Opa und das Mittelalter

Bei uns in der Familie ist niemand auf den Mund gefallen. Ein gutes Beispiel dafür lieferte der jüngste Besuch unserer Ältesten, die mit Mann und Maus, sprich Sohnemann, an Pfingsten zum Essen bei uns war. Für den Hauptgang war dieses Mal Oma zuständig. Es gab Spargel satt, Schinken, Ei und wirklich leckere Kartoffeln. Als wir mit der Hauptspeise fertig waren, kam natürlich sofort die Frage unseres Enkels: “Was gibt es denn zum Nachtisch?” Als ich meine Nachtisch-Hamburger in Aussicht stellte, war er ganz aus dem Häuschen und wollte gleich in die Küche, um zu helfen. Als ich daraufhin sagte: “Warte noch, bis Oma abgeräumt hat”, schaute mich meine Tochter völlig ungläubig an und fragte: “In welcher Zeit lebst du denn? In unserer Welt räumen alle ab.” Oma ergänzte nur kurz und trocken: “Im Mittelalter”, was wiederum zu der Erläuterung meiner Tochter führte: “Als Opa noch klein war.” Was soll ich sagen? Da hatte ich mein Fett weg. Und was Passendes fiel mir auch nicht ein. Dabei räume ich sonst immer, na sagen wir meistens, mit ab.

Opa unterstützt Sarah Wiener

Die aus dem Fernsehen bekannte Köchin Sarah Wiener setzt sich mit ihrer gleichnamigen Stiftung für “gesunde Kinder und was Vernünftiges zu essen” ein. Und das ist auch gut so. Fast noch besser ist, dass sie jetzt im Apothekermagazin “Senioren Ratgeber” verbal nachgelegt hat. Mit Würstchen oder Pizza an jeder Ecke “verschlammten” die jungen Leute ihre Geschmacksnerven, formuliert sie und appelliert: “Ich kann jede Großmutter – und die wenigen Großväter, die es können – nur inständig bitten, dem Kind, dem Enkel, dem Nachbarskind Kochen beizubringen”, sagt sie. “Wenn man nicht weiß, wie natürliche Hühnersuppe schmeckt, und wenn man nicht erlebt hat, wie sinnlich das Kochen ist, wird man auch keine Sehnsucht danach verspüren.” Was soll ich sagen? Recht hat sie. Opa wird Sarah Wiener in Sachen Kinderernährung auf jeden Fall unterstützen. Und Oma natürlich auch.

Das Phänomen Milchhaut

Auf Milch, wenn sie zu stark erhitzt wird, bildet sich die von Kindern wie Erwachsenen so verhasste Milchhaut. Der Grund liegt in der Zusammensetzung der Milch: Neben Wasser finden sich Fett, Milchzucker und Eiweißstoffe. Bei zirka 75 Grad nun beginnt sich die Struktur der Eiweißstoffe zu verändern. Die Eiweißmoleküle, die bis dahin wie zu einem Wollknäuel aufgerollt sind, fangen an, sich zu entwirren und verkleben anschließend miteinander zu einem feinen und dünnen Netz, eben zu besagter Milchhaut. Und da diese gallertartige Masse leichter ist als Wasser, schwimmt sie immer oben und vergrault selbst die größten Milchliebhaber. Als ich jüngst mit einem meiner Enkel auf dem Spielplatz war, stillte dort eine Mutter ihren Säugling, was wiederum auf reges Interesse einiger Kinder stieß. Einer der Jungs wollte es dann in Sachen Muttermilch ganz genau wissen und fragte: “Hat die Milch auch so ‘ne ekelige Haut?” Die Mutter war ganz schön verdaddert und konnte dem Dreikäsehoch irgendwie keine befriedigende Antwort geben. Was soll(te) ich sagen? Ich hab’ mich da rausgehalten – zumal das Phänomen Milchhaut beim Cappuccino dafür sorgt, dass der Milchschaum nicht so schnell in sich zusammenfällt. Wenn ich ihm das auch noch erklärt hätte, hätte der Kleine vielleicht noch gefragt: “Kommt da auch Cappuccino raus?”

