Glas immer halb voll

Eine Freundin von Oma hatte im Herbst letzten Jahres ihren Schlüsselbund verloren, als sie mit ihr unterwegs gewesen war. Oma hat denn auch in unserem Auto sofort nachgeschaut, ob er sich vielleicht dort irgendwo versteckt hat, war aber nicht fündig geworden. Gestern nun plötzlich hörte sie – im übertragenen Sinne – eine Stimme, die rief: „Hier bin ich.“ Und siehe da: Völlig unversehrt und erwartungsvoll lag der Schlüsselbund da und strahlte Oma unschuldig an – war er doch unter den Sitz gefallen und dort immer wieder unbemerkt hin- und hergeschoben worden. Ihren Fund berichtete sie denn auch sofort ihrer Freundin, die seinerzeit alle Schlüssel hatte nachmachen lassen. Unser jüngster Enkel, der bei dem Fund anwesend war, gab ihr für diese Korrespondenz auch gleich eine gute Argumentationslinie mit, um der Freundin das Positive dieses Fundes schmackhaft zu machen: „Jetzt hat sie wenigsten für jeden Schlüssel ein Ersatzschlüssel.“ Was soll ich sagen? Um den kleinen Mann muss man sich keine Sorgen machen. Denn mit so einer Einstellung kommt der locker und leicht durchs Leben. Jedenfalls ist sein Glas nie halb leer, sondern immer halb voll.

Mit Demut ins neue Jahr

Wieder geht ein Jahr zur Neige. Schaut man zurück, so stellt man fest, dass nicht alles so gekommen ist, wie man sich das so vorgestellt und erhofft hatte. Dennoch: Es gibt viele, sehr viele Menschen, die gerne mit einem tauschen würden. Vor allem in Europa, zumal in Deutschland, befindet man sich auf der Sonnenseite des Lebens. Jede Nachrichtensendung führt uns das eindrucksvoll wie erschreckend vor Augen. Angesichts des Elends in der Welt erscheinen da manche Klagen schon fast lächerlich. Insofern ist ein wenig Demut und Dankbarkeit angebracht, wenn man auch nur halbwegs gesund seine Tage verbringen kann.”Betrachte jeden Tag, als könnte er der letzte sein”, wusste schon Lucius Annaeus Seneca. Dass man dabei seine Mitmenschen nicht vergessen sollte, versteht sich von selbst. Was soll ich sagen? Ich zitiere da mal Friedrich Nietzsche, der es so formuliert hat: “Das beste Mittel, jeden Tag gut zu beginnen, ist beim Erwachen daran zu denken, ob man nicht wenigstens einem Menschen an diesem Tage eine Freude machen könne.” In diesem Sinne wünschen Oma und Opa allen einen erbaulichen Jahresausklang und alles erdenklich Gute für das neue Jahr.

Und es gibt ihn doch …

Die Fragen “Gibt es das Christkind? oder “Gibt es einen Weihnachtsmann?” sind vermutlich so alt wie das Christkind bzw. der Weihnachtsmann selber. Eine der wohl bewegendsten und anrührendsten Antworten hat im Jahre 1897 Francis P. Church in der New York Sun gegeben, der im Auftrag seines Chefredakteurs folgende Leserzuschrift beantwortete: “Lieber Redakteur: Ich bin 8 Jahre alt. Einige meiner kleinen Freunde sagen, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. Papa sagt: ‚Was in der Sun steht, stimmt.‘ Bitte sagen Sie mir die Wahrheit: Gibt es einen Weihnachtsmann? Virginia O’Hanlon. 115 West Ninety-fifth Street.”

“Virginia”, beginnt der Text von Church, der bis zur Einstellung der “Sun” 1950 alle Jahre zur Weihnachtszeit auf der Titelseite der Zeitung abgedruckt wurde und nunmehr jedes Jahr an Heilig Abend auf Opas Blog erscheint, “deine kleinen Freunde haben unrecht. Sie sind beeinflusst von der Skepsis eines skeptischen Alters. Sie glauben an nichts, das sie nicht sehen. Sie glauben, dass nichts sein kann, was ihr kleiner Verstand nicht fassen kann. Der Verstand, Virginia, sei er nun von Erwachsenen oder Kindern, ist immer klein. In unserem großen Universum ist der Mensch vom Intellekt her ein bloßes Insekt, eine Ameise, verglichen mit der grenzenlosen Welt über ihm, gemessen an der Intelligenz, die zum Begreifen der Gesamtheit von Wahrheit und Wissen fähig ist.

Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann. Er existiert so zweifellos wie Liebe und Großzügigkeit und Zuneigung bestehen, und du weißt, dass sie reichlich vorhanden sind und deinem Leben seine höchste Schönheit und Freude geben. O weh! Wie öde wäre die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe. Sie wäre so öde, als wenn es dort keine Virginias gäbe. Es gäbe dann keinen kindlichen Glauben, keine Poesie, keine Romantik, die diese Existenz erträglich machen. Wir hätten keine Freude außer durch die Sinne und den Anblick. Das ewige Licht, mit dem die Kindheit die Welt erfüllt, wäre ausgelöscht. Nicht an den Weihnachtsmann glauben! Du könntest ebenso gut nicht an Elfen glauben! Du könntest deinen Papa veranlassen, Menschen anzustellen, die am Weihnachtsabend auf alle Kamine aufpassen, um den Weihnachtsmann zu fangen; aber selbst wenn sie den Weihnachtsmann nicht herunterkommen sähen, was würde das beweisen? Niemand sieht den Weihnachtsmann, aber das ist kein Zeichen dafür, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Die wirklichsten Dinge in der Welt sind jene, die weder Kinder noch Erwachsene sehen können. Sahst du jemals Elfen auf dem Rasen tanzen? Selbstverständlich nicht, aber das ist kein Beweis dafür, dass sie nicht dort sind. Niemand kann die ungesehenen und unsichtbaren Wunder der Welt begreifen oder sie sich vorstellen.

Du kannst die Babyrassel auseinander reißen und nachsehen, was darin die Geräusche erzeugt; aber die unsichtbare Welt ist von einem Schleier bedeckt, den nicht der stärkste Mann, noch nicht einmal die gemeinsame Stärke aller stärksten Männer aller Zeiten, auseinander reißen könnte. Nur Glaube, Phantasie, Poesie, Liebe, Romantik können diesen Vorhang beiseite schieben und die übernatürliche Schönheit und den Glanz dahinter betrachten und beschreiben. Ist das alles wahr? Ach, Virginia, in der ganzen Welt ist nichts sonst wahrer und beständiger.

Kein Weihnachtsmann! Gott sei Dank lebt er, und er lebt auf ewig. Noch in tausend Jahren, Virginia, nein, noch in zehn mal zehntausend Jahren wird er fortfahren, das Herz der Kindheit glücklich zu machen.”

Was soll ich sagen?

Recht hat Church, und schöner kann man es auch nicht sagen. In diesem Sinne wünschen Oma und Opa allen Lesern frohe und gesegnete Weihnachten.

Illusion der Illusion

Die Frage, ob es das Christkind bzw. den Weihnachtsmann gibt, wird hier ja morgen wieder beantwortet. Dennoch soll das Thema auch schon heute eine Rolle spielen. Unser ältester Enkel hat nämlich der Beantwortung der Fragen aller Fragen eine völlig neue Dimension verliehen, indem er die Frage sozusagen weiträumig umgeht. Ganz nach dem Motto: Wenn ich die Frage nicht stelle, kann ich auch keine Antwort erhalten, die ich gar nicht hören will. Wenn man so will, erhält er sich die Illusion der Illusion. Was soll ich sagen? Wie klug können Kinder s doch ein …

Morgen, Kinder, wird’s was geben …

Peinlich, peinlich

Ehe man sich versieht, ist auch schon wieder eine Woche vorbei. Und irgendwie hat man das Gefühl, im Dezember vergeht die Zeit noch schneller, zumal Weihnachten immer so plötzlich vor der Türe steht. Abendtermin jagt Abendtermin, alles – im beruflichen wie privaten Bereich – soll noch schnell vor dem Jahresende erledigt werden, Weihnachtsgeschenke müssen eingekauft, Weihnachtsgrüße verschickt werden, und und und. Kein Wunder, dass man da ins Schleudern kommt. Und Opa ist heuer etwas besonders Peinliches passiert. Bei seinen elektronischen Weihnachtskarten nämlich hat der Fehlerteufel unbarmherzig zugeschlagen und statt des Jahres 2018 noch einmal das Jahr 2017 bemüht. Aber geschehen ist geschehen. Es soll nicht wieder vorkommen. Versprochen. Was soll ich sagen? Man darf sich einfach auch im Dezember nicht ins Bockshorn jagen lassen und sollte mit der nötige Ruhe und Gelassenheit alles nach und nach abarbeiten. Und was nicht geschafft wird, ist dann eben erst nächstes Jahr dran. In diesem Sinne ein ruhiges Adventswochenende und bleiben Sie gesund …

