Oma und Opa sind Glücksberliner

Man lernt ja nie aus. Wir hier in Berlin sind – glaubt man den örtlichen Medien – eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Nach Ansicht der Berliner Zeitung gibt es nämlich Sommerberliner und Winterberliner. Ich zitiere: “Sommerberliner sind glückliche Wesen. Sie sitzen bis tief in die Nacht mit Bier vor Spätis, trinken Cocktails auf Dachterrassen, knutschen am Spreeufer oder schippern nackig über den Müggelsee. Um sie müssen wir uns keine Sorgen machen.” Und dann sind da noch die Winterberliner, die “sind das genaue Gegenteil der Sommerberliner. Graue, traurige Menschen in Funktionsjacken, die durch zugige U-Bahnhöfe eilen, um sich beim Hausarzt eine Krankschreibung zu holen. Ihre Gemütsverfassung ist bedenklich. Der Winterberliner flirtet nicht, er lacht nicht, und er verlässt seine Wohnung abends nur, wenn nichts im Fernsehen kommt. Dann sitzt er in verrauchten Kneipen und lässt sich von seinem Gegenüber stundenlang erzählen, dass der ja wirklich vorhatte, diesen Winter woanders zu verbringen. Vielleicht in Thailand oder in Vietnam, da solle es ja auch schön sein. Nach einem Bierchen zu viel zieht sich der Winterberliner seine drei Kleidungsschichten an, setzt die Mütze auf (es sei denn, er ist ein junger Mensch, die setzen ihre Mütze ja gar nicht erst ab) und geht zurück in seine kalte Altbauwohnung, in der niemand auf ihn wartet. Sobald die Tage am kürzesten sind, besucht er dann noch einmal den Weihnachtsmarkt auf dem Alexanderplatz, der ihm den letzten Rest Lebensfreude raubt.” Soweit die Berliner Zeitung. Was soll ich sagen? Also, Oma und Opa sind eindeutig Sommerberliner, auch wenn wir nicht bis tief in die Nacht mit Bier vor Spätis sitzen, keine Cocktails auf Dachterrassen trinken, nicht am Spreeufer knutschen und auch nicht nackig über den Müggelsee schippern – wobei das ja mal … ach lassen wir das lieber. Aber wir erfreuen uns jeden Tag unseres Lebens, genießen unsere Kinder und Enkelkinder, laden gerne Gäste ein und sind glücklich und zufrieden mit dem, was wir haben. Und wir sind auch (Wahl-)Berliner. Vielleicht gibt es ja noch eine dritte Gruppe: Die Glücksberliner. Da gehören wir dann ganz sicher dazu.

So schön kann der Berliner Winter sein: Also, überhaupt kein Grund zur Depression.

Kurtort Bad Berlin

In Berlin sind Ferien. Da ist die deutsche Hauptstadt wieder einmal so ruhig, dass sie fast das Prädikat verdient hätte: Kurort Bad Berlin. Nur die Touristen rattern noch mit ihren Rollkoffern durch die Straßen, so wie das die Berliner jetzt andernorts tun. Was soll ich sagen? Jeder ist überall Tourist, nur nicht daheim. Ein schönes Wochenende noch und bleiben Sie gesund …

Da kannste nicht meckern!

Das war endlich mal wieder ein Wochenende, bei dem sagen konnte: Da kannste nicht meckern! Dass das das höchste Lob hier in Berlin ist, dürfte ja mittlerweile bekannt sein. Wer es bislang noch nicht wusste, weiß es dann eben jetzt. Was soll ich sagen? Ein schönes Wochenende noch und bleiben Sie gesund …

Wer an diesem Wochenende nicht offen gefahren ist, dem war nicht mehr zu helfen …

Alles ein bisschen größer

Oma und Opa konnten es sich am Wochenende so richtig gut gehen lassen. Nachdem unsere Kinder ihr Eltern-Verschickungs-Programm wieder aufgelegt und uns nach Paris verfrachtet hatten, lautete das Motto: Leben wie Gott in Frankreich. Angesichts der Kilometer, die wir durch die französische Hauptstadt gelaufen sind, haben wir uns das aber auch verdient. Und das Huguette, das wir gleich am ersten Abend entdeckt hatten, wurde dann gleich zu unserem Stammlokal, das uns abends mit seinen Meeresfrüchten lockte. Verglichen mit Berlin ist Paris, man muss es so sagen, riesig: Die Entfernungen sind enorm, die Straßen lang und breit sowie die Gebäude gigantisch. Der Arc de Triomphe ist – wenn man sich das Brandenburger Tor daneben vorstellt – gewaltig. Vom Eiffelturm will ich gar nicht reden. Alles ist ein bisschen größer und weiter. Auch die Entfernungen, die man innerhalb der Metro zu Fuß zurücklegen muss, sind beachtlich. Was soll ich sagen? Mit einem aber kann Berlin mithalten, nämlich mit den Kaffee-Preisen. Als ich im Café Georges V auf den Champs-Élysées angesichts eines Preises von 7,20 Euro pro Café Creme ein wenig Schnappatmung bekam, meinte Oma nur lapidar: Im Adlon ist’s teurer. Dort kostet der Kaffee 7,50 Euro – wäre doch auch gelacht gewesen.