“Oma, bitte hilf’ mir”

Unser zweijähriger Enkel liebt Eier. Und das in fast jeder Art der Zubereitung. Favorit Nummer eins ist aber ganz eindeutig das Drei-Minuten-Frühstücksei. Das kann er auch schon ganz alleine essen, ohne jede Hilfe. Voraussetzung ist allerdings, dass das Ei auch drei Minuten gekocht hat. Wenn aber, was ja schon mal vorkommen kann, aus den drei Minuten vier oder fünf geworden sind, ist das mit dem selbständigen Essens so eine Sache. Da kann es durchaus unüberwindbare Schwierigkeiten geben, an das Gelbe vom Ei heranzukommen. Bei einer seiner jüngsten Visiten war es denn auch so, dass Oma die Eier ein wenig zu lange im Topf gelassen hatte und sie doch recht hart geworden waren. Für sie war das nicht so schlimm, sie mag sie sowieso lieber etwas zu hart als zu weich. Der Kleine aber hatte seine liebe Not. Irgendwie wollte das Ei nicht auf den Löffel. Voller Verzweiflung wanderte sein Blick rund um den Tisch, ob nicht vielleicht einer der Erwachsenen etwas von seiner Notlage mitbekommen hatte. Aber nein. Alle waren in Gespräche vertieft. Da nahm er Oma ins Visier und setzte einen Blick auf, der, ohne auch nur ein Wort zu sagen, über den Tisch flehte: “Oma, bitte hilf’ mir.” Was soll ich sagen? Omas müssen eine telepathische Antenne haben. Die Unsere jedenfalls reagierte sofort.

 

Rollenspiel “Vater und Mutter”

Bestimmen spielt bei Kindern offensichtlich eine ganz große Rolle, egal in welchem Alter. Darauf hatte ich schon unter “Solange du deine Füße …” hingewiesen und dazu eine Begebenheit aus dem Leben meiner ältesten Tochter und ihres Sohnes erzählt. Sie selbst war in jungen Jahren übrigens auch ganz erpicht darauf, zu bestimmen. Beim Rollenspiel “Vater und Mutter” mit ihrem besten Freund machte sich das dann so bemerkbar: Ihr Freund wollte ihr in der Küche helfen, ganz nach dem Vorbild seines Vaters, der schon damals gerne kochte. Das wiederum fand unsere Tochter gar nicht gut. Sie wollte vielmehr, ganz nach dem Vorbild ihres Vaters, dass der Junge sich hinsetzt und Zeitung liest. Was soll ich sagen? Das war damals halt so bei uns. Und alle waren glücklich dabei. Aber die Zeiten haben sich geändert. Heute helfe ich selbstverständlich im Haushalt. Die Küche ist mittlerweile sogar mehr meine Domäne als die von Oma. In Opas Kochbuch gibt’s dazu ein paar Kostproben. Oma genießt es.

Des anderen Opas iPad

Gehören Sie zu den Menschen, die millionenfach diesen Film auf Youtube oder sonst wo angeklickt haben? Wenn nicht, muss erst einmal die Beschreibung reichen. Also: Tochter und Vater stehen in der Küche. Sie schneidet im Vordergrund Kartoffeln in einen Topf. Er hackt im Hintergrund offenbar Kräuter. Dabei entwickelt sich folgender Dialog. “Sag mal Papa, ich hab’ dich noch gar nicht gefragt: Wie kommst du eigentlich mit dem neuen iPad zurecht, das wir Dir zum Geburtstag geschenkt haben?” – “Gut.” – “Und mit den ganzen Apps kommst Du klar?” – “Was denn für Apps? Geh’ mal ein Stück zur Seite.” Als der Vater an den Topf will, macht die Tochter bereitwillig Platz. Der Vater, der aufgrund seines Alters ganz sicher Opa ist, hält sein Schneidebrett über den Topf und streicht unter den entsetzten Blicken seiner Tochter die Kräuter in den Topf, klopft mehrfach mit dem Messer auf das Brett, geht zur Spüle, hält das Teil von beiden Seiten unter Wasser und stellt es in die Spülmaschine. Spätestens an dieser Stelle ist auch dem letzten Betrachter klar geworden, dass das gerade kein Schneidebrett, sondern ein iPad war. Den mittlerweile völlig entgeisterten Blick seiner Tochter quittiert er im wahrsten Sinne des Wortes harm- und arglos mit der Frage: “Was ist?” Was soll ich sagen? Der Sketch von Martina Hill als Knallerfrau ist klasse. Aber so doof sind wir Opas dann doch nicht.