Natur mit Demut begegnen

Die Auswirkungen von Sturm “Xavier” halten nicht nur die Bahn auf Trab, sondern haben auch Omas Pläne durchkreuzt. Eigentlich wollte sie ja am Samstag zu einem Familienfest nach Holland fahren – und zwar mit dem Zug. Doch der fiel aus, weil die Strecke nach wie vor nicht befahrbar war. Aber nicht nur Bahnstrecken sind noch gezeichnet vom Sturm. Auch die Straßen rund um Omas und Opas Domizil sehen ziemlich wüst aus. Als am Freitag jemand etwas bei uns etwas abholen wollte, lautete der Kommentar nur lapidar: “Das war wie eine Schnitzeljagd.” Zeitweilig waren in unserer unmittelbaren Nachbarschaft fünf Straßen gesperrt, weil ein Baum die Durchfahrt versperrte. Was soll ich sagen? Derartige Extremsituationen lehren uns wieder ein wenig Demut. Die Menschen in den Bergen und an der See wissen um die Naturgewalten und respektieren sie. Wir in den Städten, die glauben, alles sei jederzeit machbar, müssen daran hin und wieder erinnert werden. Bleiben Sie gesund und ein schönes Wochenende …

Zeitweilig waren in unserer unmittelbaren Nachbarschaft fünf Straßen gesperrt, weil ein Baum die Durchfahrt versperrte.

 

Leitmedium des 21. Jahrhunderts

Es kommt leider nicht (mehr) sehr oft vor, dass ich von journalistischen Kollegen schwärme. Aber heute muss ich es (wieder) einmal tun, zumal es längst überfällig ist. Die Rede soll von Gabor Steingart sein, seines Zeichens Herausgeber des Handelsblattes und regelmäßiger Autor des unter diesem Dach erscheinenden Morning Briefings. Dieses ist für Opa – ebenso wie für Oma – ein unverzichtbares Muss geworden. Meistens lesen wir diese morgentliche Einstimmung noch im Bett, ehe wir uns dann daran machen, den Tag bestens informiert zu beginnen. In dieser Woche, um nun zum eigentlich Thema zu kommen, hat sich Steingart selbst übertroffen und mit einem Satz in die Diskussion um Leitmedien eingeschaltet, der in Stein gemeißelt werden sollte: “Das Leitmedium des 21. Jahrhunderts ist der Mensch.” Während die einen (noch) meinen, Social Media sei das Leitmedium des 21. Jahrhunderts, erklären andere, dies seien nunmehr Spiele. Wie auch immer, angesichts der unaufhaltsamen und in einigen Bereichen sogar dringend notwendigen Digitalisierung unseres Lebens erscheint gerade die Rückbesinnung auf den Menschen die richtige Antwort auf die berechtigten Fragen vieler verunsicherten Mediennutzer. Was soll ich sagen? Hoffentlich machen sich viele Medienmacher Steingarts Satz zu eigen und verabschieden sich endlich von dem Motto, das ganz offensichtlich nach wie vor selbst in großen Verlags- und Medienhäusern gilt: Bei uns steht der Leser immer im Mittelpunkt – und damit ständig im Wege.

