Berlin oder doch Timbuktu?

18 Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind in ihrer Lese- und Schreibfähigkeit auf dem Niveau von Zehnjährigen stehengeblieben. 14 Prozent gelten als sogenannte funktionale Analphabeten. Die Rede ist nicht etwa von den Menschen in Mali, Burkina Faso, Tschad, Mosambik, Kongo oder Niger, den aktuell ärmsten Ländern der Welt. Nein, die Rede ist von Deutschland, das im letzten Weltentwicklungsreport der Vereinten Nationen Platz fünf belegt und eine der führenden Industrienationen dieses Planeten ist. Man mag es also kaum glauben, doch es ist so. Noch weniger glauben kann man allerdings, dass dagegen nicht einmal etwas getan werden kann, zumindest nicht bundesweit. Denn Bildung ist Ländersache, die Schulbildung allemal. Welche Flausen dieser föderale Flickenteppich im Bildungssystem zuweilen absondert, konnte man vor nicht allzu langer Zeit ja in Berlin bestaunen. Dort hat, wie treue Leser von Opas Blog wissen, der Senat die Hürden für Schulabschlüsse gesenkt. Sowohl die Berufsbildungsreife – der frühere Hauptschulabschluss – als auch der Mittlere Schulabschluss sind seit letztem Schuljahr leichter zu erreichen, als es bisher an den Gesamtschulen möglich war. Zudem kann man mit schlechteren Noten in die gymnasiale Oberstufe aufsteigen. Wenn das nicht des Rätsels Lösung ist. Wenn keiner mehr lesen und schreiben kann, merkt’s sicher auch keiner mehr. Was soll ich sagen? Gott sei Dank haben wir hier in der Stadt ja die Spree, den Fernsehturm und das Brandenburger Tor. Ansonsten könnte man irgendwann einmal auf die Idee kommen, wir sind hier in Timbuktu – wobei ich den Menschen dort wirklich nicht zu nahe treten will.

„Bosheit ist kein Lebenszweck!“

„Max und Moritz machten beide, als sie lebten keine Freude“, heißt es in der Einleitung zu eben jener Bubengeschichte, die seit ihrer Erstveröffentlichung im Oktober 1865 Generationen von Kindern in ihren Bann gezogen hat. „Mit behaglichem Gekicher, weil du selbst vor ihnen sicher“, lauschen auch unsere beiden Enkel mit wachsender Begeisterung, wenn Opa die sieben Streiche dieser bösen Kinder vorliest, „die, anstatt durch weise Lehren sich zum Guten zu bekehren, oftmals noch darüber lachten und sich heimlich lustig machten.“ Und in der Tat ist ja das, was Max und Moritz der armen Witwe Bolte, Meister Böck, Lehrer Lämpel, dem Zuckerbäcker und Bauer Mecke antun, nicht von schlechten Eltern. „Aber, wehe, wehe, wehe! Wenn ich auf das Ende sehe!!“ Da wird doch ziemlich deutlich: „Bosheit ist kein Lebenszweck!“, sondern rächt sich. Was soll ich sagen? Auch wenn die Geschichte dieser Bösewichter schon in die Jahre gekommen ist, hat doch die Darstellung und Unterscheidung von richtig und falsch sowie gut und böse nach wie vor ihre Berechtigung bzw. ist notwendiger denn je. Denn nicht einmal im Fernsehen mehr enden alle Kriminalgeschichten damit, dass am Ende das Gute siegt. Nur eben bei Wilhelm Busch bleibt es dabei: „Gott sei Dank! Nun ist’s vorbei mit der Übeltäterei!“

IMG_1682 Opa liest seinen Enkeln “Max und Moritz” vor: Steckt dahinter etwa auch ein kluger Kopf?

„Unser“ Oma ist echt

Jetzt ist es also raus: Deutschlands bekannteste Twitter-Oma ist nur eine Erfindung. Renate Bergmann, die immerhin fast 22.000 Follower hinter sich geschart hat, heißt in Wirklichkeit Torsten Rohde, ist 39 Jahre alt und arbeitet als Controller. Das Licht der Welt erblickt hatte die Twitter-Oma am 16. Januar 2013, als auf Twitter folgender Tweet erschien: „Guten Tag. Ich heiße Renate Bergmann und bin neu hier. Ich suche nette Damen oder Herren für gemeinsame Unternehmungen. Bitte schreiben Sie.“ Und das taten viele. Innerhalb kürzester Zeit war Renate Bergmann landauf landab der Inbegriff von liebenswerter Schrulligkeit. Dass sie auch noch „Fäßbuck“ eroberte, war mehr oder weniger zwangsläufig, obwohl sie es mit „Händis“ nun überhaupt nicht hat. Wie dem auch sei: Renate Bergmann ist nur eine, wenn auch nette Geschichte. Was soll ich sagen? Wie gut das ich „unser“ Oma habe. Die ist wenigstens echt und bleibt es auch. Von Opa ganz zu schweigen …

