Wer, wenn nicht ich

Henryk M. Broder hat wieder einmal zugeschlagen. Wer, wenn nicht ich heißt sein neuestes Buch, das es in sich hat. Jeder und alle bekommen ihr Fett weg, was bei dem Publizisten und Buchautor nichts Ungewöhnliches ist. Allerdings wechselt er bei den Werkzeugen, mit denen er seine Zielobjekte malträtiert, ohne Vorankündigung zwischen leichtem Florett und schwerem Säbel. Zuweilen holt er auch den Vorschlaghammer raus, dass es nur so kracht. Doch dazu später mehr.

Erst einmal will und muss ich mich entschuldigen, dass diese Rezension den üblichen Rahmen auf diesem Blog sprengen wird. Aber das, was Broder hier niedergeschrieben hat, ist so vielschichtig, dass es für zwei bis drei Buchbesprechungen reichen würde. Dennoch: Es auseinanderzureißen, würde dem Ganzen auch nicht gerecht.

Dann wollen wir mal: „Dieses Buch ist keine Anleitung zum Handeln, wie sie derzeit von Kreti und Pleti en masse geschrieben werden. Es ist eine Einladung zum Selberdenken, zum Misstrauen gegenüber allen Wegweisern, die sich selbst nicht von der Stelle bewegen, und allen Ablasshändlern, die davon leben, dass sie Ängste schüren. Ich widme es Lionel, unserem ersten Enkel“, heißt es gleich zu Beginn.

Ich als Großvater finde diese Widmung natürlich toll, bin mir aber nicht ganz sicher, ob der kleine Mann, wenn er denn mal lesen kann, mit der offensichtlichen Verbitterung seines Großvaters so gut wird umgehen können. Und die liest sich an einer Stelle so: „Inzwischen glaube ich zu wissen, was der Subtext meiner Texte ist, was ich sagen will: Ihr, meine lieben Mitbürger, ihr seid Versager. Und wenn nicht ihr, dann eure Eltern und Großeltern. Sie haben mit den Juden das gleiche Pech gehabt wie die Türken mit den Armeniern. Wenn man einen Job anfängt, muss man ihn zu Ende bringen, ein Völkermord ist kein Kindergeburtstag, den man abbrechen kann, wenn es zu regnen anfängt. Schafft man es nicht, müssen sich die Nachkommen immer wieder dafür rechtfertigen, was die Altvorderen angestellt haben.“

In seiner Radikalität wie der “Alm-Öhi” von Heidi

Das ist schon starker Tobak, wobei ich Broder überhaupt nicht absprechen will, dass er mit uns Deutschen hart ins Gericht geht. Aber in seiner Radikalität erinnert er denn doch stark an den „Alm-Öhi“, den Großvater von Heidi, der sich im Zorn von den Menschen zurückgezogen hat und als Einsiedler auf seiner Hütte lebt: „Mit 73 mache ich mir keine Illusionen mehr. Ich bin auf dem Boden der Realität angekommen. Ich habe mich lange angedient und angebiedert, bis mir irgendwann klar wurde, dass es nichts bringt, einer Gesellschaft in den Hintern zu kriechen, die einen künstlichen Darmausgang hat. Dabei hatte ich mich so gut integriert. Noch ein, zwei Jahre, und ich wäre ein vorbildlicher Deutscher geworden.“ Das klingt nicht besonders hoffnungsvoll. Aber vielleicht, oder soll man besser sagen, hoffentlich schafft es ja der kleine Lionel, seinen „Alm-Öhi“ milder zu stimmen und den Deutschen wieder näher zu bringen.

Denn Broder gehört zu Deutschland. Mehr noch, das Land braucht den 73-Jährigen, der uns den Spiegel vorhält wie kein anderer. Und er fragt sich nach eigener Aussage täglich, „warum ich mich über das, was in Deutschland passiert, aufrege, und warum ich mich darüber aufrege, dass ich mich aufrege.“

Dabei muss man Broder zugestehen, dass es Anlässe genug gibt, sich richtig aufzuregen.  „Jeder Werbespot für eine Arznei, und seien es nur Kopfschmerztabletten“, erinnert er zu recht, „endet mit dem Hinweis, dass man sich über mögliche Risiken und Nebenwirkungen kundig machen und vor der Einnahme die Angaben auf dem Beipackzettel beachten sollte.“ Insofern ist es nur folgerichtig, wenn er vorschlägt: „Zu Beginn einer jeden Tagesschau, jeder Ausgabe des heute journals, jedes Berichts aus Berlin erscheint der Hinweis, dass der Konsum dieses Programms mit Risiken verbunden ist und Nebenwirkungen haben könnte – Gleichgewichtsstörungen, Übelkeit und kurze, aber heftige Anfälle von Verzweiflung. Der gleiche Hinweis, nur in größerer Schrift, wird vor jeder Talkshow eingeblendet, jedem Brennpunkt und jedem Wort zum Sonntag.“

