Dunkel war’s, …

Wer das Gedicht geschrieben hat, weiß man nicht. Immer wieder im Gespräch sind Goethe und Morgenstern, wobei ich es eher Letzterem zutrauen würde. Wie dem auch sei, es begleitet mich seit frühester Jugend. Insofern bin ich immer wieder verblüfft, wenn ich jemanden treffe, der es nicht kennt. Was soll ich sagen? Am besten auswendig lernen:

Dunkel war’s, der Mond schien helle,
schneebedeckt die grüne Flur,
als ein Wagen blitzesschnelle,
langsam um die Ecke fuhr.

Drinnen saßen stehend Leute,
schweigend ins Gespräch vertieft,
als ein totgeschoss’ner Hase
auf der Sandbank Schlittschuh lief.

Und ein blondgelockter Jüngling
mit kohlrabenschwarzem Haar
saß auf einer grünen Kiste,
die rot angestrichen war.

Neben ihm ’ne alte Schrulle,
zählte kaum erst sechzehn Jahr,
in der Hand ’ne Butterstulle,
die mit Schmalz bestrichen war.

MondDunkel war’s, der Mond schien helle …

Du bist, als ob du …

Das längste deutsche Wort laut Duden heißt Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung und ist 37 Zeichen lang. Das ist aber noch gar nichts gegen das Wortungetüm, dass bis 2013 den Rekord hielt: Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz. Das Gesetz mit seinen 63 Buchstaben wurde zwar aus dem Verkehr gezogen, hat aber immerhin die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) inspiriert, mal zu schaun, was man sich sonst noch so alles ausdenken kann. Heraus kam dabei ein Wort, das einem die Sprache verschlägt: Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungs-gesetzesentwurfsdebattierklubdiskussionsstandsberichterstattungsgeldantragsformular. Ganze 140 Buchstäben zählt der Bandwurm und ist grammatikalisch … lassen wir das. Da wirkt ja selbst das Superkalifragilistikexpialigetisch von Marry Poppins eher harmlos. Die deutsche Sprache, insbesondere im Bereich von Gesetzestexten, versprüht zuweilen ja den Charme einer Häckselmaschine. Was soll ich sagen? Mit der deutschen Sprache geht es eindeutig bergab. Das letzte neuzeitliche Highlight war eindeutig Loriots “Melusine./ Kraweel! Kraweel!/ Taubtrüber Ginst am Musenhain,/ trübtauber Hain am Musenginst./ Kraweel! Kraweel!” Ja, ja, Deutschlands Sprach-Granden Goethe und Schiller werden sich im Grabe umdrehen und denken: ” Was ist bloß aus meinem Faust, was aus meinen Räubern geworden?” Zu Ehrenrettung der deutschen Sprache und mit Blick auf die Jahreszeit soll Rainer Maria Rilke zu Wort kommen mit seinem Gedicht

Du bist, als ob du …

Du bist, als ob du segnen müßtest
wen die Madonnen längst vergaßen;
und oft, im Sommer, wenn du wüßtest:
da kamst du von den Abendstraßen
so klar, als ob du Kinder küßtest,
die traurig wo am Saume saßen.

Und jeder Rhythmus, der verschwiegen
aus stillen Wiesen aufgestiegen,
schien innig sich dir anzuschmiegen,
bis alles Winken, alles Wiegen
nur in dir war und nirgends mehr.
Und mir geschah: die Welt verginge –
und das Vermächtnis aller Dinge,
ihr letztes Lied, bringst du mir her.

Icke, dette, kieke mal …

Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, schreibt Zwiebelfisch-Autor Bastian Sick. Doch man gewöhnt sich ja an allem, auch am Dativ – heißt es. Dennoch tun sich Oma und Opa da ein wenig schwer, zumal unsere Enkel erste Anzeichen der Berlinischen Grammatik erkennen lassen. Den Unterschied von „mir“ und „mich“ kennen sie (noch). Auch „wegen die Hitze“ gehört nicht gerade zu ihrem Grundwortschatz. Aber die neuerdings gebräuchlichen „drinne“ und „ebent“ tun Oma und Opa regelrecht in den Ohren weh. Da sind wir auch ziemlich konsequent und korrigieren sie jedes Mal. Fehlt nur noch, dass sie „jetzte“ auch noch mit „icke“ und „ditte“ anfangen. Defintiv Schluss mit lustig wäre aber, wenn einer der beiden der „Oma seine Haare“ raushaut. Was soll ich sagen? Lang lebe Zille: Icke, dette, kieke mal, Oogen, Fleesch und Beene – nein, mein Kind so heißt das nicht, Augen, Fleisch und Beine.

