Nachhaltige Spuren

Bei unserem jüngsten Besuch in Münster hatte Opa ein richtiges Aha-Erlebnis. Als unsere Freunde uns einer ihrer Bekannten vorstellte, sagte diese zu mir: „Sie kenne ich doch!“ Ich guckte etwas verdutzt, zumal ich die gute Frau gedanklich überhaupt nicht unterbringen konnte. Beim Versuch, eine Antwort auf diese offene Frage zu finden, kam relativ schnell zur Sprache, dass ich in der westfälischen Universitätsstadt einmal bei der örtlichen Zeitung, den Westfälischen Nachrichten, gearbeitet hatte, während sie Europaabgeordnete gewesen war. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich verantwortete nämlich dort damals eine einmal wöchentlich erscheinende Europa-Seite, was in der Bundesrepublik zu diesem Zeitpunkt einmalig war. Vor allem aber muss das bei Gabriele Peus-Bispinck, wie die ehemalige Abgeordenete heißt, so viel Eindruck gemacht haben, dass sie sich so gut an mich erinnern konnte. Was soll ich sagen? So etwas tut richtig gut. Jedenfalls scheint eine Zeitung von gestern nicht nur zum Fischeeinwickeln zu taugen, sondern hinterlässt zuweilen auch nachhaltige Spuren.

Erdogan wie Pippi Langstrumpf

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan kommt einem so langsam vor wie Pippi Langstrumpf. Deren Lied geht ja bekanntlich so:

Ich mach‘ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt …
Hey – Pippi Langstrumpf hollahi-hollaho-holla-hopsasa
Hey – Pippi Langstrumpf – die macht, was ihr gefällt.

Jedenfalls macht sich Erdogan im Moment die Welt, wie sie ihm gefällt, und macht, was ihm gefällt. Dabei hat er offensichtlich jedes Maß verloren. Selbst Oma, die ansonsten eher besonnen und ruhig ist, ist derzeit außer sich, nachdem der türkische Staatspräsident ihre Landsleute als „Faschisten und Nazis“ beschimpft und den Niederlanden Staatsterrorismus vorgeworfen hat. Derartige Äußerungen sind alleine schon deswegen bemerkenswert, als die Türkei gegenwärtig alles andere ist als eine lupenreine Demokratie mit rechststaatlicher Sicherheit und garantierter Meinungs- und Pressefreiheit. Vielmehr führt sich Erdogan wie ein Despot auf, der nach dem Motto agiert: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Und diejenigen entsorgt er gnadenlos. Die Liste der Journalisten, die er ins Gefängnis gesteckt hat, wird immer länger und hat die 100er Grenze längst überschritten. Wie viele Menschen sonst noch in irgendwelchen Verliesen ohne die Möglichkeit eines Rechtsschutzes verkommen, kann nur befürchtet werden. Und mit dem Referendum, für das die türkische Regierung so verzweifelt Wahlkampf macht, will Erdogan noch mehr Macht an sich reißen. Vor diesem Hintergrund kann man dem Publizisten Hendryk M. Broder, der endlich „klare Kante“ fordert, nur zustimmen. Denn: „Da entsteht eine brutale Diktatur – und wir sollen deeskalieren“, warnt er davor, dass eine Appeasement-Politik gegen totalitäre Herrscher noch nie etwas genutzt hat. Was soll ich sagen? Es ist anerkennens- und lobenswert, dass jetzt das kleine Saarland alle Wahlkampfauftritte von ausländischen Politikern verboten hat. Es wäre aber sicherlich an der Zeit, dass Angela Merkel im Bundeskanzleramt in Berlin endlich mit der Faust auf den Tisch haut und dem Herrn in Ankara unmissverständlich zu verstehen gibt: Jetzt reicht’s!

Ist die Frau der bessere Mann?

Der Internationale Frauentag hat viele Namen. Laut Wikipedia wird er auch Weltfrauentag, Frauenkampftag, Internationaler Frauenkampftag oder Frauentag genannt, der am heutigen 8. März weltweit begangen wird. Gewiss ist noch nicht alles Gold, was in Sachen Gleichstellung glänzt. Aber, so schreibt es Birgitt Kelle auf welt.de, „im Vergleich zu vielen anderen Regionen der Erde leben wir in Europa im feministischen Auenland. Wir haben Gender-Beauftragte, ein Gleichstellungsgesetz, Nein heißt bei uns Nein, wir können unsere Männer verlassen, ohne dafür von unseren Brüdern umgebracht zu werden. Und wenn einer „süße Maus“ zu uns sagt, können wir ihn wegen böswilligem Sexismus öffentlich anprangern. Es ist ein Jammern auf hohem Niveau.“ Derweil, so bemerkt sie weiter, ist die moderne weibliche Welt „immer nur dann in Ordnung, solange Frau an ihrer Optimierung zum besseren Mann arbeitet.“ Oma, so habe ich den Eindruck, hat diesen Anspruch, wenn sie ihn denn überhaupt hatte, längst aufgegeben. Bei uns im Haushalt liegen ihr die Männer – angefangen bei Opa bis hin zu den Enkeln – ohnehin zu Füßen und lesen ihr jeden Wunsch von den Augen ab, zumindest fast jeden. Was soll ich sagen? Obwohl ich ohne Wenn und Aber für die Gleichstellung von Frau und Mann bin, finde ich es doch schade, dass einige Hardcore-Feministinnen daran arbeiten, dass sich die Frauen abschaffen. Oma findet das übrigens auch.

