Fragen über Fragen

Unser ältester Enkel hatte neulich eine Frage an Opa: „Jeden Tag fängt ein neuer Tag an, Tag für Tag, hört das auch mal auf?“, wollte er von mir wissen. Nun hätte ich es mir einfach machen können, indem ich kurz und knapp geantwortet hätte: „Nein, nie“, obwohl ich das ja auch nicht ganz sicher weiß. Denn irgendwann soll ja mit der Ausdehnung des Universums Schluss sein und sich das Ganze wieder zusammenziehen. Und auch die Frage „Was war denn vor dem Urknall“ steht da noch im (Welt-)Raum, der bekanntlich unendliche Weiten enthält – was sich ja wie ein Widerspruch an sich anhört. Bliebe noch das Problem Sonne, bei der ja auch irgendwann einmal das Licht ausgehen soll. Also Fragen über Fragen, die nicht nur an den Grundfesten meines Verstandes rütteln, sondern sicher auch an dem ganzer Generationen von Wissenschaftlern, die sich auch künftig mit der Unendlichkeit beschäftigen werden. Was soll ich sagen? Zwei Dinge fallen mir da spontan ein. Erstens: Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Und zweitens: Die Zukunft war auch schon mal besser. Aber das habe ich meinem Enkel natürlich nicht gesagt. Der Rest bleibt heute mal mein Geheimnis.

KosmosDer Kosmos (gemalt von Oma in 2005): Unendlich oder mit Anfang und Ende?

 

Wenn man lange genug wartet …

Das Wetter ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Da fängt heute für die Meteorologen der Frühling an und in weiten Teilen des Landes, man höre und staune, schneit es. Man könnte auch sagen: Das Wetter macht, was es will – obwohl es bis zum April noch einen ganzen Monat hin ist. Bei uns in Berlin scheint zumindest noch phasenweise die Sonne, aber schon in Leipzig tobt sich Frau Holle nach Lust und Laune aus. Und viel Hoffnung verbreiten die Wetterfrösche auch nicht gerade: Die ganze Woche wird nasskalt, bis ins Flachland hinein kann es schneien, lautet die Prognose. Was soll ich sagen? Da bleibt einem nur noch die Hoffnung auf den kalendarischen Frühling. Der beginnt, wenn Tag und Nacht gleich lang sind und die Sonne senkrecht über dem Äquator steht. In diesem Jahr passiert das am 20. März um 5.30 Uhr MEZ. Dazu passt die japanische Weisheit: Wenn man lange genug wartet, wird das schönste Wetter.

Heilige Antonius, goede vrind …

Und wer suchet, der findet, heißt es bei Matthäus. Doch manchmal ist der Wurm drin. Da hat man etwas verlegt und sucht und sucht und sucht. Nur finden, davon kann keine Rede sein. „Ich verbringe damit sehr viel Zeit“, klagte mir letztens ein Bekannter, der mit seiner Frau bei uns zu Gast war, sein Leid. Oma und Opa konnten ihm jedoch weiterhelfen. Denn wir haben da eine Methode, die Oma aus Holland mitgebracht und, soweit wir uns jedenfalls erinnern, bislang immer geholfen hat: „Heilige Antonius, goede vrind, sorg dat ik m’n … vind“, beten wir an den heiligen Antonius, der, als guter Freund angesprochen, dafür sorgen soll, dass man sein verlorenes Stück wiederfindet. Was soll ich sagen? Wenn Sie’s nicht glauben, dann lassen Sie es einfach – und suchen weiter …

IMG_2542 Man hat etwas verlegt: Der hl. Antonius hilft immer.

Erstens kommt es, zweitens …

Oma und Opa kennen sich bereits über 42 Jahre und sind davon fast 40 Jahre verheiratet. Das ist eine ganz schön lange Zeit, bei der man sich zwangsläufig fragt: Wie lange haben wir noch? Länger, als wir denken. So jedenfalls lautet das Ergebnis einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Initiative „7 Jahre länger“. Danach unterschätzen die Deutschen ihre Lebenserwartung, die einen mehr, die anderen weniger. Der Studie zufolge erwarten die männlichen Befragten, dass Männer in Deutschland 77,4 Jahre alt werden. Tatsächlich beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung laut der Generationensterbetafel des Statistischen Bundesamts jedoch 84,7Jahre (Näherungswert). Männer unterschätzen die Länge ihres Lebens also um rund sieben Jahre (7,3). Die weiblichen Befragten erwarten im Schnitt, dass Frauen 80,8 Jahre alt werden. Die Lebenserwartung beträgt laut Statistischem Bundesamt jedoch annähernd 88,7 Jahre. Frauen unterschätzen ihre Lebensspanne somit sogar um fast acht Jahre (7,9). Was soll ich sagen? Erstens kommt es, zweitens anders und drittens als man denkt. Wen aber dennoch weitere Einzelheiten interessieren, der wird hier fündig.