            

Ein Leben wie Pandas in Berlin

Opas Chinesisch ist etwas eingestaubt. Jedenfalls musste er beim heutigen Staatsakt für die beiden Panda-Bären im Zoo Berlin den Simultandolmetscher in Anspruch nehmen, als der chinesische Staatspräsident Xi Jinping seiner Hoffnung Ausdruck verlieh, dass die beiden Bären die Beziehungen zwischen China und Deutschland noch weiter vertiefen und Botschafter der Freundschaft sein mögen. Bundeskanzlerin Angela Merkel stieß ins gleiche Horn und erklärte, dass Jiao Qing (Schätzchen) und Meng Meng (Träumchen) zwei sehr sympathische Botschafter seien. Wie auch immer, die beiden Bären sind derzeit die einzigen Riesenpandas in Deutschland. Für die breite Öffentlichkeit zu sehen sind die Tiere ab dem morgigen Tag. Dafür muss der Zoo Berlin übrigens 1 Million US-Dollar jährlich auf den Tisch blättern. Denn Schätzchen und Träumchen sind kostenpflichtige Leihgaben Chinas, und das zunächst für die nächsten 15 Jahre. Was soll ich sagen? Opa würde gerne mit den Pandas tauschen. Denn die fressen und schlafen jeweils zwölf Stunden am Tag und liegen dabei auch noch faul herum. Was ist da schon ein Leben wie Gott in Frankreich. Ab jetzt heißt es: Ein Leben wie Pandas in Berlin.

Machten den beiden Panda-Bären heute ihre Aufwartung: Bundeskanzlerin Angela Merkel und der chinesische Staatspräsident Xi Jinping beim Staatsakt im Zoo Berlin.