Symbol der Weiblichkeit: High Heels, die es in Großbritannien sogar bis ins Parlament, in dem vehement über einen Dresscode für Frauen diskutiert wird, geschafft haben.

Die Europa-Bewegung wächst

Es ist traurig, aber wahr. Da verdoppelt sich bei den allsonntäglichen Zusammenkünften der Initiative Pulse of Europe jedes Mal die Teilnehmerzahl. In der Berichterstattung indes spielt die Bürgerbewegung, die auf der Straße ein sicht- wie hörbares Zeichen für Europa setzen will, kaum eine Rolle. In Berlin auf dem Gendarmenmarkt waren es am gestrigen Sonntag bei der vierten Veranstaltung dieser Art immerhin über 3.000 Berlinerinnen und Berliner, die sich dort versammelt haben. Und es gab sogar eine ganz entscheidende Neuerung. Die Bühne, von der aus für Europa geworben wird, ist von der Seite ins Zentrum auf die Stufen des Konzerthauses gerückt, Intendant Sebastian Normann sei Dank. Aber nicht nur in der deutschen Hauptstadt gehen die Menschen für Europa auf die Straße. In ganz Deutschland wächst die Zahl der Städte, in denen sich die Europabefürworter zu Wort melden, mehr noch: In ganz Europa. Was soll ich sagen? Wem die Zukunft unseres Landes und unseres Kontinents am Herzen liegt, sollte sich der Bewegung anschließen. Nicht dass wir irgendwann einmal von unseren Kindern oder Enkeln gefragt werden: Warum habt ihr nichts getan?

Der Pulse of Europe schlägt seit vier Wochen auch auf dem Gendarmenmarkt in Berlin.

Trump eint die ganze Welt

Es gibt eine neue Bewegung – nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt. Ihr Name: Who wants to be socond. Auf der Webseite everysecondcounts.eu sammelt die Redaktion des NEO MAGAZINS Royale von Jan Böhmermann Videos von Late-Night-Shows aus aller Herren Länder ein, die sich nach dem niederländischen Vorbild um den zweiten Platz nach America first bewerben. In den Videos wird möglichst primitiv und anbiedernd US-Präsident Donald Trump das eigene Heimatland schmackhaft gemacht. Und auf dem gemeinsamen Twitter-Account @ItsGreatEU schreiben die Late-Night-Teams abwechselnd und machen sich mehr oder weniger über den Herrn im Weißen Haus lustig. Was soll ich sagen? Noch nie hat es ein Staatschef in so kurzer Zeit geschafft, die ganze Welt zu einen. Also, wenn einer den Nobelpreis verdient hat, dann … It’s unbelievable. It must be fake. It is fake. It’s fake news.

„Grab them by the pony“

Das Video ist der absolute Hammer. Der niederländische Komiker Arjen Lubach hat mit seinem Videoclip, in dem sich die Niederlande dem neuen US-Präsidenten anbiedern, einen absoluten Webhit gelandet, der (Stand jetzt) 3,5 Millionen Mal angeschaut wurde. Und der Satz „Grab them by the pony“ ist zum geflügelten Wort geworden – wegen seiner Anspielung auf die im Wahlkampf bekannt gewordene verbale Entgleisung Donald Trumps Frauen gegenüber. Was soll ich sagen? Sehen Sie selbst:

