Anspruch und Wirklichkeit

Wahrscheinlich bricht jetzt ein Sturm der Entrüstung über die WirtschaftsWoche herein. In einem Artikel mit der Überschrift Die Lüge von der Vereinbarkeit nimmt der Autor Ferdinand Knauß eine schonungslose Analyse vor, die in dieser Form vielen vor allem in Politik und Unternehmen gar nicht gefallen wird: „Die offenkundige Wahrheit bleibt“, heißt es wörtlich, „leider meist unausgesprochen, obwohl sie von Millionen Menschen am eigenen Leib erfahren wird: Wenn Mann und Frau beide in Vollzeit oder ,vollzeitnah‘ arbeiten, bleibt dem Paar unterm Strich weniger Zeit für die Familie als wenn es nur ein Elternteil tut. Das ,bisschen Haushalt‘ macht sich eben nicht von allein und Kinder sind keine Gegenstände für Betreuungsmanagement. Eltern hören und lesen allerorten die Botschaft der Vereinbarkeit. Doch sie erfahren in ihrem eigenen Leben, dass es zwar irgendwie funktioniert – aber nur um den Preis der Vernachlässigung der wichtigsten Menschen in ihrem Leben: der Kinder und des Partners. Dieser Gegensatz zwischen einem allgegenwärtigen gesellschaftlichen Anspruch und dem Erleben des Scheiterns in der eigenen Realität ist der ideale Nährboden für Stress. Das Ergebnis ist eine erschöpfte Gesellschaft aus Männern und Frauen, die verzweifelt versuchen, zwei oder drei Leben in einem einzigen zu führen.“ Was soll ich sagen? Allein dieser kurze Ausschnitt macht das ganze Ausmaß dieser gesellschaftlichen Tragödie deutlich. Der Artikel sollte zur Pflichtlektüre all derer werden, die sich aufgerufen fühlen, zum Thema „Beruf und Familie“ öffentlich Stellung zu beziehen. Vielleicht sind manche Einlassungen dann nicht mehr ganz so blauäugig. Denn derzeit erscheint mir die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit doch noch ziemlich groß zu sein.

Ein Gedanke zu „Anspruch und Wirklichkeit

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