Für ein vereintes Europa

Es war und ist ein starkes Signal. Und der Tag hätte nicht besser gewählt worden sein. Am Freitag erschien im Berliner Tagesspiegel ein offener Brief der Nachfahren der Frauen und Männer des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus, der an diesem Tag vor 74 Jahren seinen Höhepunkt in dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler fand. 400 Personen haben diesen Brief unterschrieben, in dem die tiefe Sorge um Frieden und Freiheit zum Ausdruck kommt und die mit “Botschaft für ein vereintes Europa” überschrieben ist. Die Botschaft lautet:

“Heute vor 74 Jahren scheiterte der Umsturzversuch der Männer und Frauen des 20. Juli. Wo stünde Europa heute, wenn der Tag einen anderen Verlauf genommen hätte? Wenn das Attentat Stauffenbergs geglückt, Hitler getötet worden, Deutschlands Diktatur bereits 1944 beendet worden wäre.

Vom Kreisauer Kreis und vielen nach dem 20. Juli zum Tode verurteilten Widerstandskämpfern wissen wir, dass es den Verschwörern wichtig war, ein geeintes Europa der Völker zu errichten, in dem der Mensch und nicht die Nation im Vordergrund steht, in dem das Gemeinsame höher gewichtet wird als das Trennende. Sie waren mit ihrer Vorstellung nicht allein. Auch andere Widerstandsgruppen wie die Weiße Rose träumten von einem vereinten Europa. Denn nur in einem geeinten Europa kann es Frieden geben.

  Die Botschaft im Tagesspiegel.

Der europäische Staatenverbund steht heute vor einer Zerreißprobe. Die Grundsätze von Humanität, Solidarität und Gerechtigkeit, die in der Aufklärung und durch die Erfahrungen zweier Weltkriege erarbeitet wurden, scheinen immer weniger wert zu sein. Statt gemeinsam an den Herausforderungen der Zukunft zu arbeiten, ziehen sich immer mehr Bürgerinnen und Bürger zurück, während Populisten mehr und mehr Zulauf erhalten, Politiker verbal aufrüsten und auf Abschottung setzen.

Das ist nicht das Vermächtnis, das die Männer und Frauen des 20. Juli, aus der Arbeiterbewegung, der Roten Kapelle und weiterer Widerstandskreise im Sinn hatten. Mit ihrem Widerstand haben sie ein Zeichen gesetzt, das heute noch genauso gilt wie damals: Es erfordert Mut und Zivilcourage, um Recht, Freiheit und Demokratie zu verteidigen. Aber auch Menschlichkeit und Zusammenhalt. In den vergangenen Jahrzehnten ist Europa zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen, die auf Rechtsstaatlichkeit, freiheitliches Denken und Handeln, Toleranz, Respekt und die Achtung der Menschenwürde baut. Diese Errungenschaft sollten wir nicht sorglos aufs Spiel setzen.

Wir möchten an diesem Tag an den Mut und die visionäre Kraft unserer Eltern, (Ur-) Großeltern, Onkel und Tanten erinnern und hoffen, dass nationale Alleingänge nicht das geeinte, starke, friedliche Europa gefährden, das sie für sich, uns und unsere Kinder erhofft hatten.”

Was soll ich sagen? Es ist zu wünschen, dass dieser Brief als Weckruf wahrgenommen wird und sich viele Menschen wieder bewusst werden, dass ein demokratisches Leben in Frieden und Freiheit kein Geschenk des Himmels, sondern das Ergebnis eines täglichen Ringes für unsere freiheitliche Grundordnung. Christina Rahtgens, Mit-Initiatorin des Briefes, hat in einem Interview auf den Punkt gebracht, worum es im Kern geht: “Die Stimme erheben, Haltung zeigen, anständig bleiben.” Wer das und den Brief nicht unterschreiben kann, gefährdet in unverantwortlicher Weise die Zukunft all unserer Kinder und Enkel. Der Unterschriften von Oma und Opa jedenfalls können sich die Initiatoren sicher sein.

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