Kisch hätte ganz sicher gebloggt

Das Schöne an Krankenhäusern ist ja, dass man mal Zeit hat, Dinge zu tun, zu denen man ansonsten nicht kommt. So zum Beispiel sich von einem Freund besuchen zu lassen und mit ihm über dies und das zu plaudern, ohne Zeit- und Termindruck. Einfach herrlich! Und wenn dieser Freund dann noch ein Büchlein mitbringt, in dem man, wenn er gegangen ist, nach Herzenslust stöbern und lesen kann, ohne Zeit- und Termindruck. Einfach herrlich! Und wenn das Büchlein dann noch Textpassagen enthält, die absolut zeitlos sind, dass es gar keinen Zeit- und Termindruck geben kann, dann ist das einfach nur herrlich. Kleines Beispiel gefällig: „In einer Großstadt wie Berlin erhöht sich die Arbeitszeit schon durch die enorme Entfernung der Wohnung von der Arbeitsstätte, schon die morgendliche Fahrt in der überfüllten Straßenbahn ist Anstrengung, und die abendliche Heimkehr nimmt dem ausgepumpten Arbeiter den Rest seiner körperlichen und geistigen Kraft. Dabei gibt es Zehntausende, die keine Nachtruhe haben, denn der Verkehr zur Arbeitsstelle darf nicht stocken, in Zelten auf dem Fahrdamm werden die Schienen der Straßenbahn beschweißt, in den Tunnels der Untergrundbahn tauscht man die schadhaften Geleise aus, und auf den Landstraßen bessern Erdarbeiter mit Harke und Schippe den Boden aus, damit das Auto des aus seiner Villa kommenden Herrn nicht rüttle … Ein Kontrast? Es gibt ihrer mehr.“ Na, schon ein Idee, von wem der Text stammt? Klingt ja fast zeitgenössisch. Vielleicht hilft ja eine zweite Stelle weiter: „Hinter jedem Luxus steht die harte Arbeit jener, die niemals den Begriff Luxus kennen werden, hinter jeder prunkvollen Theatervorstellung, hinter jedem Ausstattungsfilm steht das Heer derjenigen, die sich um eines Hungerlohnes willen Tag und Nacht hin und her hetzen lassen müssen, deren Namen nicht einmal der kennt, der sie hin und her hetzt, geschweige denn das Publikum, das bewundernd den Namen seiner Lieblinge ausspricht, die „großen“, glänzend bezahlten Regisseure und die „großen“ Schauspieler und Schauspielerinnen.“ Immer noch keine Idee? Um es kurz zu machen: Der Text stammt von Egon Erwin Kisch, Aus dem Café Größenwahn (Berlin bei der Arbeit), aus dem Jahre 1927, gerade neu in 2. Auflage aufgelegt vom Verlag Klaus Wagenbach Berlin. Was soll ich sagen? Es hat sich doch nichts, aber auch gar nichts geändert. Und wenn es damals schon Blogs gegeben hätte, hätte Egon Erwin Kisch ganz sicher gebloggt. Und als Titel für den Blog wäre „Café Größenwahn“ auch prima gewesen.

Purer Horror

Die Einleitung liest sich schon wie purer Horror: “Verantwortungsbewusste Eltern erschrecken ihre Kinder nicht einmal mit Platzpatronen. Der Kindesmisshandler aber gibt nicht bloß Warnschüsse ab, sondern schießt scharf. Seine Attacken verursachen schmerzhafte, teilweise lebensgefährliche Verletzungen, psychisch wie physisch. Und er greift immer wieder an, täglich, wöchentlich, meist über viele Jahre hinweg. Mit Faustschlägen und Fußtritten, mit maßlosen Beschimpfungen und Herabsetzungen. Er sperrt seine Opfer in Kellerlöcher oder Zimmer, deren Fenster mit schwarzer Folie verklebt sind. Er lässt sie hungern, dursten, frieren. Er zerstört ihre Körper und Seelen.” So stimmen die renommierten Rechtsmediziner Michael Tsokos und Saskia Guddat die Leser in ihrem neuen Buch ein. Deutschland misshandelt seine Kinder lautet der Titel dieser “Streitschrift”, die aufrütteln und etwas verändern will. Denn die typische Reaktion auf das Thema sind: “Ein Klaps hat noch keinem geschadet” oder “So etwas macht doch heutzutage in Deutschland niemand mehr!” Doch die Wirklichkeit sieht leider anders aus: “Laut offizieller Polizeistatistik sterben in Deutschland jede Woche drei Kinder an den Folgen ihrer Misshandlung. Jede Woche werden rund siebzig Kinder so massiv malträtiert, dass sie ärztlich behandelt werden müssen. Das sind 3.600 krankenhausreif geprügelte, in die lebenslange Behinderung geschüttelte, mit glühenden Zigaretten verbrannte oder auf andere Weise schwerstgeschädigte Kinder Jahr für Jahr. Und das sind 160 Kinder, die alljährlich bei uns getötet werden – nicht durch Unfälle oder kindlichen Übermut, sondern durch erwachsene Täter – in aller Regel Vater oder Mutter oder der aktuelle Lebenspartner eines Elternteils.” Was soll ich sagen? Da fällt mir nur wieder der kürzeste Satz aus der Bibel ein, den ich bei diesem Thema schon einmal zitiert habe: “Jesus weinte.” (Johannes 11,35)

