noch am Straßenrand, um die Großeltern zu verabschieden. Da plötzlich schaute der kleine Mann völlig entgeistert auf die Frontpartie des Cabrios und fragte seine Mutter: “Wieso sieht das Auto aus wie unseres?” Der Hinweis darauf, dass ihr Kombi von derselben Marke und aus derselben Modellreihe seien, konnte unseren Enkel nicht befriedigen. Was soll ich sagen? Woher soll der kleine Mann auch wissen, was eine Marke und eine Modellreihe sind. Das Leben ist manchmal ganz schön schwierig.

“forzicht frisch gelegt”

Jede Woche werden in Deutschlands Schulen rund 1.000.000 Unterrichtsstunden nicht stundenplangemäß gehalten. Das hat der Deutsche Philologenverband 2011 errechnet und weiter angemahnt, dass auf jede ersatzlos ausfallende Stunde mindestens eine weitere kommt, die nicht nach Stundenplan gehalten wird. Unterrichtsausfall scheint also hierzulande ein Massenphänomen zu sein. Am schlimmsten ist laut Philologenverband die Lage an Berufsschulen, an denen rund zehn Prozent des Unterrichts ausfällt. Es folgen die Gymnasien mit rund acht Prozent, an Grundschulen sind es rund vier Prozent. Zum Glück dauert es ja noch eine Weile, bis unsere Enkel eingeschult werden, aber bedenklich stimmt das alles schon. Vor allem Kinder mit Migrationshintergrund, die vielleicht auch noch in Brennpunktgebieten deutscher Großstädte wohnen und dort zudem durch die oftmals festgestellte Bildungsferne ihres Elternhauses benachteiligt sind, sind von diesem Missstand betroffen. Was soll ich sagen? Wie schlimm das alles ist, zeigt das unten abgebildete Bild, auf dem der sicher wohl gemeinte, aber doch sehr nachdenklich stimmende Hinweis eines Fliesenlegers zu lesen ist: “forzicht frisch gelegt”.

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