Omas Urteil etwas milder

Dieser Tage ist mir ein Buch auf den Tisch geflattert, das gerade erschienen und für Kinder im Alter zwischen acht und zwölf Jahren gedacht ist: Mein Berlin-Buch lautet der Titel und soll ein, wie es heißt, „Wissensspaß für schlaue Kinder“ sein. Da ich altersbedingt ganz sicher nicht zur Zielgruppe zähle, soll ich die 128 Seiten wohl besprechen. Nun denn, fangen wir an: Gegliedert ist der Inhalt durchaus kindgerecht und umfasst neun Kapitel: Landschaft – Bevölkerung – Essen und Trinken – Wohnen – Schule und Arbeit – Feste, Spiele, Mode – Musik und Kultur – Sport – Anhang, mit durchaus interessanten Einzelheiten. Gespickt ist das Buch mit Tipps des Kindermagazins ZEIT LEO sowie Ausflugtipps wie „Auf ins Museumsdorf Düppel!“ oder „Ab ins Deutsche Technikmuseum Berlin“. Sicherlich keine schlechte Wahl für Kinder in der anvisierten Altersgruppe, die aber vermutlich auch interessiert hätte, wie man dort auch noch hinkommen könnte. Aber von dem öffentlichen Nahverkehr in Berlin, der europaweit seinesgleichen sucht, keine Spur. Berliner Verkehrsbetriebe und S-Bahn, über die man ganz gewiss auch trefflich schimpfen könnte, finden nicht statt. Dafür aber haben es Peek & Cloppenburg sowie die Modemacher Guido Maria Kretschmer und Michael Michalsky geschafft, mit dem Thema Mode sage und schreibe vier Seiten zu füllen. Ob das die Kids in dem Alter wirklich interessiert? Das Kapitel Feste, Spiele, Mode hat es überhaupt in sich. Da wird beispielsweise die Frage „Wie ist Weihnachten in Berlin?“ wie folgt beantwortet: „Weihnachten ist das Fest der Christen. In der Weihnachtszeit verändert sich die Stadt: Es glitzert und glänzt überall. Berlin hat mit mehr als 80 Weihnachtsmärkten die meisten in ganz Europa. Kurz bevor die ersten Türen des Adventskalenders geöffnet werden dürfen, sind die Marktstände schon bereit. Diese Tradition gibt es seit dem späten Mittelalter. Damals deckten sich die Menschen vor dem Winter mit allen notwendigen Waren ein, um über die kalte Jahreszeit zu kommen. Später kamen Verkaufsstände mit Weihnachtsgeschenken hinzu. Die Tradition des Schenkens begann bereits vor 2.000 Jahren bei den Römern und wurde von den Christen fortgesetzt. Weihnachten als Familienfest entstand erst nach 1900.“ Über die Qualität der Antwort mag jeder für sich urteilen. Aber mit Weihnachten war’s das dann auch schon, kein einziges Wort von Jesu Geburt. Und auch auf die beiden anderen großen Feste der immerhin über eine Million Christen in der Stadt, Ostern und Pfingsten, fehlt jeder Hinweis. Da haben es die rund 11.000 Mitglieder der jüdischen Gemeinde und die zirka 250.000 Menschen muslimischen Glaubens es besser getroffen. Ihre Religionen werden immerhin auf drei Seiten dargestellt und beschrieben, was in keinster Weise gegen Juden oder Muslime spricht, sondern in diesem Kontext nur irgendwie nicht ins Verhältnis passt. Zumindest erfahren wissbegierige Jungen und Mädchen, was es mit den Hugenotten auf sich hat und was Protestanten sind. Ich will das Buch wirklich nicht schlecht machen. Gemeinsam mit Eltern oder Großeltern werden einige Kinder sicher Honig aus den Zeilen saugen können. Auch die eine oder andere Lehrkraft wird vielleicht für den Unterricht inspieriert. Aber ob Aufmachung und Layout die heute doch medial verwöhnten Kinder ansprechen werden, darf zumindest hinterfragt werden. Und was die inhaltlichen Schwachstellen betrifft, ist hier beileibe nicht alles erwähnt. Dabei ist es schon eine Leistung, in einem Buch über Berlin ohne das Wort Kiez auszukommen. Was soll ich sagen? Vielleicht bin ich ja mal wieder zu anspruchsvoll. Omas Urteil zumindest ist etwas milder: „Im Großen und Ganzen ist das Buch schon okay.“

                                                                                   Eva Boos, Dorothee Fleischmann, Anne Bernhardi, Mein Berlin-Buch                        emons:, Köln, 128 Seiten, 2017, 16,95 Euro, ISBN 978-3-7408-0098-7

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