Tsokos                         Deutschland misshandelt seine Kinder                                                                            Michael Tsokos & Saskia Guddat                                                                                    256 Seiten, 19,99 Euro                                                                                                ISBN: 978-3-426-27616-7                                                                                      Droemer Verlag 2014

PS: Das ZDF hat sich gestern Abend auch des Themas angenommen. Hat zoom+ noch den versagenden Kinderschutz angemessen an den Pranger gestellt, war die Vermischung bei Lanz zwischen Dschungelcamp und geschundenen Kinderseelen unerträglich.

Lesen im Dunkeln

Unser jüngster Enkel kann schon lesen, obwohl er noch keine drei Jahre alt ist. Jedenfalls tut er so, und das auch noch ziemlich überzeugend. So wartete er in unserem seinem Spielzimmer jüngst mit einem Blatt Papier in der Hand und einer bemerkenswerten Brille auf der Nase auf und las seiner Mutter und Großmutter vor. Dass er extra das Licht ausgeschaltet hat, weil er dann mit seiner Brille besser lesen konnte, sei nur am Rande erwähnt. Und so las er denn: „Hier steht, man muss immer dieses Spiel spielen.“ (Anmerkung von Opa: Es geht um das Spiel „Vogelnest“, mit dem schon unsere Kinder so gerne gespielt haben.) Oder: „Hier steht, man muss immer hier baden.“ (Anm. von Opa: Er badet für sein Leben gerne bei uns.) Oder: „Hier steht, man muss immer hier schlafen.“ (Anm. von Opa: Er schläft halt ausgesprochen gerne bei uns.) Was soll ich sagen? Praktisch, so eine Lesebrille im Dunkeln. Wäre sicher auch was für Oma und Opa …

IMG_0957Wohl dem, der eine so tolle Lesebrille hat.

Invasion finsterer Ungeheuer

“Der spielt wilde Sau, und wir stehen hier rum wie die Orgelpfeifen? Wir müssen was unternehmen, sonst ist hier bald Schicht im Schacht, Ende Gelände, aus die Maus und Schotten dicht.” Das sind die Worte von Lina, eine der Hauptpersonen des Kinder- und Jugendbuches “Paul Paulsen und das Geheimnis der Mottenkiste”, als  “aus dem lichtumfluteten Ischtar-Tor hunderte mit bestialischen Werkzeugen bewaffnete gigantische Asseln, Kakerlaken, mit spitzen Zähnen besetzte Würmer und Tausendfüßler herauskrabbelten.” Diese wenige Zeilen lassen bereits Böses ahnen: “Der macht jetzt wirklich Ernst mit seinem Die-Welt-erobern-Quatsch.” Wer “der” ist, wird hier nicht verraten. Nur soviel: Paul Pausen und Lina befinden sich mitten in einer spannenden Abenteuergeschichte und müssen Berlin und die Welt vor der Invasion finsterer Ungeheuer retten. Das Buch, das János Weinert lebendig geschrieben und Maria Heilek mit ihren einfallsreichen Illustrationen bebildert hat, ist hochwertig produziert und sicherlich einmal ein anderes Kinder- und Jugendbuch. Was soll ich sagen? Der Preis ist mit 17,20 Euro plus 2,00 Euro Versand zwar durchaus stattlich. Wer aber mit Hinweis auf Opas Blog das Buch per E-Mail (weinert@weinert-wa.de) bestellt, erhält ein vom Autor und der Illustratorin handsigniertes Exemplar. Das hat nicht jeder.

Cover                                      Das Cover von “Paul Paulsen und das Geheimnis der Mottenkiste”