Omas Urteil etwas milder

Dieser Tage ist mir ein Buch auf den Tisch geflattert, das gerade erschienen und für Kinder im Alter zwischen acht und zwölf Jahren gedacht ist: Mein Berlin-Buch lautet der Titel und soll ein, wie es heißt, „Wissensspaß für schlaue Kinder“ sein. Da ich altersbedingt ganz sicher nicht zur Zielgruppe zähle, soll ich die 128 Seiten wohl besprechen. Nun denn, fangen wir an: Gegliedert ist der Inhalt durchaus kindgerecht und umfasst neun Kapitel: Landschaft – Bevölkerung – Essen und Trinken – Wohnen – Schule und Arbeit – Feste, Spiele, Mode – Musik und Kultur – Sport – Anhang, mit durchaus interessanten Einzelheiten. Gespickt ist das Buch mit Tipps des Kindermagazins ZEIT LEO sowie Ausflugtipps wie „Auf ins Museumsdorf Düppel!“ oder „Ab ins Deutsche Technikmuseum Berlin“. Sicherlich keine schlechte Wahl für Kinder in der anvisierten Altersgruppe, die aber vermutlich auch interessiert hätte, wie man dort auch noch hinkommen könnte. Aber von dem öffentlichen Nahverkehr in Berlin, der europaweit seinesgleichen sucht, keine Spur. Berliner Verkehrsbetriebe und S-Bahn, über die man ganz gewiss auch trefflich schimpfen könnte, finden nicht statt. Dafür aber haben es Peek & Cloppenburg sowie die Modemacher Guido Maria Kretschmer und Michael Michalsky geschafft, mit dem Thema Mode sage und schreibe vier Seiten zu füllen. Ob das die Kids in dem Alter wirklich interessiert? Das Kapitel Feste, Spiele, Mode hat es überhaupt in sich. Da wird beispielsweise die Frage „Wie ist Weihnachten in Berlin?“ wie folgt beantwortet: „Weihnachten ist das Fest der Christen. In der Weihnachtszeit verändert sich die Stadt: Es glitzert und glänzt überall. Berlin hat mit mehr als 80 Weihnachtsmärkten die meisten in ganz Europa. Kurz bevor die ersten Türen des Adventskalenders geöffnet werden dürfen, sind die Marktstände schon bereit. Diese Tradition gibt es seit dem späten Mittelalter. Damals deckten sich die Menschen vor dem Winter mit allen notwendigen Waren ein, um über die kalte Jahreszeit zu kommen. Später kamen Verkaufsstände mit Weihnachtsgeschenken hinzu. Die Tradition des Schenkens begann bereits vor 2.000 Jahren bei den Römern und wurde von den Christen fortgesetzt. Weihnachten als Familienfest entstand erst nach 1900.“ Über die Qualität der Antwort mag jeder für sich urteilen. Aber mit Weihnachten war’s das dann auch schon, kein einziges Wort von Jesu Geburt. Und auch auf die beiden anderen großen Feste der immerhin über eine Million Christen in der Stadt, Ostern und Pfingsten, fehlt jeder Hinweis. Da haben es die rund 11.000 Mitglieder der jüdischen Gemeinde und die zirka 250.000 Menschen muslimischen Glaubens es besser getroffen. Ihre Religionen werden immerhin auf drei Seiten dargestellt und beschrieben, was in keinster Weise gegen Juden oder Muslime spricht, sondern in diesem Kontext nur irgendwie nicht ins Verhältnis passt. Zumindest erfahren wissbegierige Jungen und Mädchen, was es mit den Hugenotten auf sich hat und was Protestanten sind. Ich will das Buch wirklich nicht schlecht machen. Gemeinsam mit Eltern oder Großeltern werden einige Kinder sicher Honig aus den Zeilen saugen können. Auch die eine oder andere Lehrkraft wird vielleicht für den Unterricht inspieriert. Aber ob Aufmachung und Layout die heute doch medial verwöhnten Kinder ansprechen werden, darf zumindest hinterfragt werden. Und was die inhaltlichen Schwachstellen betrifft, ist hier beileibe nicht alles erwähnt. Dabei ist es schon eine Leistung, in einem Buch über Berlin ohne das Wort Kiez auszukommen. Was soll ich sagen? Vielleicht bin ich ja mal wieder zu anspruchsvoll. Omas Urteil zumindest ist etwas milder: „Im Großen und Ganzen ist das Buch schon okay.“

                                                                                   Eva Boos, Dorothee Fleischmann, Anne Bernhardi, Mein Berlin-Buch                        emons:, Köln, 128 Seiten, 2017, 16,95 Euro, ISBN 978-3-7408-0098-7

Berlin liegt voll im Trend

Ungeachtet aller Probleme, die Berlin hat und die der Stadt zu schaffen machen, ist die deutsche Hauptstadt voll im Trend. Alleine im vergangenen Jahr sind es über 60.000 Menschen mehr geworden, die nun an der Spree wohnen. Einen so großen Zuwachs hat es in der Stadt zuletzt kurz nach dem Krieg gegeben, seitdem nicht mehr. Offenbar schreckt es niemanden ab, dass die hiesigen Schulen total marode sind und einen Sanierungsstau von über 4 Milliarden Euro aufweisen, dass wegen Straßenschäden auf immer mehr Straßen Tempo 30 eingeführt wird, dass die Chancen auf einen Lottogewinn größer sind als auf einen Termin im Bürgeramt, dass Digitalisierung ein Fremdwort und ein flächendeckendes WLAN-Netz vermutlich ein frommer Wunschtraum bleiben, dass seit Jahren an einem Flughafen herumgebastelt wird, von dem vermutlich nie Flugzeuge starten werden, und dass das größte Lob des Berliners lautet: Da kannste nicht meckern. Dafür gibt es allerdings auch ein unerschütterliches Selbstvertrauen, das am besten folgender Spruch verdeutlich: Wir haben zwar keine Berge, aber wenn wir welche hätten, wären sie viel höher als eure. Was soll ich sagen? Oma und Opa fühlen sich hier – wie alle anderen auch – pudelwohl und lassen nichts auf die Stadt kommen – wenn dann nur auf die rot-rot-grüne Regierung, die ohnehin an allem schuld ist. Und dass das Durchschnittsalter in unserem Bezirk mit 46,2 Jahren am höchsten ist, dafür können wir nun wirklich nichts. Wie klagte Oma neulich, als wir in einem Supermarkt einkaufen waren: Nur alte Leute hier …

Berlin zieht immer mehr Menschen an. 2016 wurden es über 60.000 Einwohner mehr.