„Zweideutig für Deutschland“

In Zeiten, in denen eine Ein-Themen-Protest-Partei allein mit dem Schüren von Angst vor dem Fremden das politische Koordinatensystem zwar nicht zum Einsturz, aber immerhin durcheinander bringt, drängt sich die Frage auf: Wie ist es denn tatsächlich um unser Abendland bestellt? Ein ziemlich aussagekräftiges Indiz ist in diesem Zusammenhang immer die Sprache, die sich ja permanent einer Unterwanderung durch Wörter mit Migrationshintergrund erwehren muss. Und da sieht es auf den ersten Blick in der Tat bedenklich aus: Deutsch ist eine Einwanderungssprache! Zu diesem eindeutigen wie niederschmetternden Ergebnis kam bereits im Jahr 2008 kein geringeres als das Goethe-Institut, sozusagen der Gralshüter deutscher Kultur in aller Welt. Unterstützt u.a. durch den Leiter der Dudenredaktion hatte sich das Institut auf die Suche nach dem “besten eingewanderten Wort” gemacht und war fündig geworden. Man mag es glauben oder nicht, aber der „Tollpatsch“ hat sich – ausgerechnet – aus dem Ungarischen eingeschlichen und unwiderruflich in unseren Breitengraden eingenistet. Insgesamt ist man seinerzeit über 3.500 aus 42 Sprachen eingewanderten Wörtern auf die Schliche gekommen, wobei anscheinend nicht mehr eindeutig feststellbar war, ob dies legal oder illegal geschah. Jedenfalls wurde diese Frage überhaupt nicht mehr thematisiert. Wie dem auch sei: Erwischt wurden u.a. Hängematte, Chaos und Tohuwabohu, was vermutlich viele Illusionen zerstörte. Zumindest skizzierte dieses Kauderwelsch ein düsteres Bild vom drohenden Verfall der deutschen Sprache. Doch mittlerweile ist ein Hoffnungsschimmer am Horizont erschienen, und das auch noch hier in Berlin. Wie ein weißer Ritter sozusagen kämpft ein – man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen – Brite dafür, die deutsche Sprache zu retten, wobei er sich vor allem dem Kampf gegen Anglizismen verschrieben hat. Und die gibt es wahrlich genug. Letzte Untersuchungen sprechen von über 13.000. Doch der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg winkt nach eingehenden Untersuchungen ab: „Untergangsszenarien für und Abgesänge auf das Deutsche sind fehl am Platz.“ Da müssen sich wohl eher die anderen Sprachen Sorgen machen. Denn wie Recherchen von Opa ergeben haben, steht der Einwanderung von Wörtern eine beachtliche Anzahl von Auswanderungen gegenüber. Über 6.000 deutsche Worte haben sich über die Jahre auf den Weg gemacht und sind dabei in aller Welt einer ausgesprochen freundlichen Willkommenskultur begegnet. „Überhaupt“ beispielsweise ist bei unseren niederländischen Nachbarn aufgenommen worden, „Kindergarten“ in den Vereinigten Staaten und der „Poltergeist“ in Brasilien. Die „Mannschaft“ hat sich vor allem seit 2014 fast über den ganzen Erdball verteilt. Während sich diese Worte mit der Integration in ihrer jeweiligen neuen sprachlichen Heimat noch etwas schwer tun, präsentiert sich der gute alte „Kaffeeklatsch“ ganz anders und hat sich in Kanada als „kaffeklatsching“ offensichtlich assimiliert. Was soll ich sagen? Dass sich angesichts dieser weltweiten Wörterwanderungen Parteien in diesem Land bei ihrer Namengebung nicht ausschließlich deutscher Worte bedienen, sondern solcher mit ausländischem Hintergrund, ist ein Skandal erster Güte. „Alternative“ beispielsweise ist kein deutsches Wort, sondern aus dem Mittellateinischen „alternativus“ abgeleitet und bedeutet „zweideutig“. Also: „Zweideutig für Deutschland“ – da weiß man doch gleich, was los ist.