Kinder an die Macht

Dass der Klimawandel eines, wenn nicht das größte Problem unserer Zeit darstellt, weiß mittlerweile jedes Kind. Denn wenn wir es nicht schaffen, weltweit die Treibhausgas-Emissionen zu senken und die Erderwärmung zu begrenzen, dann werden unsere Kinder und Kindeskinder mit unkontrollierbaren Folgen zu kämpfen haben, deren Ausmaß man sich gar nicht vorstellen mag. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Begrenzung bei 1,5 oder 2 Grad liegt. Sicher aber ist, dass, wenn nicht schnell etwas passiert, es irgendwann in naher Zukunft kein Zurück mehr gibt. „Point of no return“ heißt das auf Neudeutsch und ist, wie gesagt, jedem Kind bekannt. Das gilt übrigens auch für unsere Enkel, die von ihren Eltern – auch diesbezüglich – vorbildlich erzogen werden. So monierte letztens unser jüngster Enkel, dass der Motor der Mirkowelle, die Oma angeworfen hatte, auch noch nach Beendigung des Aufwärmvorgangs weiterlief. „Oma, das ist Stromverschwendung“, sagte er und ließ sich nur sehr schwer davon überzeugen, dass das das Gerät selber mache und Oma keinen Einfluss darauf habe. Was soll ich sagen? Kinder sind offensichtlich schlauer als manche Politiker und unverbesserliche Umweltdinosaurier. Vielleicht hatte Herbert Grönemeyer ja recht, als er schon 1986 sang: Kinder an die Macht.

… könnte es der Winter sein

Mit einer weißen Weihnacht hat es ja heuer leider nicht geklappt. Und auch für den Rest des Jahres sieht es jedenfalls nicht weiß, sondern eher schwarz aus. Zwar soll es am Mittwoch hier in Berlin etwas kälter werden, aber von Schnee erst einmal keine Spur. Wenn überhaupt soll es am kommenden Wochenende etwas werden. Aber angesichts der erkennbaren Unlust von Frau Holle sollte man da auch noch lieber ein paar Zweifel hegen. Was soll ich sagen? Opa hält es mit einem Graffito, das das Zeug zur Bauernregel à la Regen im Mai, April vorbei hat: Friert im Januar Stein und Bein, könnte es der Winter sein.

IMG_7339Muss noch etwas auf Schnee warten: Unsere Pandora.

Und es gibt ihn doch …

Die Fragen “Gibt es das Christkind? oder “Gibt es einen Weihnachtsmann?” sind vermutlich so alt wie das Christkind bzw. der Weihnachtsmann selber. Eine der wohl bewegendsten und anrührendsten Antworten hat im Jahre 1897 Francis P. Church in der New York Sun gegeben, der im Auftrag seines Chefredakteurs folgende Leserzuschrift beantwortete: “Lieber Redakteur: Ich bin 8 Jahre alt. Einige meiner kleinen Freunde sagen, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. Papa sagt: ‚Was in der Sun steht, stimmt.‘ Bitte sagen Sie mir die Wahrheit: Gibt es einen Weihnachtsmann? Virginia O’Hanlon. 115 West Ninety-fifth Street.”

“Virginia”, beginnt der Text von Church, der bis zur Einstellung der “Sun” 1950 alle Jahre zur Weihnachtszeit auf der Titelseite der Zeitung abgedruckt wurde und nunmehr jedes Jahr an Heilig Abend auf Opas Blog erscheint, “deine kleinen Freunde haben unrecht. Sie sind beeinflusst von der Skepsis eines skeptischen Alters. Sie glauben an nichts, das sie nicht sehen. Sie glauben, dass nichts sein kann, was ihr kleiner Verstand nicht fassen kann. Der Verstand, Virginia, sei er nun von Erwachsenen oder Kindern, ist immer klein. In unserem großen Universum ist der Mensch vom Intellekt her ein bloßes Insekt, eine Ameise, verglichen mit der grenzenlosen Welt über ihm, gemessen an der Intelligenz, die zum Begreifen der Gesamtheit von Wahrheit und Wissen fähig ist.

Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann. Er existiert so zweifellos wie Liebe und Großzügigkeit und Zuneigung bestehen, und du weißt, dass sie reichlich vorhanden sind und deinem Leben seine höchste Schönheit und Freude geben. O weh! Wie öde wäre die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe. Sie wäre so öde, als wenn es dort keine Virginias gäbe. Es gäbe dann keinen kindlichen Glauben, keine Poesie, keine Romantik, die diese Existenz erträglich machen. Wir hätten keine Freude außer durch die Sinne und den Anblick. Das ewige Licht, mit dem die Kindheit die Welt erfüllt, wäre ausgelöscht. Nicht an den Weihnachtsmann glauben! Du könntest ebenso gut nicht an Elfen glauben! Du könntest deinen Papa veranlassen, Menschen anzustellen, die am Weihnachtsabend auf alle Kamine aufpassen, um den Weihnachtsmann zu fangen; aber selbst wenn sie den Weihnachtsmann nicht herunterkommen sähen, was würde das beweisen? Niemand sieht den Weihnachtsmann, aber das ist kein Zeichen dafür, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Die wirklichsten Dinge in der Welt sind jene, die weder Kinder noch Erwachsene sehen können. Sahst du jemals Elfen auf dem Rasen tanzen? Selbstverständlich nicht, aber das ist kein Beweis dafür, dass sie nicht dort sind. Niemand kann die ungesehenen und unsichtbaren Wunder der Welt begreifen oder sie sich vorstellen.

Du kannst die Babyrassel auseinander reißen und nachsehen, was darin die Geräusche erzeugt; aber die unsichtbare Welt ist von einem Schleier bedeckt, den nicht der stärkste Mann, noch nicht einmal die gemeinsame Stärke aller stärksten Männer aller Zeiten, auseinander reißen könnte. Nur Glaube, Phantasie, Poesie, Liebe, Romantik können diesen Vorhang beiseite schieben und die übernatürliche Schönheit und den Glanz dahinter betrachten und beschreiben. Ist das alles wahr? Ach, Virginia, in der ganzen Welt ist nichts sonst wahrer und beständiger.

Kein Weihnachtsmann! Gott sei Dank lebt er, und er lebt auf ewig. Noch in tausend Jahren, Virginia, nein, noch in zehn mal zehntausend Jahren wird er fortfahren, das Herz der Kindheit glücklich zu machen.”

Was soll ich sagen?

Recht hat Church, und schöner kann man es auch nicht sagen. In diesem Sinne wünschen Oma und Opa allen Lesern frohe und gesegnete Weihnachten.

Einfacher Geschmack

Derzeit ist eine Freundin von Oma zu Besuch bei uns. Da wird viel geratscht und sich an alte Zeiten erinnert. In diesem Zusammenhang erzählte Omas Freundin, dass sie als kleines Mädchen immer von einem edlen Ritter geträumt habe, der sie dann irgendwann mit seinem weißen Pferd abholen sollte. Mit den Jahren wurden die Ansprüche etwas heruntergeschraubt. Heute sagt sie: “Es reicht auch ein ganz normaler Mann mit einem schwarzen Porsche.” Was soll ich sagen? Offensichtlich hält Omas Freundin es mit Oscar Wilde, der einmal gesagt hat: “Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.”