Und was ist mit diesem Buch? Angesichts dessen, über was der Autor so alles berichtet, könnte man ja vielleicht den Warnhinweis noch in Versalien auf den Buchdeckel kleben.  Nur so ein Vorschlag …

Schauen wir einfach rein: Von irgendeinem ARD-Intendanten wurde „ein europäisches Gütesiegel für Qualitätsjournalismus“ gefordert, das, nur nebenbei bemerkt, mich als sogenannten Influencer im Visier hat,  weil die steigende Zahl dieser Menschen es nicht einfacher mache, den Wahrheitsgehalt bestimmter Sachverhalte im Netz zu identifizieren. Vor diesem Hintergrund bin ich ganz der Meinung Broders: „Bei der Einführung eines ‚Gütesiegels für Qualitätsjournalismus’ müsste nur eine zentrale Frage geklärt werden: Wie stellt man ‚den Wahrheitsgehalt bestimmter Sachverhalte im Netz’ fest? Viele Sachverhalte sind ja bis heute umstritten. Zum Beispiel: Hatte der Führer wirklich nur ein Ei? Sind die Israeliten tatsächlich 40 Jahre durch die Wüste gewandert? War Maria bei der Geburt ihres Sohnes eine Jungfrau? Ist die Marktwirtschaft der Planwirtschaft überlegen? Gehört der Islam zu Deutschland wie Jägermeister, das Wort zum Sonntag und die Happy Hour? Hat die Mondlandung in der Wüste von Nevada oder Arizona stattgefunden? Steht die Abkürzung NATO für ‚No Action Talk Only’? Haben Frauen deswegen kleinere Füße als Männer, damit sie beim Kochen näher am Herd stehen können? Fragen über Fragen, die unser Sosein erschüttern.“

“Vulven malen” auf dem Evangelischen Kirchtag

Erschüttert waren vermutlich auch einige Teilnehmer des Kirchentages 2019 in Dortmund, organisiert von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die Broder wie folgt beschreibt: „Natürlich ist die EKD ‚weder eine Reederei noch eine Rettungs-NGO’, sie ist auch keine Event-Agentur. Dennoch veranstaltet sie alle zwei Jahre einen Kirchentag, eine Megaparty, die alles in den Schatten stellt, was sonst so an Massenveranstaltungen angeboten wird, von den Oberammergauer Passionsspielen bis zum Open Air Heavy Metal Festival in Wacken.“ Und dann kommt es: „Der thematische Regenbogen war … weit gespannt. Von der ‚Vielfalt der Religionen in Deutschland’ bis zu der Vielfalt der weiblichen Genitalien, die in einem Workshop ‚Vulven malen’ abgehandelt wurde. Wozu der Kirchentag über Twitter ein GiF-Bild verbreitete, ‚das verschiedene Darstellungen des weiblichen Geschlechtsteils’ in zuckenden Bewegungen zeigte.“ Kann man machen, muss man aber nicht.

Dass unser Autor einige Protagonisten des deutschen Politikbetriebes gefressen hat, ist nichts Neues. Die Deutlichkeit, mit der er seine Abneigung beschreibt, schon eher. Nehmen wir zum Bespiel Ralf Stegner, Fraktionschef der SPD in Schleswig-Holstein: „Aber Stegner ist nicht nur ein Kotzbrocken – autoritär, grobschlächtig, humorfrei – er ist ein Sozialdemokrat aus dem Labor von Dr. Frankenstein. Um es mit den Worten von Carsten Baumann, dem Leiter der Frankfurter Bahnhofsmission, zu sagen: Eine ‚sinnlose Katastrophe’.“

Oder der CDU-Politiker Peter Tauber, „Peter wer?“, wie Broder fragt und auf rund vier Seiten den Mann verarbeitet, der „immun gegen Anflüge von Peinlichkeit ist. Bei passender Gelegenheit würde er auch über seine Hämorrhoiden Auskunft geben.“

Zwei Personen haben es dem Bestsellerautor besonders angetan

Man kann hier gar nicht alle aufzählen, die der Bestsellerautor durch die Mangel dreht. Aber zwei Personen haben es ihm besonders angetan. Der eine ist Heiko Maas, Bundesaußenminister seines Zeichens, über den zu schreiben, etwa so erfreulich sei, „wie an einem Autounfall vorbeizufahren. Irgendetwas zwingt einen dazu, hinzuschauen, obwohl man sich eigentlich abwenden möchte.“ Tut Broder aber nicht: „Wenn es ein Zeichen von Stärke ist, sich der eigenen Schwächen nicht bewusst zu sein, dann ist Maas ein ausgesprochen starker Politiker. Allerdings auch einer, über den Karl Kraus gesagt hätte, es genüge nicht, keine Gedanken zu haben, man müsse auch unfähig sein, sie auszudrücken.“ Damit ist alles gesagt, obwohl der SPD-Politiker viele, viele Seiten füllt.