“Ich hab’ Bauchaua”

Unsere Enkelkinder sind, wie sollte es anders sein, des Öfteren auch zum Essen bei uns – alleine und ohne Eltern. Das funktioniert eigentlich immer recht gut, zumal unsere Enkel so ziemlich alles mögen. Der Kleine hat dabei seine ganz eigenen Strategien, wenn einmal etwas auf den Tisch kommt, was ihm nicht so mundet. Die Frage “Schmeckt’s?” beantwortete er bis vor geraumer Zeit noch mit einem überzeugenden “Ja”, die Zusatzfrage “Noch etwas?” mit einem ebenso klaren “Nein”. Irgendwie muss ihm aufgefallen sein, dass hiernach der jeweilige Küchenverantwortliche nicht unbedingt den glücklichsten Eindruck gemacht hat. Seit Neuestem umschifft er diese Klippe ganz gekonnt, indem er sich an den Bauch fasst und mit leidender Miene erklärt: “Ich hab’ Bauchaua.” Da das offensichtlich immer ganz gut funktioniert hat, behilft er sich mit dieser Aussage nunmehr auch dann, wenn ihm irgendetwas grundsätzlich nicht gefällt. Was soll ich sagen? Ganz schön ausgebufft, der Kleine, und wesentlich diplomatischer als Opa dazu.

Hamburger mal anders

Als letztens die Familie zum Kaffeetrinken zu Besuch war, gab’s nicht nur Kaffee und Kuchen. Ich hatte mir noch etwas Besonderes ausgedacht und tief in meine Kochtrickkiste gegriffen. “Will jemand einen Hamburger?”, habe ich vor allem unsere Kleinen gefragt. Vollkommen überraschend schrien die Beiden sofort: “Jaaaaaaaaaa!!!!!!!” Also begab ich mich in die Küche und machte Hamburger. Das vollständige Rezept gibt’s in Opas Kochbuch, hier aber schon mal vorab die Zutaten: Blätterteig, Eis, Schokoladensoße, Sahne, Puderzucker und Minzeblätter. Aus dem Blätterteig wird das Hamburger-Brötchen gemacht, das Eis ist sozusagen die Fleischbeilage, Schokoladensoße und  Sahne sind Ketchup und Mayonnaise, die Minzeblätter die Salatdekoration. Und der Puderzucker rundet die Sache ab. Als unser Ältester dann seinen Nachtisch-Hamburger vor sich hatte, wollte er gleich loslegen und das Teil eben wie einen Hamburger in die Hände nehmen. Wir konnten ihn gerade noch davon abhalten, eine Riesenschweinerei zu veranstalten. Was soll ich sagen? Hamburger ist eben nicht gleich Hamburger.

“Wo ist denn der Kopf?”

Bestimmte Erkenntnisprozesse sind schon hart. Dieser Tage half einer unserer Enkel seiner Mutter in der Küche. Als für die geplante Hühnersuppe das gerupfte Federvieh in den Topf verfrachtet werden sollte, fragte der kleine Mann: “Was ist das, was du da in den Topf tust?” “Ein Hühnchen”, lautete die ehrliche Antwort. Irgendwie konnte er das aber nicht nachvollziehen. Und so ging seine Mutter weiter ins Detail und zeigte ihm Beine und Flügel. “Wo ist denn der Kopf?”, wollte er dann wissen, was mit einem kaum verständlichen Gemurmel beantwortet wurde, das sich so ähnlich anhörte wie: “Den hat jemand abgemacht.” Wie dem auch sei, das Tier landete schlussendlich im Topf, wurde gegart und zuletzt sach- und fachgerecht zerlegt. Als meine Tochter die Suppe auf den Tisch bringen wollte, schränkte der Kleine ein: “Ich bitte nur das Flüssige.” Was soll ich sagen? Wie gut, dass Schnitzel keine Beine und Flügel haben. Sonst würde er die vermutlich auch nicht mehr essen wollen – zumindest vorerst nicht.

Omas Ofen und die Emanzipation

“Wie aus Omas Ofen” lautete die Überschrift in einer dieser kostenlosen Zeitschriften irgendeiner Supermarktkette – ja so etwas lesen wir auch schon -, da kam es ganz plötzlich über meine Frau: “In Bezug auf mich werden unsere Enkel das nicht sagen.” Ein grimmiger Blick in meine Richtung: “Opa kocht gut”, würden sie wohl eher loben, mutmaßte sie und schmollte vor sich hin. Diese Steilvorlage konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen und stichelte: “Dann hättet ihr das mit der Emanzipation mal sein lassen müssen.” Das war dann doch zu viel. “Ich war nie eine Alice Schwarzer”, versuchte meine Frau die Situation noch zu retten. Doch sie hatte sich in eine ausweglose Situation manövriert. Zumal ich gerade ein “sensationelles” Chorizo-Risotto gemacht und serviert hatte. Was soll ich sagen? Besser wäre sicherlich gewesen, wenn ich jetzt den Mund gehalten hätte. Aber irgendwie konnte ich es mir nicht verkneifen: “Morgen darfst du wieder kochen.” Darauf kann ich jetzt lange warten.