Wenn’s der Schule reicht …

Es ist nicht zu fassen, wie die Zeit vergeht: Gerade noch war Einschulung und jetzt hat unser ältester Enkel schon sein erstes Zeugnis bekommen. Damit gehört er zu fast 700.000 Schülern in Berlin und Brandenburg, die nunmehr Sommerferien haben. Passend dazu schien die Sonne und machte Lust auf mehr. Allerdings herrschte nicht für alle eitel Sonnenschein. Denn so manches Zeugnis ließ dunkle Wolken am Elternhimmel aufziehen. Während unser Großer sein erstes Jahr mit Bravour gemeistert hat, gibt es aber auch Kinder, deren Noten für Ärger vor allem bei den Eltern sorgen. Was soll ich sagen? Denen möchte ich die Weisheit einer alten Dame mit auf den Weg geben, die sie mir gegenüber immer hat gelten lassen und die ich später gerne bei meinen Kindern übernommen habe: Wenn’s der Schule reicht, reicht’s mir schon lange. Das ist ziemlich cool und relaxed und nimmt eine Menge Druck vom Kessel. So Sie betroffen sind, denken Sie darüber nach. Es macht das Leben, dessen Ernst schnell genug kommt, etwas leichter.

PS: Unser jüngster Enkel ist dann nächstes Schuljahr auch dran. Doch jetzt sind erst einmal Ferien.

Nichts ist jemals zu Ende gedacht

„Wer sind eigentlich die Eltern von Gott?“, lautet der Titel eines Büchleins, das mir heute auf den Schreibtisch geflattert ist und aus der Feder von Silvia Plahl stammt. Gestellt hat die Frage ein neunjähriger Junge im Philosophieunterricht einer Grundschule in Mecklenburg-Vorpommern, den die Bildungsjournalistin über einen längeren Zeitraum als Gastschülerin begleitet und nun auf 160 Seiten dokumentiert hat. Und wenn man die Seiten so durchblättert und beispielsweise Gedanken liest wie „Mal hat man Glück – mal hat man Nicht-Glück. Wenn man immer Glück hat, dann ist das Glück nicht mehr schön.“ oder „In einem Freundschaftsbuch wird immer gefragt: Möchtest du ein Superstar sein? Da kreuze ich immer ‚Nein‘ an.“, dann erkennt man sehr schnell: Hier geht es nicht um das Geplapper von Kindern, sondern um existenzielle Gedanken über Gott und die Welt und das Leben. Die Autorin hat leider recht, wenn sie schreibt: „Wir amüsieren uns über den Kindermund, aber wir nehmen das unerschrockene und unbedarfte Denken der Kinder nicht wirklich ernst oder nicht ernst genug.“ Es sind vielleicht nicht alle Erwachsenen, aber doch viele. Was soll ich sagen? Es lohnt ganz sicher, das Buch zu lesen und in die Gedankenwelt der Kinder einzutauchen. “Im besten Fall wird dieses Buch Sie nachdenklich stimmen, und Sie lassen sich vom Philosophieren und von den Fragen der Kinder herausfordern, um sich mit ihnen auf Augenhöhe Altes und Neues durch den Kopf gehen zu lassen. Dazu muss man immer wieder innehalten und sich Zeit geben. Und man muss sich auf das Gedankenspinnen und die Spontaneität einlassen. Nichts ist jemals zu Ende gedacht. Philosophieren ist weit mehr als nur ein Frage-und-Antwort-Spiel. An jedem erdenklichen Ergebnis gibt es neue Rätsel und mehr Fragen als Antworten”, so die Journalistin in ihrem Vorwort. Wohl wahr.

                                                                                    Silvia Plahl, Wer sind eigentlich die Eltern von Gott?                                                      Rowohlt Verlag, Reinbeck, 2017, 160 Seiten, 9,99 Euro, ISBN 978-3-499-63228-0

Wer hoch hoch hinaus will …

Aus Kindern werden Leute. Das ist auch bei unseren Enkelsöhnen so. Unser ältester beispielsweise macht mittlerweile Dinge, für die er meinen ganzen Respekt genießt. So war er letztens mit seinen Eltern in einer Kletterhalle und ist – jetzt halten Sie sich fest – bis unter die Decke geklettert. Abgesehen einmal davon, dass ich vermutlich nicht einmal den ersten (Kletter-)Stein geschafft hätte, weil der vermutlich abgebrochen wäre, erscheint mir die Wand doch ein bisschen hoch – zumal ich jetzt im Alter ohnehin ein wenig Höhenangst habe. Was soll ich sagen? Wer hoch hinaus will, das wusste schon Zen-Meister Seo Yoon-Nam, muss unten anfangen. Wohl wahr …

Ganz schön mutig und hoch hinaus ist da unser ältester Enkel geklettert.