Bleibt noch Luisa Neubauer, das deutsche Gesicht der Fridays for Future-Bewegung, die leider keine Ahnung habe, „wovon sie redet. Sie ist, wie viele ihrer Alterskohorte, ein Produkt der deutschen Bildungskatastrophe. Niemand hat es für nötig gehalten, ihr zu erklären, wie der Geldkreislauf funktioniert und woher der Staat das Geld nimmt, das er ausgibt. Wozu auch? Der Strom fließt aus der Steckdose und das Geld aus dem Bankautomaten“, legt Broder los, um noch einen draufzusetzen: „Luisa Neubauer ist mehr als nur das deutsche Gesicht der Fridays for Future-Bewegung. Sie ist das Gesicht einer verblödeten Generation, die fest davon überzeugt ist, dass vor ihr alle versagt haben und dass nach ihnen die Sintflut kommt, wenn es ihr nicht gelingt, das klimapolitische Ruder in letzter Minute herumzureißen.“ Und er mahnt: „Aber diese Generation ist nicht harmlos, wie es die Flower-Power-Kinder waren, die sich bei Sex, Drugs & Rock’n’Roll selbstverwirklichen wollten. Sie will vor allem eines: Rache nehmen an ihren Eltern, sie weiß nur nicht recht, wofür. Das ‚Klima’ ist eine Chiffre für die eigene Ohnmacht angesichts eines Lebens, das ihnen mehr abverlangen könnte, als sie zu leisten bereit sind.“

Und Broder geht noch weiter und ins Detail. Er pickt sich einen Satz seiner Lieblingsaktivistin heraus: „Wenn ich fliege, dann mache ich das aus einer absoluten Notwendigkeit heraus – und dann hilft es mir gar nichts, mich dann schlecht zu fühlen dafür.“ Das ist für ihn „ein Satz, den wir uns merken sollten, zeigt er uns doch ‚das deutsche Gemüt’ einer Bewegung, die sich nichts weniger vorgenommen hat, als die Welt vor dem Untergang zu retten. Das Deutschland nur für etwa zwei Prozent der globalen CO2-Emmissionen verantwortlich ist, spielt dabei keine Rolle. Würden alle Deutschen – also die Personen, die in Deutschland leben – aufhören, sich zu bewegen, zu atmen, zu konsumieren und zu produzieren oder würde sich Deutschland durch ein Wunder in Nichts auflösen, wäre die deutsche Frage vielleicht endgültig gelöst, das Weltklima bliebe jedoch davon völlig unbeeindruckt.“

Henryk M. Broder und die Grünen Khmer

Spätestens jetzt schrillen bei Broder alle Alarmglocken: „Die ‚absolute Notwendigkeit’, mit der Luisa Neubauer begründet, warum sie etwas tun muss, was sie anderen verbieten will, ist ein Freifahrtschein in die Öko-Diktatur. Deren Konturen zeichnen sich bereits am Horizont ab. Der Diesel ist unser Unglück, das Auto die Pest des 21. Jahrhunderts. Um uns von diesen Übeln zu befreien, muss ein übergesetzlicher Notstand konstruiert werden. Die Ambulanz, die Feuerwehr und die Polizei dürfen ja auch bei Rot über die Kreuzung fahren.“

Dabei wüsste der Autor sich zu wehren: „Wenn mir einer dieser Grünen Khmer begegnen und sagen würde, ich müsste nicht in Indien Urlaub machen, kein Rockkonzert und kein Fußballspiel besuchen, dann würde ich ihm die Ohren dermaßen langziehen, dass ich sie hinter seinem Kopf zusammenknoten könnte. Was bildet sich so ein Klima-Nazi ein? Wer oder was hat ihn legitimiert, mir vorzuschreiben, was ich machen oder unterlassen soll? Der Klimaschutz ist das Einfallstor für den kommenden Totalitarismus.“