Oma und Opas Kulturspagat

Die vergangene Woche ging mit einer richtigen Herausforderung für Oma und Opa zu Ende. Denn am Freitag mussten wir einen Kulturspagat hinlegen, der es in sich hatte. Auf dem Programm am späten Nachmittag stand nämlich die Pressevorführung des Films „Gut zu Vögeln“, den Opa ja schon einmal erwähnt hat und bis zum Kinostart am 14. Januar noch rezensieren muss bzw. will. Insofern war das mehr oder weniger ein Pflichttermin, an dem sich nicht rütteln ließ. Die letzten Bilder des Abspannes im Kino am Potsdamer Platz waren noch nicht ganz verloschen, da hetzten Oma und Opa aus dem Kino zur nächsten Bushaltestelle, um noch rechtzeitig in den Berliner Dom zu kommen. Denn dort begann pünktlich um 20.00 Uhr das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach, von dem die Berliner Domkantorei die Kantaten I bis III zur Aufführung brachte. Was soll ich sagen? Weltliches Unterhaltungskino trifft kirchliches Weihnachtskonzert. Auf die Bewertung des Films werden die Cineasten unter den Lesern von Opas Blog noch etwas warten müssen. Und zum Oratorium nur so viel: Irgendwie hatten nicht nur Oma und Opa den Eindruck, dass Domkantor Tobias Brommann und seinen Musikern irgendwie der Schwung fehlte. Denn ein wenig Enthusismus und Dynamik möchte man schon spüren, wenn es heißt: Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage.

Andere Länder, andere Sitten

Waren Sie schon einmal in einem Männerclubhaus? Nein?!? Ach, Sie wissen gar nicht, was das ist?!? Ja dann: Ein Männerclubhaus ist das Clubhaus eines Männerclubs. Unser ältester Enkel ist zwar (noch) kein Mitglied eines solchen Männerclubs, war aber dennoch dieser Tage Besucher eines solchen Hauses, wie das unten stehende Foto beweist. Das Haus, das im Ethnologischen Museum in Berlin zu finden ist, ist zwar nicht mehr in Betrieb, war aber früher von großer sozialer und politischer Bedeutung – auf den Palau-Inseln im Pazifischen Ozean. Während es für alle Mitglieder des Clubs selbstverständlich war, in ihrem Clubhaus zu wohnen und zu schlafen, durften es Frauen der eigenen Siedlung nicht betreten. „Fremde Mädchen waren indessen“, wie es auf der Museumsbeschriftung heißt“, „willkommen und umsorgten die Männer als institutionalisierte ‚armongol’.“ Das ist jetzt nicht, was Sie wieder denken. Wenn Sie es aber genau wissen wollen, können Sie ja hier nachlesen. Da werden Sie sich sicher wundern. Was soll ich sagen? Andere Länder, andere Sitten! Wenn Sie sich dafür interessieren, sind Sie am Standort „Museen Dahlem“, in dem sich neben dem Ethnologischen Museum noch das Museum für Asiatische Kunst und das Museum Europäischer Kulturen befindet, genau richtig.

IMG_1794Unser ältester Enkel im Männerclubhaus von den Palau-Inseln im Ethnologischen Museum in Berlin: Andere Länder, andere Sitten!