Doch, die Sache ist ernst

Der Plot des Buches Mauersegler an sich ist recht einfach: Fünf Männer gründen eine Alten-WG und beschließen: Jeder von ihnen soll selbstbestimmt sterben können – und die anderen helfen ihm dabei. Dazu tüftelt der Computercrack des Quintetts eigens ein „Todesengelprogramm“ aus, über das das Ganze abgewickelt werden soll. Die Themen Älterwerden und Sterbehilfe indes sind da schon schwieriger. Zunächst gelingt es Chrstoph Poschenrieder sehr anschaulich, eine Kulisse aufzubauen, die nicht zuletzt dank einer kirgisischen Krankenpflegerin zuweilen an eine Karikatur erinnert. Auch die fünf Protagonisten machen da keine Ausnahme: Wilhelm, der Jurist, Heinrich, der Lebensmitteltechnologe, Ernst, der Programmierer, Siegfried, der Theaterregisseur und Carl, der Journalist und Philosphiedozent. Aber da war noch jemand, der Sechste im Bunde, der nun aber nicht mehr bei ihnen ist. „Wenn der kleine Martin nicht tot im Weiher vor der Stadtmauer gefunden worden wäre, wir hätten unsere Alten-WG nie gegründet“, sagt Carl, der die Geschichte in der Ich-Form erzählt. Und als es dann heißt: „Wir trinken jedes Jahr am 2. Dezember auf Martin“, konnte man schon ahnen, dass da noch ein dickes Ende kommt. Und das kommt. Denn Martin hat, wie Carl als Letzter berichtet, „eine Rechnung mit mir offen.“ Doch auch hier, wie schon bei den vorangegangenen vier Todesfällen, fehlt irgendwie eine angemessene moralische Reflexion. Gewiss, es ist ein Roman, und ein über weite Strecken auch ausgesprochen unterhaltsamer. Aber Sterben und Tod verdienen mehr, auch in einer Komödie. „Wir hatten immer gedacht, wir würden mit dem Sterben und dem Tod vernünftig umgehen. Nicht nur vernünftig, sondern lässig-nonchalant, so wie wir unser Leben geführt hatten“, sagt Carl eingangs, um dann festzustellen: „Nein, so ernst ist die Sache auch wieder nicht.“ Was soll ich sagen? Da irrt Chronist Carl ebenso wie Autor Poschenrieder, der ihn geschaffen hat. Doch, die Sache ist ernst. Und ein bisschen mehr Tragik hätte dem Buch ganz sicher keinen Abbruch getan. Dass Tragikomödie durchaus witzig geht, weiß man spätestens seit „Das Beste kommt zum Schluss“ – auch wenn der Vergleich ein wenig hinkt, da es sich dabei um einen Film handelt. Aber entscheidend sind ohnehin nicht die Bilder, sondern die zwei großen Themenkomplexe Sterben und Tod, um die es in beiden Geschichten geht.

poschenrieder_mauersegler                                                                      Christoph Poschenrieder: Mauersegler                                                                   Diogenes Verlag, September 2015, 224 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-257-06934-1

Gedanken über Anfang und Ende

Es hat ganz offensichtlich etwas mit dem Lebensalter zu tun. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, dass ich mich in jungen Jahren mit meinem eigenen Tod beschäftigt hätte. Gedanken darüber haben sich erst im Lauf der Jahre eingestellt oder eben gesundheitsbedingt, als mir beispielsweise eine künstliche Herzklappe eingestellt wurde. „Vor meiner Geburt war ich doch auch nicht dabei, warum beunruhigt mich die künftige Abwesenheit so viel mehr?“, fragt Rüdiger Safranski in seinem jüngsten Buch ZEIT Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen und bringt damit das Dilemma ganz gut auf den Punkt. Aber es finden sich auch ausgesprochen tröstliche Worte, wenn man sie denn an sich heranlassen will: „Würden die Menschen es lernen, das Ende mit dem Anfang zu verbinden, würden sie sich also eingebettet fühlen können in den regenerativen Lebensprozess, dann würden sie ihr Sterben nicht mehr als Vernichtung ihres Lebens, sondern als Einkehr ins umfassende Leben verstehen können.“ Das sei viel verlangt, gibt Safranski zu, denn es setze voraus, von sich selbst absehen zu können und das Leben, bei dem man nicht mehr dabei ist, mit derselben Teilnahme anzusehen, wie wenn man dabei wäre. „Man müsste“, so der 70-jährige Philosoph, „innerlich an einer Zukunft teilnehmen können, die einen selbst ausschließt. Doch schließt sie einen wirklich aus? Nein, sie tut nichts dergleichen. Es kommt einem nur so vor, wenn man nicht aufhören kann, alles auf sich selbst als Mittelpunkt zu beziehen.“ Was soll ich sagen? Bis dahin, sich zu freuen, dass das Leben weiter geht, auch ohne einen, ist es für die meisten Menschen ganz sicherlich ein weiter Weg. Um ihn überhaupt zu beschreiten, kann Safranskis Buch durchaus ein Wegweiser sein. Wer mehr darüber lesen möchte, kann dies bei Opas Tests und Kritiken in der Rubrik Bücher tun.

Safranski_23653_MR1.indd                                                                                 Rüdiger Safranski: ZEIT                                                                                             Hanser Verlag, 28. August 2015, 272 Seiten, 24,90 Euro, ISBN 978-3-446-23653-0