Broder ist jetzt offenbar so in seinem Element, dass der nachfolgende Tipp- und Setzfehler wohl unter Freudsche Fehlleistungen ablegt werden kann: „Die Klimakatastrophe ist ein Betrieb, der rund um die Ohr Schreckensnachrichten produziert, immer verbunden mit einer Mini-Dosis Aussicht auf Rettung. Es ist genau die Mischung, die eine Kollekte braucht, um ein schlechtes Gewissen in klingende Münze zu verwandeln. Ein moderner Ablasshandel, der Hunderte von Instituten für Klima- und Klimafolgenforschung am Leben erhält, Tausende von Experten ernährt und Millionen von Gläubigen bei der Stange hält, animiert von Klimapriestern wie Al Gore und Mojib Latif und -priesterinnen wie Greta und Luisa. Der grüne Totalitarismus verspricht auch die Rückkehr zu einer Idylle, die es nie gegeben hat, ein Öko-Paradies auf Erden.“

Bleibt noch der abschließende Blick in die Zukunft: „Wenn dieser ganze Zirkus eines nicht allzu fernen Tages vorbei sein wird, weil er sich nur bei freiem Eintritt unter den Bedingungen einer maroden Überflussgesellschaft entfalten kann, werden wir uns mit Schaudern an ein paar Szenen und Zitate erinnern.“ Und dazu gehören: „Was gestern noch Haus- und Landfriedensbruch, Nötigung und Widerstand gegen die Staatsgewalt war, ist heute ‚legitimer Widerstand’, der Sand ins Getriebe der Umweltkiller streut. Deutschland dreht durch. Nicht imstande, relativ einfache Probleme wie Lehrermangel und Internet für alle zu lösen, tritt es an, dem Klima Vorschriften zu machen. Morgen wird es Flüsse bergauf strömen lassen und übermorgen eine Wendeltreppe zum Mond bauen.“

Was soll ich sagen? Das Buch kommt daher wie eine Naturgewalt, mit voller Wucht und ohne Rücksicht auf Verluste. Aber nomen est omen. Broders Buchtitel sagt es schon: Wer, wenn nicht er, könnte solche Zeilen schreiben.

Henryk M. Broder, Wer, wenn nicht ich
Achgut Edition, Berlin, 2019, 200 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-9819755-5-0

Authentic PHỞ

Drei Dinge braucht der Mann. Ältere werden sich erinnern, so hieß es einmal in der Werbung. Heute kann man sagen: Drei Buchstaben braucht die Suppe – Phở, so heißt der Kultklassiker aus Vietnam. Dem haben jetzt Simi und Stefan Leistner ein Buch gewidmet. Authentic PHỞ lautet der Titel des gerade erschienenen Werkes, das Geschichten und Rezepte rund um diese Reisnudelsuppe zu bieten hat. Normalerweise mag ich diese Kochbücher ja überhaupt nicht, bei denen man sich erst einmal durch unzählige Seiten quälen muss, ehe man das erste Rezept überhaupt zu Gesicht bekommt. In diesem Fall ist es aber anders. Denn wer diese Suppe wirklich verstehen will, sollte alles über sie wissen: Wie sie beispielsweise zum Kult wurde oder wie sie nach Hanoi kam. Noch wichtiger allerdings ist, wie sie gemacht wird und welche Zutaten es braucht. Das alles findet man im PHỞ-ABC und in den PHỞ-REZEPTEN, die von der Mutter aller Suppen, der Phở Bò Hanoi (Kräftige Suppe mit Reisnudeln, Rindfleich und Krätern), bis zur Phở Gà Trộn (Salat mit Reisnudeln, Hähnchen und Brühe) reicht. Dazwischen tut sich ein ganzes Phở-Universum auf, das von der Phở Vi-Ðê-ô – einer fantastischen Geschichte aus Paris – über die Phở Gà, der kleinen Hähnchen-Schwester der Phở Bò, und Phở Chay (Vegetarische Variante) bis zu Phở Vịt (Ente) und Phở Hải Sản (Meeresfrüchte) reicht – diverse andere Kreation und tolle Bilder inklusive. Was soll ich sagen? Wer da keine Lust bekommt, sich an den Herd zu stellen und eine Phở zu kochen, dem ist nicht mehr zu helfen. Einen kleinen Wermutstropfen allerdings gibt es: Im vom Verlag eigens beworbenen Mengenrechner ist das Buch dann leider doch nicht zu finden. Technisches Problem heißt es. Mal sehen, wann es behoben ist.

Simi und Stefan Leistner, Authentic PHỞ
Becker Joest Volk Verlag, Hilden, 2019, 176 Seiten, 16,00 Euro, ISBN 978-3-95453-166-0