Stück für Stück

Über dieses Spielzeug würde sich nicht nur jedes Kind freuen, sondern wohl auch jeder Erwachsene: „Das prachtvolle Schiff ist mit Masten und Takelage ausgestattet, als wolle es gleich in See stechen. Hoch auf dem Achterdeck thront der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Vor ihm defilieren seine höchsten Würdenträger, einer nach dem anderen dreht sich um und bezeugt dem Herrscher seine Ehrerbietung. Aus dem Schiffsrumpf dringt Orgelmusik. Dann feuern, begleitet von plötzlichem Getöse und aufsteigendem Rauch, die Schiffskanonen los, und die kaiserliche Galeone setzt sich majestätisch in Bewegung. All das läuft im Miniaturformat ab. Unser Schiff ist ein kunstvoll gestaltetes Modell aus vergoldetem Kupfer und Eisen, seine Höhe beträgt rund einen Meter. Es ist nicht dazu bestimmt, die Meere zu befahren, sondern dazu, über einen sehr großen Tisch zu rollen. Es ist ein Dekorationsgegenstand, aber gleichzeitig auch eine Uhr und eine Spieldose – in Form einer dreimastigen Galeone, wie sie im 16. Jahrhundert als Handels- und Kriegsschiffe entwickelt wurden. Ein kompliziertes Räderwerk im Inneren trieb das Schiff früher an und erzeugte Geräusche, Rauch und Bewegung. Heute liegt das Schiff im Britischen Museum still vor Anker“, lautet die Beschreibung von Neil MacGregor, der sowohl Direktor dieses Museums als auch Autor des Buches ist, in dem er unter dem Titel „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ diese Objekte nicht einfach nur beschreibt, sondern dem Leser Stück für Stück die Weltgeschichte nahe bringt.

„Dieser Schiffsautomat ist ein wahrhaft beeindruckendes Luxusspielzeug der europäischen Renaissance, und es steht nicht nur sinnbildlich für den europäischen Schiffsbau zwischen 1450 und 1650, sondern für Europa selbst. In diesen zwei Jahrhunderten veränderte sich die Sicht Europas von der Welt und dem eigenen Platz in ihr grundlegend“, schreibt MacGregor. Und allein dieser gedankliche Bogen lässt schon erahnen, mit welcher Leichtigkeit der Kunsthistoriker die Welt erklären kann. Was soll ich sagen? Wer noch mehr über das Buch erfahren will, wird bei Opas Tests und Kritiken unter der Rubrik Bücher fündig. Und ich kann versprechen: Es lohnt sich!

MacGregorGeschichtederWelt_S. 566 KopieSchiffsautomat © The Trustees of the British Museum

Auch Könige haben’s schwer

Der 6. Januar ist der Tag der Heiligen Drei Könige. In der katholischen Kirche werden sie als Heilige verehrt und mit dem Fest der Erscheinung des Herrn, auch Epiphanie oder Epiphanias genannt, gefeiert. Während üblicherweise die Krippen im Lande an diesem Tag um die drei Figuren ergänzt werden, dürfen sie bei Opas Krippe ja schon vom ersten Tag an mit dabei sein. Dieses Privileg ist für die Könige allerdings mit einigen Unannehmlichkeiten verbunden. Denn wenn sich unsere beiden Enkel über ihre Spielkrippe hermachen, dann landen die Drei schon mal kopfüber in einem Bottich, mit Schafen zusammengepfercht auf dem Dachboden oder einsam verstreut irgendwo in der Scheune. Nur selten finden sie sich dort wieder, wo sie hingehören: Vor das Jesuskind. Was soll ich sagen? Auch das Leben als Heilige Drei Könige ist nicht immer einfach.

PS: Übrigens hat es auch das Jesuskind zuweilen schwer. Neulich quittierte unser jüngster Enkel seine vergeblichen Versuche, die Figur in eine senkrechte Position zu bringen, mit der ziemlich vorwurfsvollen Bemerkung: “Das Jesuskind kann ja gar nicht stehen.”

IMG_0264Bei Opas Krippe dürfen die Heiligen Drei Könige vom ersten Tag an mit dabei sein.

Wohl dem, der so eine Oma hat

Unser jüngster Enkel weiß, wie man Frauen glücklich macht. Aber auch Oma hat ihre Qualitäten. Jedenfalls hat sie gerade den kleinen Mann in den siebten Himmel befördert. Nachdem sie in letzter Zeit aufgrund der Beanspruchung durch Opa bzw. dessen Büro ihre künstlerischen Neigungen nicht mehr so ausleben konnte, ist ihr jetzt wieder ein großer Wurf gelungen. Dabei waren die Anforderungen beileibe nicht einfach: Ein Piratenbild mit Gepard, Löwe und Tiger, die, was die beiden ersten Tiere betrifft, miteinander kämpfen. Also hat sich Oma hingesetzt und gemalt, was das Zeug hielt. Und herausgekommen ist ein Bild, das sich wahrlich sehen lassen kann. Was soll ich sagen? Wohl dem, der so eine Oma hat. Jedenfalls hängt das Bild nunmehr über dem Bett des kleinen Mannes und erinnert ihn jeden Tag daran, was er an seiner Großmutter hat.IMG_0031 KopiePS: Auf dem ersten Bild fehlt ein ganz wichtiges Piraten-Utensil, das Oma – nach einem entsprechenden Protest unseres Jüngsten – noch schnell nachträglich eingefügt hat.Piraten 2

