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Gut zu Vögeln – ein Film von Mira Thiel

An diesem Film werden sich ganz sicher die Geister scheiden: „Gut zu Vögeln“, der am 14. Januar 2016 in die deutschen Kinos kommt. Erste Reaktionen deuten an, dass die Bewertungsskala von „tiefgründiger Humor“ bis „platter Klamauk“ reichen dürfte, so dass Mira Thiel bei ihrem Regiedebüt ein Platz in den Schlagzeilen sicher ist. Aber selbst wenn man der Meinung ist, dass die Wahrheit in der Mitte liegt, lohnt es sich, den Film etwas genauer anzuschauen. Doch der Reihe nach.

Worum geht es? Die Society-Reporterin Merlin findet, nachdem sie von ihrem vermeintlichen Traumprinzen kurz vor der geplanten Hochzeit per SMS abserviert worden ist, Unterschlupf in der Männer-WG, aus der ihr Bruder Simon gerade wegen Frau und Baby ausgezogen ist. Barkeeper Jacob, der es mit keiner Frau länger als eine Nacht aushält, geht das Selbstmitleid der ewig heulenden Mitbewohnerin so auf die Nerven, dass er ihr einen One-Night-Stand organisieren will, der sie auf andere Gedanken bringen soll. Der Plan geht auf. Doch dadurch setzt Jacob ein Beziehungskarussell in Gang, bei dem vor allem er selbst ziemlich schnell die Kontrolle verliert. Da hilft auch der Männer-Trip zum Ballermann nicht weiter, zu dem sich Merlin auch noch selbst einlädt.

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Das Ende sei hier nicht verraten. Da es sich aber um eine Komödie handelt, braucht man nicht unbedingt ein Hellseher zu sein, um vorherzusagen, wo und wie das Ganze endet – unbeschadet des Attributes anti-romantisch. Bemerkenswert ist allerdings der Weg dorthin, zumal Mira Thiel, die mit Judith Bonesky und Produzent Friederich Oetker auch das Drehbuch geschrieben hat, eigene Lebenserfahrungen einfließen lassen konnte. Denn: Auch sie wurde kurz vor der Hochzeit sitzen gelassen und hat sich in eine Männer-WG einquartiert. Und so ist es nicht das erste, wie auch nicht das letzte Mal, dass das Leben vielleicht nicht die schönsten, aber zumindest die unterhaltsamsten Geschichten bzw. Pointen schreibt. Dem Film insgesamt jedenfalls hat es sicher nicht geschadet.

Ob dies gleichermaßen für die ziemlich überdrehten Szenen vom Ballermann gilt, wohin Mira Thiel nach ihrer geplatzten Hochzeit geflüchtet war und wo sie für den Film mit Szenenbildner Markus Dicklhuber und Kameramann Stephan Burchardt vor Ort recherchiert hat, steht auf einem anderen Blatt. Auch wenn die (in Berlin gedrehten) Filmbilder von der Mittelmeer-Insel vermutlich näher an der Realität sind, als einem lieb ist, kann man für den Mallorca-Teil des Films sagen: Weniger wäre sicher mehr gewesen.

Dennoch, die Regisseurin setzt ihre Hauptdartseller optimal in Szene. Anja Knauer überzeugt als weidwundes Reh und Max von Thun als Frauen verschleissender Macho. Das gilt auch für die anderen Schauspieler, von denen Kai Wiesinger, Christian Tramitz, Oliver Kalkofe, Jochen Nickel und Sonja Kirchberger prominent hervorstechen. Ihnen allen gelingt es, ein sicherlich ernstes Thema wie die „Bindungsunfähigkeit unserer Generation“ (so der Pressetext) und auch ihrer eigenen charmant und leicht verdaulich zu karikieren. Dabei entwickelt Mira Thiel eine Liebe zum Detail, die von ihr noch einiges erwarten lässt. Das fängt an mit dem auch später immer wieder eingeblendeten SMS-Verkehr, setzt sich fort mit dem Nummernschild, das nach dem rüden Ausparken von Merlin hin- und herpendelnd zurückbleibt, nicht zu vergessen das Jahreszeiten geprägte Straßenbild inklusive durchs Bild fahrender Stadtreinigung, bis hin zum wirklich gelungenen Bildschnitt bei Merlins Putzaktion und der plumpen Wiederholung „Hallo, ich bin Mark“, die auch schon in dem gut gemachten Trailer zu sehen ist. Und absolute Highlights sind die diversen Vorstellungsrunden von WG-Bewerbern, bei denen wahrlich kein Auge trocken bleibt.

Auch die Anlehnungen an Filmklassiker und Werbeikonen sind wohl dosiert und gut gelungen. Megan Gay beispielsweise spielt die Chefredaktuerin Jil, ohne auch nur einen Zweifel aufkommen zu lassen, dass hier der Teufel gemeint ist, der in einem anderem Film Prada trägt. Oder Oliver Kalkofe, der zu guter Letzt den Alpecin-Dr. Klenk gibt und die Wirksamkeit eines Sprühkondoms simuliert. Wer die bessere Karrikatur ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.

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Wenn man bereit ist, sich auf „Gut zu Vögeln“ einzulassen, darf man sich auf unterhaltsame Minuten freuen. Denn der Film setzt, und ich zitiere das mal, weil es hier zutrifft, „auf eine Mischung aus schmerzhaft-komischem Sprachwitz, schrulliger Überzeichnung und wohldosierter politischer Unkorrektheit – und wenn die prolligen Parolen oder die Genital-Gags gelegentlich in Peinlichkeit verpuffen, dann sorgen das flotte Erzähltempo und die sympathischen Hauptdarsteller … dafür, dass der Fehltritt schnell vergessen ist.“ Ach so, das Zitat stammt übrigens von Andreas Staben von der FILMSTARTS.de-Redaktion aus einer Filmkritik über „Fuck ju Göthe 2″, der bis zum 8. November letzten Jahres 7.472.953 Besucher an den deutschen Kinokassen registriert hat. Damit belegt der Film nach Besucherzahlen Platz 1 in seinem Erscheinungsjahr sowie den 4. Platz der erfolgreichsten deutschen Kinofilme seit Beginn der Besucherzählung im Jahr 1968. Na dann, wenn das keine Aussichten sind.