Sich kritisch hinterfragen

Zahlreichen Medien (darunter „Das Erste“, „Phoenix“, „Spiegel Online“, „Zeit Online“, „MDR“, „Stern.de“, „NZZ“) ist heute ein, wie die Redaktion von Spiegel Online selber eingesteht, „ärgerlicher Fehler“ passiert. Die Nachrichten-Plattform berichtete wie die anderen Medien fälschlicherweise von der Verkündung des Urteils im NPD-Verbotsverfahren aus Karlsruhe, das Bundesverfassungsgericht verbiete die NPD. Genau das Gegenteil aber war der Fall. Wie es zu diesem Fehler kam, erklärte die Spiegel Online-Redaktion so: „Als der Vorsitzende des Zweiten Senats, Andreas Voßkuhle, zu reden begann, zitierte er zunächst den Antrag auf das NPD-Verbot. Der Antrag wurde von uns versehentlich mit dem – tatsächlich anderslautenden – Urteil verwechselt.“ So kam es zu den Veröffentlichungen. Der Fehler wurde jedoch schnell erkannt und sofort korrigiert. „Fehler dieser Tragweite entsprechen nicht dem Anspruch, den die Redaktion von SPIEGEL ONLINE an die eigene Arbeit stellt“, erklärte die Redaktion und entschuldigte sich für den Vorfall. Gleichzeitig kündigte sie an, dass sie ihn zum Anlass nehme, „unsere Abläufe und Arbeitsweisen zu hinterfragen, damit sich ein solcher Fehler nicht wiederholt.“ Was soll ich sagen? Fehler können überall passieren – und tun es auch. Als alter Journalist und Zeitungsmann weiß ich nur zu gut, welche Böcke medial schon geschossen wurden. Im konkreten Fall allerdings geht es auch noch um etwas Grundsätzliches. Denn mit dem Internet haben sich im Medienbereich die Maßstäbe verschoben und es wird im Zweifel nach der Maxime verfahren: Schnelligkeit vor Sorgfalt. Vielleicht nehmen alle Medienhäuser und auch Blogger den Fehler ja zum Anlass, genau diese Entwicklung kritisch zu hinterfragen. Denn nicht nur gezielt eingesetze Fake-News sind ein großes Problem, sondern auch solche Fehler, die durch mangelnde Sorgfalt entstehen. „Be first, but first be right„, lautet eine journalistische Grundregel. Dabei sollte es bleiben.

Dumm gelaufen. Der Fehler von Spiegel Online und anderen sollte jedoch kein Anlass für Häme sein, sondern dazu dienen, dass alle Medien ihre Arbeit(sweise) kritisch hinterfragen.

„Fürchtet euch nicht“

Jetzt ist es also passiert, auch Deutschland ist Opfer eines großen Terroranschlages geworden. Bislang war es vermutlich eher Glück, das unser Land vor einem solch verheerenden Anschlag bewahrt hat. Insofern war es nur eine Frage der Zeit, wann die häßliche Fratze des Terrorismus auch hierzulande so deutlich zu sehen sein würde. Jetzt gilt zunächst unser aller Mitgefühl den Opfern und ihren Angehörigen. Was aber tun wir, wenn die Zeit der Trauer vorbei ist? Von der Beantwortung dieser hängt vieles, wenn nicht alles ab. Geben wir diffusen Ängsten nach, ändern unser Leben und nehmen alles und jeden Fremden in Sippenhaft, dann spielen wir genau denen in die Hände, die uns mit ihrem Terror einschüchtern wollen. Wir sind ein freie und aufgeklärte Gesellschaft, deren Stärke es ist, offen sowie mit Sinn und Verstand auf solche Herausforderungen zu reagieren. Das sind wir nicht zuletzt auch den Opfern von Berlin und anderswo schuldig. Was soll ich sagen? „Fürchtet euch nicht“, sagt der Engel zu den Hirten. „Siehe, ich verkündige euch große Freude.“ Die Weihnachtsbotschaft ist aktueller denn je.

Nichts wird so heiß gegessen …

Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Das ist eine alte Weisheit, die auch für die Politik gilt. Insofern bedeutet der Wahlsieg Donald Trumps im Rennen um das Weiße Haus nicht den Untergang des Abendlandes. Dies gilt umso mehr, als es dem US-Präsidenten Trump ganz sicher nicht anders ergehen wird als allen seinen Vorgängern. Denn wie formlierte es dieser Tage Malte Lehming im Berliner Tagesspiegel so treffend: „Und das Amt selbst hat bislang noch jeden seiner Inhaber diszipliniert.“ Dennoch: Viele machen sich nach dieser amerikanischen Wahlnacht Sorgen, wie sich die weltpolitische Lage nach dem 20. Januar 2017, nach der Vereidigung von Trump als US-Präsident, entwickeln wird. Diesen Sorgen werden die verantwortlichen Politiker vor allem in der westlich geprägten Welt quer über den Globus am besten dadurch gerecht, dass sie ungeachtet aller Implikationen an den demokratischen Grundwerten festhalten, die Freiheit und Gleichkeit vor dem Gesetz garantieren. Denn nichts macht Populisten und Despoten mehr Angst, als eine offene Gesellschaft, in der jeder frei seine Meinung sagen kann. Was soll ich sagen? Auch ein Donald Trump kommt an der normativen Kraft des Faktischen nicht vorbei. Sein erster Auftritt hat bereits gezeigt, dass der Wahlkampf vorbei und der Hitzkopf Trump schon um einige Grade abgekühlt ist.