“Silber und Gold habe ich nicht”

„Silber und Gold habe ich nicht, was ich aber habe, das gebe ich Dir“, schreibt Matthias Claudius als Prolog in seinem “Vermächtnis” an seinen Sohn Johannes. Abgesehen einmal von der Sprache, die eben so ist wie im Jahre 1799, hat der Brief bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Hier ein paar Beispiele aus dem Text des deutschen Dichters und Journalisten, der von 1740 bis 1815 gelebt hat: „Ich habe die Welt länger gesehen als Du. Es ist nicht alles Gold, lieber Sohn, was glänzt, und ich habe manchen Stern vom Himmel fallen und manchen Stab, auf den man sich verließ, brechen sehen“, schreibt Claudius gleich zu Beginn. Später dann rät er seinem Sohn: „Halte Dich zu gut, um Böses zu tun. Hänge Dein Herz an kein vergänglich Ding“, um dann festzustellen: „Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, lieber Sohn, sondern wir müssen uns nach ihr richten.“ Auch weiß Claudius: „Inwendig in uns wohnet der Richter, der nicht trügt, an dessen Stimme uns mehr gelegen ist als an dem Beifall der ganzen Welt und der Weisheit der Griechen und Ägypter.“ Dass Claudius gerne Metaphern benutzt, zeigt sich spätestens an dieser Stelle: „Lerne gern von andern, und wo von Weisheit, Menschenglück, Licht, Freiheit, Tugend usw. geredet wird, da höre fleißig zu. Doch traue nicht flugs und allerdings, denn die Wolken haben nicht alle Wasser, und es gibt mancherlei Weise. Sie meinen auch, daß sie die Sache hätten, wenn sie davon reden können und davon reden. Das ist aber nicht, Sohn. Man hat darum die Sache nicht, daß man davon reden kann und davon redet. Worte sind nur Worte, und wo sie so gar leicht und behende dahin fahren: da sei auf der Hut, denn die Pferde, die den Wagen mit Gütern hinter sich haben, gehen langsameren Schritts.“ Zwei Passagen, die mir in meinem Leben viel geholfen haben, sind diese: „Was einer nicht hat, das kann er auch nicht geben. Und der ist nicht frei, der da will tun können, was er will, sondern der ist frei, der da wollen kann, was er tun soll.“ und „Tue das Gute vor dich hin, und bekümmre dich nicht, was daraus werden wird. Wolle nur einerlei, und das wolle von Herzen.“ Bemerkenswert ist, dass es offensichtlich schon damals der Mahnung bedurfte: „Tue keinem Mädchen Leides und denke, daß deine Mutter auch ein Mädchen gewesen ist.“ Es gäbe noch vielen Sätze zu zitieren. Aber das wäre sicherlich an dieser Stelle des Guten zuviel. Was soll ich sagen? Wer den ganzen Brief lesen will, kann dies hier tun. Allen anderen sei zumindest noch dieses Zitat anempfohlen: „Sage nicht alles, was Du weißt, aber wisse immer, was Du sagst.“

PS: Johannes, der älteste Sohn von Matthias Claudius, verließ 1799 mit sechzehn Jahren sein Elternhaus, um in Hamburg eine Kaufmannslehre zu absolvieren. Sein Vater gab ihm sozusagen als Wegzehrung diesen Brief mit, der 1802 im Teil VII seiner Werke abgedruckt wurde. Bald danach entschied sich Johannes für ein Studium der Theologie, das er erfolgreich abschloss und 1813 Pfarrer in Sahms (Lauenburg) wurde. Dort starb er 1859.

IMG_1756Der Brief von Matthias Claudius an seinen Sohn Johannes aus dem Jahre 1799 hat Opa sein Leben lang hilfreich begleitet und bis heute nichts an Aktualität eingebüßt.