Geschichtsunterricht at its best

Es wird ja viel über das Fernsehen geschimpft. Und das oft auch zu Recht. Heute jedoch soll das Fernsehen ausdrücklich gelobt werden, namentlich das ZDF und seine wöchentliche Sendereihe ZDF-History. Vor allem der zuletzt ausgestrahlte Beitrag „Die Deutschen und Europa – Vom Schlachtfeld zur Union“ ist Geschichtsunterricht at its best – vor allem in diesen Tagen. Untermalt mit Hans Zimmers Filmklängen aus dem „Da Vinci-Code“ lauten die letzten anderthalb Minuten: „Menschen aus 19 Ländern zahlen inzwischen mit dem Euro. Die gemeinsame Währung soll verbinden – in guten wie in schlechten Zeiten. Doch hat die Euro-Krise die Solidarität strapaziert und manches alte Ressentiment wieder belebt – gerade gegenüber Deutschland. Aber nach Jahrhunderten der Konflikte sollte nicht das Geld über ein Europa entscheiden, das sich den Friedensnobelpreis verdient hat. Nach zwei Weltkriegen und vier Jahrzehnten kalter Krieg wurden aus einstigen Gegnern Partner. Heute fordert ein Machtkampf an den Grenzen Europas die Gemeinschaft heraus, das Ringen um die Ukraine. Deutschland kann vermitteln, doch nur mit dem Rückhalt der Union. Die Griechenlandkrise ist wie andere zuvor nur durch den gemeinsamen Rettungsschirm zu bewältigen. Hunderttausende Flüchtlinge strömen über EU-Grenzen vor allem nach Deutschland. Nur gemeinschaftlich lässt sich der weitere Zustrom steuern, die Verteilung der Asylsuchenden und ihre Integration. Auch das Europäische Parlament sucht nach Antworten: Wie weit trägt die Solidarität der Partner – untereinander und gegenüber anderen. Vor allem die Geschichte kann die Völker lehren, was sie heute an Europa haben: Die Chance, Herausforderungen miteinander zu bestehen – und nicht gegeneinander.“ Denn wer die 40 Minute davor gesehen hat, weiß, was wir zu verlieren haben. Was soll ich sagen? Wenn man etwas kritisieren will, dann den Umstand, dass eine solche Sendung am Sonntagabend bzw. Montagmorgen um 0.20 Uhr ausgestrahlt und gestern auch nicht gerade zu den zuschauerfreundlichsten Zeiten wiederholt wurde. Einzige Trost: In der ZDF-Mediathek kann sie noch abgerufen werden. Und das sollte man unbedingt tun, wenn man sie verpasst hat.

Geschichte einmal anders

“Wenn das heutige Deutschland so etwas hat wie einen Anger, eine Allmende, einen Platz für große Feste und Versammlungen, dann ist es wohl das Areal rund um das Brandenburger Tor. Seit langem ist dies die bevorzugte Szenerie für Treffen und Umzüge der Stadtbewohner, doch seit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten ist der strenge neoklassische Torbau zum selbstverständlichen Hintergrund aller großen nationalen Ereignisse geworden”, schreibt der schottische Kunsthistoriker Neil MacGregor in dem heute erschienenen Buch “Deutschland: Erinnerungen einer Nation”. Und mit diesem Brandenburger Tor beginnt er auch sein Geschichts-Puzzle, bei dem er Stück für Stück mit der Gutenberg-Bibel, Porzellan aus Dresden, deutschem Bier und deutscher Wurst, Goethe, Schneewittchen und Mutter Courage, der Krone Karls des Großen, einem Tauchanzug made in Ostdeutschland oder dem Tor von Buchenwald ein konsistentes Deutschland-Bild zusammenfügt. Sozusagen das letzte Puzzle-Teil ist Betty von Gerhard Richter, “Betty”, schreibt MacGregor am Ende des Buches, “lebt in einem Raum, der noch erfüllt ist von Werken ihres Vaters, auch wenn das Gemälde an der Wand hinter ihr im Dunkeln nicht mehr zu erkennen ist, so wie alle Deutschen in der Gegenwart der Taten ihrer Vorgänger leben – einer Präsenz, die zwar blasser wird, aber immer noch bestimmend ist. Was Betty von ihrem Vater und seiner Generation hält, was sie daraus macht, können wir nicht erkennen. Doch gleich wird sich diese junge Frau uns zuwenden – und der Zukunft.” Was soll ich sagen? Das ist Geschichte einmal anders als anders und absolut empfehlenswert. Wer mehr zu “Deutschland: Erinnerungen einer Nation” erfahren möchte, wird bei Opas Tests und Kritiken unter der Rubrik Bücher fündig.

IMG_0121Mit dem Brandenburger Tor beginnt Neil MacGregor sein Geschichts-Puzzle, mit dem er in dem heute erschienenen Buch unter dem Titel “Deutschland: Erinnerungen einer Nation” ein konsistentes Bild von Deutschland zusammenfügt. Absolut empfehlenswert.Deutschland_cover