Meinungsfreiheit

Zum Fall Martenstein haben sich eigentlich schon genug und vermutlich auch berufenere Journalisten-Kollegen geäußert und ihr Unverständnis über das Vorgehen des Tagesspiegels und seiner Chefredaktion zum Ausdruck gebracht. Eigentlich. Aber das, was da passiert ist, ist Ausdruck einer Entwicklung, die noch einmal böse enden kann. Und deshalb werde auch ich noch meinen Senf zu der Causa hinzugeben, ganz egal, ob der allen schmeckt oder nicht. Worum geht bzw. ging es. Harald Martenstein hat am 6. Februar in seiner Kolumne im Tagesspiegel Folgendes geschrieben: „Wer den Hitlervergleich bemüht, der natürlich nie stimmt, möchte sein Gegenüber als das absolut Böse darstellen, als Nichtmenschen. Der Vergleich will Hitler gerade nicht verharmlosen, er macht ihn zu einer Art Atombombe, die einen politischen Gegner moralisch vernichten soll. Der Judenstern dagegen soll seine modernen Träger zum absolut Guten machen, zum totalen Opfer. Er ist immer eine Anmaßung, auch eine Verharmlosung, er ist für die Überlebenden schwer auszuhalten. Aber eines ist er sicher nicht: antisemitisch. Die Träger identifizieren sich ja mit den verfolgten Juden. Jetzt werden auf Corona-Demos häufig Judensterne mit der Aufschrift ‚ungeimpft’ getragen. Von denen, die das ‚antisemitisch‘ nennen, würden wahrscheinlich viele, ohne mit der Wimper zu zucken, Trump mit Hitler und die AfD mit den Nazis vergleichen. Der Widerspruch in ihrem Verhalten fällt ihnen nicht auf.“ Das wurde, glaubt man dem Tagesspiegel, „sowohl innerhalb der Redaktion als auch von Leserinnen und Lesern stark kritisiert.“ Das wiederum hat den Tagesspiegel nach eigener Aussage nach vielen Gesprächen zu dem Schluss kommen lassen, „dass wir diese Kolumne so nicht hätten veröffentlichen sollen; wir haben diesen einen Beitrag deshalb online zurückgezogen.“ Dass Martenstein daraufhin entschieden hat, nicht mehr für den Tagesspiegel zu schreiben, ist nicht nur verständlich, sondern war auch konsequent und folgerichtig. Was den ganzen Vorgang so brisant macht, ist noch nicht einmal, dass ein Blatt, das sich für das Leitmedium der Hauptstadt hält, offensichtlich nicht in der Lage ist, tagesaktuell zu entscheiden, was journalistisch vertretbar ist und veröffentlicht werden kann. Auch, dass ein verdienter Journalist nach 34 Jahren Zusammenarbeit und unzähligen Texten wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen wird, – wenn auch schweren Herzens – geschenkt. Was aber eben gar nicht geht, ist, dass ein gestandener Autor mundtot gemacht wird, weil er nicht im moralisierenden Mainstream mitschwimmt. Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit sind die Grundpfeiler unserer Demokratie mit garantierter Pressefreiheit. Wer an diesem Fundament sägt, spielt mit der Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder. Was soll ich sagen? Demokratie ist die Voraussetzung für unseren Rechtsstaat. Vor diesem Hintergrund klingt es schon mehr als sonderbar, wenn der Tagesspiegel als Begründung für seine Löschung schreibt: „Wir verteidigen die Meinungsfreiheit, sind uns aber deren Grenzen bewusst. Dabei gilt: Nicht alles, was rechtlich betrachtet gesagt werden darf, ist dem Ton des Tagesspiegels angemessen.“ Beliebiger geht es nicht. Damit ist der Willkür Tür und Tor geöffnet. Um es mit den Worten des von mir gerne gelesenen römischen Dichters Ovid zu formulieren: Wehret den Anfängen. Noch ist es nicht zu spät.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Politik von Opa. Setze ein Lesezeichen zum Permalink.

2 Gedanken zu „Meinungsfreiheit

  1. “Aber eines ist er sicher nicht: antisemitisch. Die Träger identifizieren sich ja mit den verfolgten Juden.”
    Hier ist ein Denkfehler drin. Die Tatsache daß Menschen sich mit Juden identifizieren (hier die Träger von Judensternen auf Demos gegen Corona-Maßnahmen) heißt noch lange nicht, daß dies bedeutet die Träger dieser Judensterne seien dadurch nicht antisemitisch. Da müßte man schon genauer hinschauen. Weder in der einen noch in der anderen Richtung gibt es hier einen Automatismus.

    Ich könnte mir vorstellen, daß bei der Entscheidung der Verantwortlichen eine Rolle gespielt haben könnte, daß Martenstein seit Mitte der 1990iger Jahre sich immer wieder dahingehend positioniert hat, daß er Verhalten, das antisemitisch war, nicht als solches zur Kenntnis nehmen wollte und stets bestritten hat.

    • Das kann man auch anders sehen. Henryk M. Broder beispielsweise, der sicherlich nicht unter Antisemitismus-Verdacht steht, schrieb zu der Passage von Martenstein: “Eine ruhige, sachliche Analyse eines seltsamen Phänomens, wie sie ruhiger und sachlicher nicht sein könnte. Aber zu gewagt für eine Zeitung, die sich selbst das “Leitmedium der Hauptstadt” nennt und den Spruch ‘Rerum cognoscere causas’ – ‘Den Dingen auf den Grund gehen’ zum Leitspruch gewählt hat. Einen Tag stand die Martenstein-Kolumne auf der Tagesspiegel-Seite, dann verschwand sie.” Zur Einlassung des Tagesspiegels in Bezug auf die Löschung setzte Broder noch einen drauf: “Die ‘Stellungnahme der Chefredaktion” ist etwa dreimal so lang wie die Martenstein-Kolumne. Wer immer sie verfasst hat, hat sich viel Mühe gegeben, wie ein Häretiker, der aus Angst vor dem Scheiterhaufen alles widerruft, auch das, was er nicht gesagt hat.” Wie gesagt, man kann es auch anders sehen und das darf man auch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.